Von A bis Z mit Hans Konetschny

Münchner Lawinenexperte über Gefahren des Winters in Bayern

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Zum Saisonstart verrät der gebürtige Neuhauser im Interview, was wirklich gefährlich ist und warum im vergangenen Katastrophenwinter so viel evakuiert werden musste.

Viel Schnee und warme Temperaturen – eine gefährlich Kombination. Wenn es um Schnee geht, ist man bei ihm an der richtigen Stelle. Hans Konetschny berichtet bei Hallo im Portrait, wo die Gefahren im Winter lauern...

München – Kaum einer kennt den Schnee wie er: Hans Konetschny ist Chef der bayerischen Lawinenwarnzentrale in der Heßstraße. Ab dem 12. Dezember veröffentlicht der Dienst täglich einen Lawinenlagebericht unter www.lawinenwarndienst-bayern.de. 

Zum Saisonstart verrät der gebürtige Neuhauser im Interview, was wirklich gefährlich ist, warum im vergangenen Katastrophenwinter so viel evakuiert werden musste und warum eine Bergung höchstens 15 Minuten dauern darf. 

Hanni Kinadeter

Der Chef der Lawinenwarnzentrale, Hans Konetschny (60), von A bis Z

Airbag: Es gibt allerhand Ausrüstung vom Helm, über den Lawinenairbag bis zum Ortungsgerät – ich empfehle jedem, so etwas zu verwenden. Die Überlebenschancen sind viel höher, wenn man überschüttet wird. Aber: Die meisten ersticken gar nicht in der Lawine, sondern prallen gegen einen Baum oder Felsen oder stürzen ab. Lawinen brettern unglaublich schnell herunter und reißen alles mit.

Bergung: 15 Minuten bleiben, um einen Verschütteten zu finden. Andernfalls ist er höchstwahrscheinlich erstickt. Das sagt zumindest die Statistik. Es gibt aber auch Fälle, in denen jemand zwei Stunden in einer Lawine überlebt hat.

Chance zu überleben hat, wer die Skier löst und mit den Händen eine Atemhöhle formt. So geistesgegenwärtig muss man aber erstmal sein, viele sind unter Schock, verlieren die Orientierung.

Dachlawine: So eine hat meine Dienststelle tatsächlich einmal begutachtet – theoretisch. Als Olympia’ 72 geplant wurde berechneten die Kollegen, welche Schneelast das geplante Zeltdach tragen kann.

Evakuierung: Im Januar mussten wir zum ersten Mal einen ganzen Ortsteil evakuieren. In Schleching im Chiemgau wurde der Katastrophenfall wegen Lawinengefahr ausgerufen und in dieser Phase hat sich das Landratsamt an uns gewandt. Dafür sammeln wir über Jahre hinweg Informationen zu den Lawinen. Wir konnten dann recht schnell Entwarnung geben.

Förster: Ich habe Forstwissenschaften studiert und wollte Förster werden. Über meinen ersten Job bin ich da hineingerutscht. Da habe ich untersucht, warum auch im Wald Lawinen abgehen. Im Winter bin ich mit dem Hubschrauber übers Gelände geflogen und dann mit Skiern zu den Lawinen gefahren, um die Stelle zu markieren. Die habe ich dann im Sommer untersucht.

Gefährlich: Viel Schnee und warme Temperaturen – eine gefährlich Kombination. In Tirol sogar tödlich, dort starben heuer schon zwei Menschen wegen einer Lawine.

Hotel: Im Januar zerstörte im Oberallgäu eine Lawine den Wellness-Bereich eines Hotels. Ich bin froh, dass die Lawinenkommission, die wir ausgebildet haben, den Gebäudeteil evakuiert hatte.

Im Winter ist Hochsaison in der Lawinenzentrale. Für Hobbys bleibt da keine Zeit.

Jahr für Jahr sterben in Bayern im Schnitt zwei Menschen an einer Lawine. Bei den vielen Hunderttausenden, die jede Saison in die Berge gehen, eine kleine Zahl – ohne es verniedlichen zu wollen.

Klimawandel: Ich fürchte, dass wir in Zukunft mehr zu tun haben. Wenn es wärmer wird, brettern mehr Lawinen herunter.

Lawine: Alle Lawinen, die eine Straße, ein Gebäude, einen Wanderweg oder eine Piste getroffen haben dokumentieren wir, um Gefahrenstellen auszumachen.

Messnetz: Jeden Tag geben wir einen Lawinenlagebericht heraus. Dafür haben wir in den bayerischen Alpen 20 Messstationen installiert. Sie senden täglich Infos: Wie viel Grad hat der Boden und die Oberfläche des Schnees, wie viel Schnee liegt, wie stark weht der Wind.

Nachmittagsbeobachter nennen wir die Menschen, die im Gelände unterwegs sind und uns täglich informieren. Meistens Rentner, die wir speziell ausgebildet haben.

Ohne diese ehrenamtlichen Helfer wären unsere Berichte nicht so genau. Beobachter vor Ort sind wichtig.

Psychologen: Wenn im Gebiet, das wir beobachten, viele sterben, kann ich mir vorstellen, dass man Hilfe vom Psychologen braucht. Dafür gibt es bei der Behörde auch welche. Aber: Bis jetzt hatten wir immer Glück – das ist noch nie passiert.

Qual: Es kann eine Qual sein, entscheiden zu müssen, ob eine Straße gesperrt werden muss. Dabei lastet der Druck der Öffentlichkeit auf uns, wenn die Schulbusse anders fahren müssen und der Verkehr stockt. Andererseits will man nichts riskieren. Im Januar hatten wir viele Straßen in Oberbayern gesperrt. Das war gut so, denn dort sind viele Lawinen runtergerast – was unsere Entscheidung bestätigt hat.

Risiko:­ Ein Restrisiko bleibt immer. Es ist schwierig, Skitourengehern klar zu machen, dass unser Bericht eine regionale Bewertung ist, die nichts über einzelne Hänge sagt. Das muss der Tourengeher vor Ort einschätzen können.

Sommer: Den haben wir leider nicht komplett frei. Da begutachten wir etwa, ob Häuser von einer Lawine getroffen werden können.

Täglichen Lawinenlagebericht geben wir ab Donnerstag, 12. Dezember, für den bayerischen Alpenraum heraus.

Unfälle: Im vergangenen Winter gab es drei Tote in Bayern, das sind viele. Der Winter war mit den Schneemassen eine Ausnahmesituation mit sehr vielen Gleitschneelawinen.

Verbunden: Weil immer Schnee dazu kommt, bilden sich verschiedene Schichten. Wenn diese nicht gut miteinander verbunden sind, entsteht Lawinengefahr.

Wind, Niederschlagsmenge, Temperatur, Altschnee und Neuschnee wirken sich auf das Lawinenrisiko aus.

X -mal sind im vergangenen Winter Lawinen an Stellen abgegangen, wo es vorher nie Lawinen gab. Geländesteilheit, lückige Bergwälder und die Wetterabläufe sind der Grund für neue Lawinenanrissgebiete.

Y -Chromosom: Gefühlt gibt es mehr Männer unter den Lawinentoten – aber ich kann das nicht mit einer Statistik belegen. Ich denke, Frauen gehen ein wenig anders heran an die Sache. Insgesamt gehen viel mehr Frauen Skitouren als früher.

Zukunft: Weltweit werden Hilfsmittel entwickelt, um die Lawinengefahr besser einzuschätzen. Wir entwickeln etwa eine Software, die die Entwicklungen innerhalb einer Schneedecke visuell zeigen kann.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer spannender Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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