A bis Z mit Tilman Schaich

Tilman Schaich: „Wir brauchen dringend eine Bürgerlobby!“

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Er fordert eine Bürgerlobby: Tilmann Schaich über die vielschichtigen Probleme am Wohnungsmarkt und den Grant der Mieter.

München ist für viele Mieter unbezahlbar. Jemand, der sich damit nicht abfindet, ist Tilman Schaich. Als Organisator der Mieterstammtisches hat er etliche Schicksale erlebt...

Die Hilflosigkeit und den Frust eines Mieters erlebt Tilmann Schaich am eigenen Leib. Sein Zuhause, das Künstlerhaus in der Thalkirchner Straße, wurde zweimal verkauft und gleicht einer Baustelle. 

Doch er kämpft nicht nur für sich, sondern auch für andere: Er organisierte die „Ausspekuliert“-Demo und den Münchner Mieterstammtisch, bei dem bereits Mieter von mehr als 70 Gebäuden ihr Schicksal geteilt haben. 

Am Dienstag, 13. August, 19 Uhr, findet der zehnte Mieterstammtisch im Schwabinger Vereinsheim, Occamstraße 8, statt. 

Was der schlimmste Fall war, mit dem der 49-Jährige konfrontiert war, warum die Bürger dringend eine Interessensvertretung brauchen und warum Enteignung manchmal ein probates Mittel ist, verrät der Isarvorstädter im Interview.

Hanni Kinadeter

Mietaktivist Tilman Schaich (49) von A bis Z

Alter: Zum Stammtisch kommen vor allem ältere Menschen, die Angst haben, dass sie aus ihren Wohnungen raus müssen. Dieses Problem mit Bestandswohnungen ist typisch in München. Immer wieder hört man von Älteren: Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter nochmal über eine Hausbesetzung nachdenke.

Bodenspekulation: Ich finde das gehört verboten – oder zumindest darf die Spekulation nicht so attraktiv bleiben. Ich wohne selbst in einem Haus, mit dem Monopoly gespielt wird.

Chance: Wenn ganz München unter der Erhaltungssatzung stünde, würde das sicher etwas bringen. So, wie es aktuell ist, nützt sie nicht viel. Früher galt die Satzung auch für unser Haus. Als das ehemalige Arbeitsamt um die Ecke luxussaniert wurde, wurde die Satzung aber aufgehoben.

Deckel: Einen Mietendeckel für fünf Jahre befürworte ich insofern, dass man eine Verschnaufpause hätte, um sich zu überlegen, wie man künftig die Probleme angehen kann.

Erfolg: Den größten Erfolg des Mieterstammtisch sehe ich darin, dass das Thema täglich in den Medien ist und die Politik sich damit beschäftigt. Im August findet unser zehnter Stammtisch statt. Bislang haben sich die Bewohner von 70 Gebäuden vorgestellt.

Flach: Am Mittleren Ring gibt es genügend Niedrigbauten, die man aufstocken könnte. München darf modern werden! Aber: Zusätzliche Geschosse funktionieren nicht überall.

„Jeder Sechste lebt in Armut – und die Mieten steigen weiter“

Grenze zur Armut: In München leben derzeit 269 000 Menschen an der Armutsgrenze – das ist jeder sechste Münchner! Und die Mietpreise steigen weiter, das halte ich für sehr bedenklich.

Hausbesetzung: Manchmal ist das einzige, wirkungsvolle Mittel, damit sich etwas bewegt. Ich fand die Fake-Besetzung im Schnitzelhaus super. Ich selbst habe aber noch nie ein Haus besetzt.

Illegal: Man sieht den Unmut über Luxussanierung und Aufwertung auch daran, dass wieder mehr Fassaden beschmiert und besprayt werden.

Jahresgehalt: Der Mietmarkt ist auch für Gewerbetreibende schwierig: Sie finden keine Mitarbeiter, weil sie bei den Mietpreisen mehr Gehalt zahlen müssten. Das können nicht alle.

Künstlerhaus: Leider kommuniziert der Eigentümer gar nicht mit uns. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurde das Haus zweimal verkauft. Das erste Mal mussten alle Künstler ihre Ateliers schließen. Nun leben wir auf einer Baustelle.

Lobby: Die Politik holt sich nur aus der Wirtschaft und Baubranche Rat. Wir brauchen deswegen dringend eine Bürgerlobby! Es gibt ja gerade viele Bewegungen, etwa „Fridays for Future“, da müsste man sich zusammenschließen.

Miet-Drama: Der krasseste Fall, der bei uns am Stammtisch vorgestellt wurde, ist einer aus der St.-Bonifatius-Straße in Obergiesing. Der neue Eigentümer des Hauses hat das Dach abgedeckt – da schimmelt’s und es wohnen noch Leute drin, die dauernd krank sind. Wenn Vermieter es den Mietern ungemütlich machen wollen, ist außerdem typisch: wochenlang kein Strom oder Wasser zu haben und quasi in einer Baustelle zu leben.

Wir brauchen Neubauten – aber nicht als einzige Lösung

Neubau: Die Differenz zwischen der Zahl der Menschen, die zuziehen, und den Wohnungen, die gebaut werden, ist immer noch hoch. Das heißt, wir brauchen Neubauten. Aber das ist nicht die einzige Lösung der vielschichtigen Probleme am Wohnungsmarkt.

Oberbürgermeister Dieter Reiter hat kürzlich das Künstlerhaus besucht. Wir haben ihm vorgeschlagen sich bei „The Shift“ einzubringen, dabei suchen Bürgermeister aus der ganzen Welt nach Lösungen. Reiter ist jetzt schon in Kontakt mit den Bürgermeistern von Paris und Wien.

Protest: Unsere Demo „Ausspekuliert“ vor einem Jahr war mit 11 000 Besuchern ein Erfolg. Aber im Moment fehlen uns Helfer. Wir haben uns da ziemlich verausgabt, weil wir das ja nur nebenher machen.

Quatsch ist es, dass alle wegen der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme schreien, das sei Enteignung, und gleich von Kommunismus reden. Das stimmt nicht. Erstens werden die Bauern nicht entgeltlos enteignet. Der Grund wird abgekauft, aber eben nicht zum Höchstpreis. Zweitens war und ist das ein probates Mittel. Beim Bau von Autobahnen, Kohlekraftwerken oder dem Flughafen wurde immer schon „enteignet“.

Radikal: Die Leute werden grantig, weil es immer öfter um Geld geht und immer weniger um die Menschen. Ich denke, deswegen sind einige radikaler geworden – etwa bei den Angriffen auf Immobilienfirmen in der Humboldtstraße. Wir haben halt gedacht, wir organisieren eine Demo.

Stationen in Krankenhäusern müssen schließen, weil es nicht genügend Pfleger gibt. Wir wissen etwa von der Klinik Großhadern, dass der häufigste Kündigungsgrund ist: Die Pfleger können sich keine Wohnung mehr leisten oder finden erst gar keine.

Tatkräftig: Ich bin selbst erst aktiv geworden, als ich betroffen war. Vergleicht man München mit Berlin, passiert hier wenig. Hier gibt es kein „Kiezleben“, in dem sich die Leute zusammentun und wo sie zusammenhalten, dafür sind die Viertel zu gentrifiziert. Wenn es das gibt, höchstens in Giesing.

Unabhängig: Wir sind ein unabhängiges, parteiloses Bündnis. Wir laden alle Parteien bis auf die AfD zum Stammtisch, gekommen sind bislang aber nur SPD, Grüne und Linke.

Auch Vermieter leiden unter der Situation

Vermieter waren auch schon beim Stammtisch. Vor allem die, die nicht zum Höchstpreis vermieten wollen, haben genauso Probleme.

Wachstum: Ich bin nicht ganz gegen Kapitalismus, aber in der Form ist er unsozial. In unserer Marktwirtschaft geht es leider nur um Wachstum und Profit.

X-mal waren Mieter mit den gleichen Problemen da. Die häufigsten Fälle: Modernisierungsmaßnahmen und Kündigung wegen Eigenbedarfs.

Yoga sollte ich mehr zur Entspannung machen, wenn mich der Mietmarkt nervt.

Zukunft: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen anfangen, mehr für einander einzustehen und sich zu engagieren. Alle vier Jahre ein Kreuzchen machen reicht nicht.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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