A bis Z mit der Patientenbeauftragte

Petra Schweiger: "Deutschland ist in Sachen Patientenperspektive ein Nachzügler"

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Münchens erste kommunale Patientenbeauftragte Deutschlands - Petra Schweiger.

Münchens Patientenbeauftragte Petra Schweiger spricht mit Hallo über Sorgen und Hemmschwellen von Patienten

Überfüllte Notaufnahmen, Ärztemangel, Pflegenotstand: Die Liste der Makel in Münchens Gesundheitswesen ist lang. Petra Schweiger wird viel davon zu hören bekommen. Die 46-jährige Bogenhauserin ist die erste kommunale Patientenbeauftragte Deutschlands und seit Mai im Referat für Gesundheit und Umwelt tätig. Zu den Brennpunktthemen äußern möchte sie sich nicht – das Politische sei Aufgabe der Referatsleitung. Stattdessen will sie jetzt in eine Öffentlichkeits-Offensive gehen. „Erstmals treffen kann man mich beim Tag der Daseinsvorsorge am 20. Oktober“, so Schweiger. Warum manche Beschwerden der Patienten tief blicken lassen, wie man sie erreichen kann und was sie sich für ihr Amt vorgenommen hat, verrät sie im Interview von A bis Z.

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Angebot: München hat das größte kommunale Gesundheits­amt Deutschlands. Im Gesundheitsbereich gibt es zahlreiche Angebote und Kooperationen für Patienten. Ich verstehe mich als Wegweiser zu einer besseren Orientierung.

Brennpunktthemen wie Wartezeiten für Fachärzte, die Situation in den Notaufnahmen oder der Pflegenotstand sind mir natürlich bekannt. Unsere Münchner Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs setzt sich seit ihrem Amtsantritt intensiv zur Besserung der Situationen ein.

Chance: Die Patientenperspektive ist oft noch unterrepräsentiert. So gab es in München bisher keine Stelle, an der Patientenanliegen gebündelt und analysiert wurden. Mit mir gibt es nun die Chance, die Patientensicht sicht- und hörbar zu machen.

Dokumente: Unabhängig vom Alter ist es wichtig, eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung zu haben. Beratung dazu bekommt man etwa beim Hausarzt oder bei Hospizvereinen.

Einmalig: Eine kommunale Patientenbeauftragte gab es bislang in Deutschland nicht. München hat mit mir die erste. Ich bin gerade dabei, die Funktion zu definieren.

Fürsprecher: 19 Patientenfürsprecher gibt es derzeit in Münchens Kliniken. Im Idealfall können sie möglichst unabhängig an den Kliniken arbeiten. Als Mediatoren vor Ort können sie dazu beitragen, dass Probleme nicht eskalieren. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass sich dieses Angebot in München weiter ausbreitet.

Gesundheit: Für meine eigene Regeneration nutze ich die Feldenkrais-Methode und Atem-Arbeit.

Heim: Für meine Magisterarbeit habe ich Feldforschung in einem Münchner Altenpflegeheim betrieben. Dabei ging es darum, wie sich Rationalisierungsmaßnahmen auf die Arbeit der Pfleger auswirken.

Internet: Ich arbeite gerade an einem Auftritt auf der Website des Referats für Gesundheit und Umwelt, der bald online geht.

Jammern: Oft werden Beschwerden als Jammern abgetan. Doch hinter jeder Beschwerde steckt ein Anliegen, das ernst genommen werden möchte. Wenn also jemand über das Essen in einer Klinik klagt, könnte es auch um etwas ganz anderes gehen, wie um einen wenig wertschätzenden Umgang.

Kontakt: Erreichen kann man mich telefonisch unter 23 34 75 07 oder per E-Mail an patientenbeauftragte.rgu@muenchen.de. Wer mich persönlich kennenlernen will: Beim Tag der Daseinsvorsorge der Landeshauptstadt München am Samstag, 20. Oktober, bin ich am Marienplatz mit einem eigenen Stand vertreten.

Lagebericht: Alle zwei Jahre werde ich für den Stadtrat München einen Bericht mit den Anliegen und Themen der Patienten anfertigen.

Migration: Gerade Menschen mit Migrationshintergrund haben Probleme, sich im deutschen Gesundheitswesen zurechtzufinden – aus Sprachgründen, aber auch, weil sie das System oft nicht kennen. Es ist wichtig, dieser Gruppe von Menschen besonders sensibel zu begegnen. Das Gesundheitsreferat ist da bereits sehr aktiv, es gibt sogar eine eigene Fachstelle für „Migration und Gesundheit“.

Netzwerke: Zur Stärkung der Patienteninteressen bin ich gerade dabei, verschiedene Akteure, die sich speziell um Patientenangelegenheiten kümmern, miteinander zu vernetzen.

Oekonomisch: Jede Klinik hat ein Beschwerdemanagement. Die Einrichtung einer zusätzlichen Patientenfürsprache kann dieses entlasten. Das ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Patient bedeutet ursprünglich „geduldig, leidend, ertragend“. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Deutung des Begriffs nur noch der Vergangenheit zuzuschreiben ist. Die Patienten werden heute immer mündiger.

Qualität: Nicht nur Beschwerden und Anliegen, sondern auch Lob und Anregungen von Patienten liefern wertvolle Hinweise, um die Qualität im Medizinsektor zu verbessern.

Rechte: Viele Patienten kennen oft ihre Rechte nicht. Das kann zum Beispiel das Recht auf Aufklärung über eine weitere Behandlungsmöglichkeit sein. Oder sie kennen nicht die Möglichkeit, sich bei entsprechenden Voraussetzungen von der Rezeptgebühr befreien zu lassen.

Selbsthilfe: In der Landeshauptstadt München gibt es allein 660 Selbsthilfegruppen für den Bereich Gesundheit, an die sich Münchner wenden können.

Teilstationär: Patienten aus diesem Bereich können sich genauso an mich wenden wie stationäre oder ambulante.

Unabhängige Beratung: Für Patienten ist es wichtig, eine möglichst unabhängige Beratung zu bekommen. In München gibt es verschiedene Beratungsstellen, die sehr spezialisiert weiterhelfen können.

Vertrauen: Mir geht es vor allem um das Selbstvertrauen der Patienten. Darum, dass es in Ordnung ist, sich – auch mal hartnäckig – mit seinem Anliegen an die Klinik oder den Arzt zu wenden. Das hilft allen Beteiligten und auch der eigenen Heilung.

Werdegang: Seit Mitte der 90er-Jahre bin ich Physiotherapeutin. Außerdem habe ich Europäische Ethnologie studiert. Ethnologen wechseln die Perspektive und erkennen Kontexte und tiefere Zusammenhänge – das hilft mir sehr in meiner Funktion als Patientenbeauftragte.

X-Chromosom: Bisher haben sich bei mir überwiegend Frauen gemeldet. Vielleicht weil sich Männer seltener Hilfe holen...

Yes: International ist Deutschland in Sachen Patientenperspektive ein Nachzügler. In den USA ist man schon viel weiter. Dort wird die Patientensicht mehr berücksichtigt. Da wollen wir hin.

Zuhören ist die wichtigste Eigenschaft beim Umgang mit Patienten. Dafür braucht es aber ausreichend Zeit, die dem medizinischen Personal nicht immer zur Verfügung steht. Dies führt oft zu Hilflosigkeit und Verärgerung bei den Betroffenen.

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