A bis Z mit dem Chef des Tierpark Hellabrunn

Rasem Baban: "Meine Familie hat eigentlich 19.000 Haustiere"

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Der 52-jährige Rasem Baban lebt mit seiner Familie direkt neben dem Tierpark - und freut sich jeden Tag auf seine Aufgaben als Chef von Hellabrunn. 

Er ist der Herrscher über die Tiere - Tierpark-Chef Rasem Baban. Mit Hallo hat er über die Eröffnung des neuen Mühldorfs, den Tod des Publikums-Lieblings Olga und Vegetarier gesprochen

Im August herrscht jedes Jahr Hochsaison im Tierpark Hellabrunn und heuer werden sogar noch mehr Besucher als üblich erwartet, denn: Nach einem Jahr Bauzeit und vorangegangener zweijähriger Planungsphase hat Tierpark-Chef Rasem Baban jetzt das neue Mühlendorf eröffnet, in dessen Fokus die heimische Biodiversität – also die Vielfalt des Lebens steht. Diese fällt bei Baban vor der Haustür noch größer aus als gewöhnlich, denn der 52-Jährige wohnt mit Frau und den drei Kindern direkt gegenüber des Tierparks. Im Hallo-Interview spricht der studierte Architekt über Fleischkonsum, verrät die kommenden Projekte und erzählt, warum im Grunde jeder einmal Zoodirektor werden kann. Daniela Borsutzky

Architekt: Eigentlich wollte ich unter anderem Biologie studieren, das war mir dann aber doch zu unkreativ – also wurde es Architektur. Ich habe lange in dem Beruf gearbeitet und mich aber immer mehr von dem entfernt was ich eigentlich wollte, nämlich etwas nachhaltiges schaffen. Im Zoo Leipzig wurde ein Technischer Leiter gesucht und ich habe die Stelle bekommen. Heute baue und arbeite ich für die Tiere in München.

Beobachtung: Die meisten der Tiere wissen, dass sie beobachtet werden. Aber wenn es ihnen zu viel wird, haben sie immer die Möglichkeit sich zurückzuziehen. Dann sollten die Besucher auch nicht traurig sein, wenn sie mal ein Tier nicht zu Gesicht bekommen, sondern das respektieren.

Chinesisches Nationaltier: Wir brauchen hier keine Pandas. Nicht jeder Zoo muss alle Tiere halten, das ist keine Briefmarkensammlung.

Dracula: Unsere Brillenblattnasen, eine Fledermausart, sind keine Blutsauger, sie haben eher einen süßen Zahn und lieben Obst.

Elefanten-Anlage: Sie ist die historische Keimzelle des Tierparks und sieht nun nach ihrer Sanierung und der Neueröffnung von 2016 wieder aus wie die Originalversion von 1914.

Familienfreundlich sind wir. Wir haben eine extrem günstige Familienkarte, bei der es egal ist, ob man nur ein Kind oder zehn hat. Und bei uns kann man wirklich den ganzen Tag verbringen. Ein Zoo ist kein Vergnügungspark, aber jeder Freizeitpark ist teurer.

Gondwanaland: Europas größte Tropenhalle im Zoo Leipzig habe ich mitentwickelt. Sie erzählt die Geschichte des Urkontinents Gondwana.

Haustiere: In Leipzig hatten wir zwei Katzen, die leider überfahren wurden. Jetzt sage ich zu meinen Kindern immer: Wir haben gut 19 000 „Haustiere“ vor unserer Tür, das sollte reichen (lacht).

Irrtümer: Es passiert tatsächlich, dass uns Leute fragen, warum wir noch immer mit Fleisch füttern, heutzutage sei vegetarische Ernährung doch normal. Da muss man dann geduldig erklären, dass ein Löwe eben nicht mit einem Salatkopf zufriedenzustellen ist.

Jungtiere: Momentan haben wir beispielsweise die Elch-Zwillinge. Jungtiere sind das positive Ergebnis des Artenschutzerhaltungsprogramms. Und wenn Menschen nur wegen der Babies in den Zoo kommen ist das in Ordnung – denn auf ihrem Weg werden sie noch mehr über Artenschutz und Biodiversität kennenlernen.

Konzept: Die Erweiterung vom „Geozoo“ zum „Geozoo der Biodiversität“ bedeutet, dass die Vielfalt des Lebens nicht nur gezeigt, sondern durch Bildungsangebote, Forschungs-, Artenschutz-, und Zuchtprogramme der Zoos gefördert und bewahrt werden soll.

Lieblingsort: Früher war es das Dschungelzelt, jetzt unser neues Mühlendorf. Gerade bei dieser Hitze ist das Fischbruthaus schön schattig und kühl.

Mühlendorf: Es ist eine Bühne, um eine Geschichte zu erzählen und zwar die der Biodiversität vor unserer eigenen Haustür. Im zweiten Bauabschnitt geht es an die Tierparkschule und einen Stall für exotische Nutztiere, die Eröffnung ist im Sommer 2019.

Nachzuchten: Es gibt drei gleichwertige Gründe warum im 21. Jahrhundert Zoos noch ihre Berechtigung haben: Bildungsauftrag, Wissenschaft und Artenschutz – und somit Nachzuchten.

Olga: Mit 41 Jahren war sie bis zu ihrem Tod im Juni die älteste Braunbärin ihrer Art in Europa. Später wird ihre Anlage zur Löwenanlage, aber das nehmen wir erst ab 2021 in Angriff. Bis dahin werden dort andere Tiere unterkommen, zum Beispiel wenn ein anderer Zoo mal auslagern muss. Wir arbeiten da alle eng zusammen.

Polarwelt: Sie wurde im September 2017 eröffnet und ist die erste Geozone, die komplett fertig ist. Die Anlage hat nun eine Wasserfiltration. Davor musste man alle vier Woche das Wasser ablassen und erneuern, jetzt höchstens einmal im Jahr.

Qualifikation: Bei uns ist es bislang üblich, dass Biologen oder Tierärzte Zoodirektoren werden, im angelsächsischen Bereich sind es oft Ingenieure oder Kaufleute. Es gibt keine vorgegebene Laufbahn. Aber für Tiere und Natur muss man sich begeistern können.

Reptilien und Fische: Bei denen tu ich mich schwer, es sind einfach zu viele. Aber im Großen und Ganzen kenne ich sonst schon alle Tiere bei uns.

Shows: Unsere Vorführungen dienen nicht in erster Linie der Unterhaltung. Wir machen mit unseren Tieren ausschließlich Medical Training, um sie im Ernstfall versorgen zu können. Wenn ein Tier das Maul aufreißt wollen wir damit nicht zeigen, wie sehr es beißen könnte. Wir trainieren, damit der Tierarzt die Zähne kontrollieren kann.

Tiefsee: Darüber wissen wir weniger als über die Mondoberfläche. Vor allem wegen der besonderen Lebensumstände können wir sie in unseren Aquarien nicht nachbilden.

Unsitte: Gerade in der Urlaubszeit werden einige Schildkröten oder Reptilien im Dschungelzelt ausgesetzt. Das ist gefährlich, denn die Tiere könnten Krankheiten verbreiten.

Vegetarier: Ich bewundere die Menschen, welche sich konsequent vegetarisch ernähren. Bei mir wird es noch etwas dauern, bis ich meine Ernährung umgestellt habe - aber ich bin auf dem Weg.

Werbung: Wir haben uns von der Natur entfernt, selbst rudimentäres Wissen ist bei einigen nicht mehr vorhanden. Ich habe eine Familie beobachtet, die einen freilaufenden Pfau für einen Strauß gehalten hat. Unsere Werbeplakate nach dem Motto „Papa, schau mal ein Hase...“ – obwohl ein Känguru zu sehen ist, sind nicht umsonst so gestaltet worden.

XL/XS: Das schwerste Tier bei uns ist der Elefant, das Größte die Giraffe. Die kleinsten sind wohl die Raubturmdeckelschnecken.

Yak: Eine sehr eigentümliche Tierart und immer total relaxed. Sie sehen so urtümlich aus und könnten in einem Science-Fiction-Film mitspielen.

Zukunft: Ich habe vor, sie hier zu verbringen, die Ziele in Hellabrunn umzusetzen. Dabei muss man mit der Zeit gehen, aber nicht mit der Mode.

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