Ist ihre Kunst Gold wert?

Münchens Shooting-Star-Künstlerin Susi Gelb (32) von A bis Z

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Isarvorstadt: Sie machte im Sommer den Lenbachplatz zur Bananenplantage und ließ Palmen vor der Feldherrnhalle sprießen: Susi Gelb ist derzeit eine von Münchens angesagtesten Künstlern.

Sie machte im Sommer den Odeonsplatz zum Tropenwald und eine Schwabinger Tiefgarage zum Korallenriff – Susi Gelb. 2014 schloss die 32-Jährige ihr Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste ab, mittlerweile avancierte sie zu einem Liebling der Münchner Kunstszene und steuert jetzt zum ersten Mal selbst einen Beitrag für die berühmteste Kunstauktion der Stadt bei. Am Samstag, 18. November, steigt die jährliche Party der Freunde der Pinakothek der Moderne, die PIN-Party. Durch die dort stattfindende Auktion bedeutender Kunstwerke, die von Künstlern und Galerien gestiftet werden, kamen im letzten Jahr über eine Million Euro für die Pinakothek der Moderne zusammen. Susi Gelbs Skulptur „Upstream (t) No. 55“ geht mit einem Schätzwert von 3100 Euro ins Rennen. Wieso das etwas ganz Besonderes für sie ist, welches Kunstwerk sie selbst gerne besitzen würde und wieso ihre Kunst oft lebt, verrät sie im Hallo München-Interview.

Vanessa Hahn

Alchemie begeistert mich! Das zeigt auch meine Kunst, für die ich sehr viel experimentiere, ganz so, wie früher Alchemisten. Auch wenn ich Bildhauerei studiert habe, würde ich mich nicht per se Bildhauerin nennen. Ich mache Konzeptkunst, Videos, Objekte und Installationen und arbeitete dafür mit verschiedensten Medien und Materialien.

Baumstraße: Ich liebe mein Atelier mit Dachterrasse in der Isarvorstadt. Es liegt in einem Hinterhof in der Baumstraße. Der Mietvertrag für die 24 städtischen Ateliers ist auf fünf Jahre begrenzt. Dann ziehen neue Künstler ein – und ich vielleicht endlich in den Regenwald.

Capri Batterie ist der Name eines meiner Lieblingskunstwerke des Künstlers Joseph Beuys – das Objekt besteht aus eine Zitrone, in der eine gelbe Glühbirne steckt. Es wäre schon ein kleiner Traum, eines der weltweit 200 Exemplare zu besitzen.

Dynamik: Ich finde die Kunstwerke am interessantesten, die nicht ganz geglückt sind – oder sich im Laufe der Zeit verändern. Vielen Menschen machen Veränderungen Angst, dabei gibt es keinen Grund, immer nur an Altbewährtem festzuhalten.

Easy!Upstream: Ich bin Mitbegründerin von easy!upstream, einem Projekt, das verschiedene Räume in München mit zeitgenössischer Kunst bespielt. Wir haben bereits eine Tiefgarage in Schwabing und eine Villa in Bogenhausen in einen Ausstellungsort verwandelt.

Forschung: Ich bin nicht nur Künstlerin, sondern gewissermaßen auch Forscherin. Ich mische Materialien und erforsche, wie sie miteinander und aufeinander reagieren.

Gelb: Alchemisten haben mit verschiedenen Materialien experimentiert und wollten unter anderem Gold herstellen. Gelb dient häufig als Symbol für Gold – das war auch eine Inspiration für meinen Künstlernamen.

Hierarchie: Ich denke nicht gerne in Hierarchien. Besonders in der Kunst klappt es nie, alles eindeutig kategorisieren zu wollen.

Installation: Für die Reihe „Kunst im öffentlichen Raum“ des Kulturreferats habe ich im Sommer die multimediale Installation „No such things grow here“ entwickelt, bei der auf dem Odeonsplatz, dem Max-Joseph-Platz und dem Lenbachplatz Palmen, Bananenpflanzen, Bronzeskulpturen, Liegen und eine Videowand aufgestellt wurden.

Jourfixe: An der Kunstakademie habe ich die Reihe „Jourfixe“ organisiert, bei der renommierte Künstler Vorträge und Workshops für Studenten anbieten – eine tolle Erfahrung!

Kunstakademie: Kunst zu studieren war schon immer mein großer Traum. Ich habe mich damals an der Kunstakademie beworben, ohne zuvor jemals dort gewesen zu sein.

Lieblingskunstwerk: Die Capri-Batterie von Joseph Beuys entstand in meinem Geburtsjahr 1985. Als Hommage habe ich 2009 ein Update mit einer Energiesparlampe gemacht – einige Sammler, die auch das Original besitzen, haben meine Version als Ergänzung gekauft.

Meisterschülerin: Ich war Meisterschülerin bei Olaf Metzel. Für die Eröffnung der Pinakothek der Moderne vor 15 Jahren schuf er die Skulptur „Reise nach Jerusalem“: Die mit buntem Acryl­glas verkleidete Säule wurde bald zu einem Wahrzeichen des Museums und ist zum 15. Geburtstag erneut zu sehen.

Natur: Ich bin in Bad Tölz aufgewachsen und liebe die Natur. In der Enge der Stadt fühle ich mich schnell eingesperrt. Im Sommer verlege ich die Arbeit deshalb so oft es geht auf die Dachterrasse meines Ateliers oder ganz nach draußen, zu Beispiel in den Dschungel von Sri Lanka, wo mein letztes Video entstand.

Online: Die PIN-Auktion wird in diesem Jahr erstmals auch live im Internet übertragen und es kann in Echtzeit mitgeboten werden. Ich finde es gut, dass die Veranstaltung so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Palme: Die schiefe Palme, die ich im Sommer vor der Feldherrnhalle eingepflanzt habe, ist wohl auf Millionen Touristenfotos des Münchner Sommers verewigt. Als Künstlerin freut es mich natürlich sehr, dass meine Installation so viele Menschen erreicht hat. Immer war dort etwas los: Jugendliche, Senioren, Münchner oder Touristen – jeder hat sich gefragt, was es mit der Palme auf sich hat oder einfach auf dem Opernvorplatz auf den Liegen gesessen und sich den Film angeschaut. Das spannende an Kunst im öffentlichen Raum ist ja, dass man jeden erreicht, nicht nur Kunstkenner.

Qualität bedeutet in der Kunst nicht immer hoher Preis. Joseph Beuys’ Idee von Multiples begeistert mich: Ein Kunstwerk, von dem nicht nur ein einziges Unikat, sondern eine bestimmte Stückzahl gleichwertiger Exemplare existieren. Dadurch wird Kunst namhafter Künstler für jedermann erschwinglich und erreicht ein breiteres Publikum.

Reptil: Hauptbestandteil der Installation „No such things grow here“ war auch ein Film. Dafür habe ich auch Szenen mit einer gelben Python gedreht.

Serendipität heißt, dass man während der Suche nach etwas Bestimmten plötzlich etwas völlig anderes, viel Wertvolleres, entdeckt.Viele meiner Kunstwerke sind durch genau so einen Zufall entstanden.

Türkenstraße: Wo heute das „Pavesi“ ist, hatte 2015 easy!upstream seine Anfänge: Mit einer Mischung aus Ausstellungsort, Café, Treffpunkt und Bar. Der Besitzer hat uns die Räume in der Türkenstraße dafür ein Jahr lang zur Verfügung gestellt.

Unberechenbar: Ich verwende Materialien, die ein Eigenleben führen. Bei einer meiner ersten Ausstellungen im Winter wurde eine Skulptur aus Gießharz verkauft – und in der Nacht danach ist sie wegen der Kälte aufgeplatzt. Dann musste ich den Käufern erst mal erklären, dass sich die Skulptur seit dem Kauf verändert hat. Die fanden es aber toll, dass sie so ein lebendiges Kunstwerk bekommen.

Vorbild: Ich könnte bestimmt 20 „Vorbilder“ nennen, die mich inspirieren. Von allen finde ich bestimmte Aspekte oder Herangehensweisen sehr gut – aber nie alles.

Was wäre wenn... Statt linear zu denken, frage ich mich immer gerne „was wäre wenn“. Ich versuche, das Potenzial zu sehen, das in den Dingen steckt.

X-mal bin ich im Sommer durch die Innenstadt geradelt, um nachzusehen, ob mit meinem Kunstprojekt alles in Ordnung ist, niemand etwas beschädigt hat und um die Bananenpflanzen zu gießen. Eigenes Wachpersonal war nicht im Budget.

Ytong ist aufgeschäumter Beton, viel leichter als klassischer Beton. Dieses Material habe ich oft in Gießharz eingegossen – eine so entstandene Skulptur wird nun bei der PIN-Party versteigert. Sie bricht das Licht ganz spektakulär und erinnert mich an die schillernde Meeresoberfläche.

Zufall finde ich toll! Kunst muss nicht perfekt sein. Die besten Kunstwerke entstehen dann, wenn man dem Zufall eine Chance gibt.

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