Vivian Paul im Gespräch mit Hallo München

Vivian Paul: Der Zirkus – Ihr Bruder, Zuhause und Erbstück

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Vivian Paul: Seit sie 18 ist, ist die Tochter des Roncalli-Gründers als Luftakrobatin in der Manege zu sehen.

Vorhang auf für heitere Nostalgie am Leonrodplatz: Vor dem München-Gastspiel spricht Roncalli-Erbin Vivian Paul über ihren Familien-Alltag und die Fußstapfen des Vaters gesprochen.

München – Zehn Monate des Jahres ist die Akrobatin mit dem Circus Roncalli unterwegs. Heimweh hat sie dabei keines. Der Zirkus ist ihr Zuhause. Doch der Manege sagt die 30-jährige Tochter des Roncalli-Gründers Bernard Paul nun vorerst Lebwohl – gemeinsam mit ihren Geschwistern bereitet sie sich vor, den Familienbetrieb weiterzuführen. von Sebastian Obermeir

Frau Paul, angenommen ich würde gern bei Roncalli in der Manege auftreten: Was könnte ich denn machen?
Naja, die Manege... (lacht) Besser könnten Sie erst mal hinter der Bühne reinschnuppern.

Ist das ein gängiger Weg?
Eigentlich nicht. Aber es gibt durchaus Leute, die mit Aufgaben hinter der Bühne zum Zirkus kommen und das dann so toll finden, dass sie anfangen zu trainieren. Dabei muss man sich fragen: Was kann ich und was kann ich nicht? Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht jonglieren.

Aber Luftakrobatik liegt Ihnen. Höhenangst haben Sie nicht, oder?
Ich habe das Glück, dass ich kurzsichtig bin, da weiß ich nicht, wie hoch oben ich bin. (lacht). Man darf natürlich nicht denken: Oh Gott, das ist hoch. Man muss sicher sein bei dem, was man macht.

Darf man sich Lampenfieber leisten?
Lampenfieber habe ich, ja. Ich habe das Gefühl, ich stehe da mit Augen wie ein Reh vorm Auto. Aber die anderen haben gesagt, dass man das nicht so merkt. Mittlerweile verstehe ich mich mit meinem Lampenfieber. Wir haben uns geeinigt, dass das geht.

„Ich bin auf Tournee zuhause“

Sie sind zehn Monate im Jahr mit dem Zirkus unterwegs. Wie lebt es sich auf Tournee?
Das ist für mich mein normales Leben. Ich bin es nicht anders gewohnt. Man fühlt sich nicht so, als ob man nicht zuhause wäre. Man ist ja zuhause.

Vivian Paul über ihre Aufregung: „Mittlerweile verstehe ich mich mit meinem Lampenfieber. Wir haben uns geeinigt, dass das geht!“

Ist der Zirkus eher eine große Familie oder ein kleines Dorf?
Ein bisschen von beidem. Teilweise reisen Menschen schon 20 Jahre mit, da fühlt man sich sehr verbunden. Die sind wie Onkels und Tanten für mich. Und manchmal ist es wie ein Dorf: Jeder weiß von jedem alles. Dann tratscht man auch: Hast du gesehen, der ist da, und die geht dahin!

Und wie geht es Ihnen damit, so wenig Platz zu haben?
Ich habe meinen eigenen Wohnwagen, da reicht der Platz vollkommen. Zu groß fände ich gar nicht gut. Ein Haus könnte ich mir nicht vorstellen. Da muss man ja noch alles saubermachen. Schrecklich!

Ihr Vater hat Roncalli gegründet. Werden Sie den mit Ihren Geschwistern mal übernehmen?
Wir wollen ja, dass es weitergeht. Der Zirkus ist wie der vierte, große Bruder. Und unser Zuhause. Deshalb versuchen wir, Schritt für Schritt Bereiche zu übernehmen. Und da teilen wir uns auf, je nach Stärken und Schwächen.

Bleibt dann Zeit für die Manege?
Ich habe vor, im nächsten und im übernächsten Jahr nicht aufzutreten. Dann werde ich in andere Bereiche reinschnuppern. Ich möchte mit meinem Vater arbeiten und von ihm lernen. Aber vielleicht trete ich auf, wenn jemand krank ist und es Ersatz braucht.

„Auch mit einem Clown als Vater ist es nicht immer lustig“

Wie ist es mit einem Clown als Vater aufzuwachsen?
Man würde ja denken, es ist immer lustig, es ist aber nicht immer so. Es war natürlich schon witzig, wenn man zusammen isst und er in Clown-Makeup da sitzt. Als wir Kinder waren haben wir gesagt: Papa, erzähl uns lustige Geschichten! Und wir haben uns kaputt gelacht. Wenn wir ihn als Clown wollten, dann hat er ihn auch für uns gemacht. Aber außerhalb der Manege ging es schon auch ernster her.

Roncalli setzt auf Bio, ist plastikfrei und setzt auf Nachhaltigkeit. Warum ist Ihnen das wichtig?
Wir müssen als Zirkus auch dazu beitragen, dass die Situation besser wird. Wenn wir diesen Beitrag leisten können – warum nicht? Ich glaube, dass das die richtige Entscheidung ist.

Ist diese Entwicklung frei nach Fridays For Future von Ihrer jüngeren Generation ausgegangen?
Eigentlich kam es von meinem Vater. Wir haben das auch schon ganz lange überlegt, wie wir Verantwortung übernehmen und uns verändern können. Wir können nicht in einer Zeit, die schon vorbei ist, hängenbleiben.

Gibt es in der neuen Show deshalb Tier-Hologramme statt echter Tiere?
Am Anfang habe ich gedacht: Wie soll das werden ohne Tiere? Ich kenne die Menschen, die diese Tiere haben und für die sind sie wie Familie. Gleichzeitig war der Schritt auch logisch: Wir merken, dass immer mehr Menschen keine Tiere sehen wollen. Warum sollten wir den Schritt in die Zukunft nicht machen.

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Zur Person

„Heute gibt es eine Schule für Zirkuskinder, da ist es einfacher mitzureisen“, erzählt Vivian Paul, eine der drei Kinder von Roncalli-Gründer Bernhard Paul und der Artistin Eliana Larible-Paul. „Ich selbst ging in Köln zur Schule“. 

Erst danach hat sie die Leidenschaft für den Zirkus entdeckt: Mit 18 war Vivian Paul zum ersten Mal als Luftartistin in der Manege zu sehen. „Reingerutscht“, sei sie in ihre Karriere, „meine Tricks und Auftritte wurden immer mehr“. 

Doch jetzt steht für die 30-Jährige ein Umbruch bevor: Gemeinsam mit Bruder Adrian und Schwester Lili will sie den Zirkus Schritt für Schritt übernehmen und weiterführen.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl an weiteren Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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