Exklusiv: Sabine Csampai im Interview

Sie war Münchens Vor-Reiterin

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Starke Frau zwischen mächtigen Männern: Sabine Csampai beim Wiesn-Anstich 1993 zwischen Ministerpräsident Edmund Stoiber, Wiesn-Stadtrat Hermann Memmel und OB Christian Ude.

München – Aktuell bewerben sich zwei Frauen als OB-Kandidaten. 1990 wurde mit Sabine Csampai erstmals eine Frau dritte Bürgermeisterin. Wie sie diese Zeit in Erinnerung hat, verrät sie exklusiv in Hallo

Für die Isarmetropole wäre es ein Paukenschlag: eine Frau als Oberbürgermeister. Kein unmögliches Szenario – immerhin schicken sowohl die Grünen mit Katrin Habenschaden als auch die CSU mit Kristina Frank weibliche Kandidaten ins Rennen.

Nach ihrem Ausstieg aus der Politik zog Sabine Csampai 2001 nach Italien.

1990 gab es in dieser Hinsicht gewissermaßen das erste Beben: Mit nur 38 Jahren wurde Sabine Csampai in die Führungsriege der Landeshauptstadt gewählt. Bis 1996 war die Grünen-Politikerin aus Schwabing als erste Frau der Stadtgeschichte dritte Bürgermeisterin – erlebte das Ende der Ära Georg Kronawitter und den politischen Start Christian Udes als Oberbürgermeister. Nach ihrem Ausstieg aus der Politik zog sie 2001 nach Italien, in die Maremma, mit Schafen, Hühnern, Hunden, Ziegen. Ihre jüngste Tochter sitzt dort heute für die Linke im Gemeinderat.

Wie Sabine Csampai ihre Zeit in Erinnerung hat und wie sehr sich Frauen in der Politik noch emanzipieren müssen, verrät sie im exklusiven Hallo-Interview. von Marie-Julie Hlawica

Frau Csampai, aktuell gibt es zwei OB-Kandidatinnen für die Wahl 2020.
München hat das Potenzial, die kulturelle und soziale Prägung sowie die Chance, als Vorreiter weiter zu gehen. München braucht eine Frau an der Spitze, die sich etwas traut, die die Leute mitnehmen kann, weil die Wähler das Vertrauen in sie haben. Für mich ist München reif für eine Oberbürgermeisterin.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Wahl, 1990?
Ich erinnere mich genau: Auf der Tribüne saß mein Vater mit meinen beiden Kindern. Als feststand, dass ich dritte Bürgermeisterin bin, habe ich zu ihnen geblinzelt: das ist also jetzt gebongt! OB Kronawitter übergab die Leitung der Vollversammlung an mich. Ich hatte Lampenfieber, leichte Panik, habe es dann aus dem Stegreif gemacht. Es hat alles geklappt: Keiner hat mir die Unsicherheit angesehen.

Wie war die Resonanz?
Eine junge Frau in der Politik war fremd. Politikerinnen waren bis dato ältere Damen, jenseits von Gut und Böse. Es wurde viel getuschelt: Bürgermeisterin, kann die das? Viele haben versucht, mich reinzulegen. Ich war neu, aber ich war nicht naiv. Es ist ihnen nicht gelungen.

War es Ihr Traumjob?
Ich fand das öffentliche Leben nicht unproblematisch, war praktisch immer im Amt. Von 8 Uhr morgens bis abends auf Terminen. Auf der Straße wurde ich von allen erkannt, von den Medien beleuchtet. Ich hatte zwei Teenager daheim, ein Liebesleben. Ich stehe nicht gerne im Rampenlicht. Mein Privatleben hatte auch nichts mit meiner politischen Arbeit zu tun.

Nach sechs Jahren in der Münchner Stadtspitze legten Sie das Amt nieder.
Ich bekam noch ein Baby. Mit dem dritten Kind, dem Stillen, entschied ich mich für Familie und gegen die Politik.

Ein schwerer Schritt?
Viele sprachen mich an, bedauerten es. An eine Begegnung erinnere ich mich noch heute: Ich war im Schuhladen. Eine Verkäuferin sagte zu mir: Wie schade dass Sie gehen, Sie waren mir ein Vorbild. Da habe ich schon geschluckt.

Sie waren Vorreiterin in Sachen Frauenpolitik.
Das ist ja heute das zentrale Thema, wir und die rot-grüne Politik haben es vor 30 Jahren ins Rollen gebracht. Es ist für mich niederschmetternd, dass es bis heute kein In-Thema für junge Frauen ist.

Wo ist der Haken?
Es war lange Jahre einfach „nicht sexy“ in die Politik zu gehen – das holt uns Frauen jetzt ein – die hohen Ämter haben immer noch Männer. Jetzt aber denken Frauen neu nach. Freiwillig räumen die Männer ihre Posten nicht.

Ihr Wunsch an politisch aktive Frauen?
Junge Frauen sollten sich mehr betätigen. Diese Altmännerromantik in der Politik ist überholt: Nicht die sollen sie machen, sondern diejenigen, die Veränderungen, Gesetze und Resultate die nächsten 40 Jahre mittragen: junge Leute! Der Blick muss sich dahin öffnen. Dazu sind Frauen empathischer als Männer, können sich mitfühlender in andere Lebenswelten eindenken.

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