Peter Wohlleben im Gespräch mit Hallo München

Man kann Bäume pflanzen, keinen Wald

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Peter Wohlleben. Sein Bestseller kommt jetzt in die Kinos.

Bäume, die miteinander sprechen: Was sich für manche wie Esoterik anhört, stimmt tatsächlich, wie der Autor und gelernte Förster (55) weiß.

Nun kommt sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ ins Kino. Wie sich pflanzliches Stadtgeflüster anhört und warum er gerne mit Markus Söder in den Wald gehen würde, erklärt er hier. 

Herr Wohlleben, was sagt ein Stadt-Baum zum anderen?
Gute Frage. Die Kommunikation ist eingeschränkt, da die Wurzelspitzen beschnitten werden, damit der Baum besser transportiert werden kann. Ein circa fünf Meter hoher Baum hat zehn bis 15 Meter lange Wurzeln. Diese Wurzelspitzen sind gehirnähnliche Strukturen – wenn diese fehlen, ist die Vernetzung unterirdisch nicht möglich. Worüber sich die Bäume über die Luft austauschen, ist schwer zu sagen. Dass sie sich bei Attacken oder in Stresssituationen unterhalten, kann man erkennen. Aber deswegen darf man nicht annehmen, dass sich die Bäume nur über Schlimmes austauschen (siehe Kasten).

Was brauchen Stadtbäume?
Je natürlicher sie wachsen können, desto besser. Man hat lange Zeit Bäume als grüne Straßenelemente gedacht. Doch es sind Lebewesen. Es gibt neue Ansätze wie den tiny forest – Bäume leben gerne in Verbänden, beispielsweise auf einer Verkehrsinsel. Im Englischen Garten gibt es zum Teil Waldcharakter, wo sich die Bäume sehr wohl fühlen. Gut wäre es, wenn man beispielsweise Linden pflanzt, Samen mit in die Erde zu stecken. Dann können die künftigen Linden unter dem Schutz der älteren gesund und langsam wachsen in einer Art kleinem Schutzgebiet. Man muss da langfristiger denken. Nur so werden auch die Bäume widerstandsfähiger.

Markus Söder hat im Forstenrieder Park Laubbäume für einen klimastabilen Wald gepflanzt. Was halten Sie davon?
Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Pflanzen. Wenn dadurch Wald zurückgebracht wird, wo keiner mehr war, ist das gut. Aber nicht dort, wo schon Wald ist, wie es Herr Söder macht. Es ist eh staatliche Pflicht, sich um den Fortbestand zu kümmern. Grundsätzlich gilt: Man kann einen Baum pflanzen, aber keinen Wald.

Für eine Fernsehsendung gehen Sie mit zwei Prominenten in den Wald. Wen würden Sie gerne in Zukunft dorthin mitnehmen?
Bleiben wir bei Söder: Viele seiner Ansichten teile ich nicht. Aber seine Flexibilität, die ihm viele als Populismus ankreiden, ist wichtig. Politiker sollen nicht ihre eigene Meinung vertreten, sondern auch darauf achten, was das Volk will. Das rechne ich ihm hoch an, dass er sich da anpasst. Und ich würde ihm gerne zeigen: Was ist so ein Ökosystem. Er wiederum könnte mir einen Einblick geben, mit was für Widerständen Politiker zu kämpfen haben.

Sie sagen: Bäume würden nicht Trump wählen. Muss man heute plakativ sein?
Das musste man schon immer. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein Beispiel sind die zehn Gebote, die auf das Wichtigste reduziert sind und nicht nur religiöse, sondern soziale Grundsätze sind. Es ist die große Kunst, schwierige Botschaften auf das Einfache runterzubrechen. Das ist hängengeblieben: Nicht „Trump ist doof“, sondern Bäume sind sozial. Nur die überleben, die sich anpassen. Es ist kein Trump-Bashing, sondern es wird zur Metapher: Integration statt Konfrontation.

Ihr Bestseller steht auch in der Kritik, er sei nicht mal populärwissenschaftlich, Sie würden nicht kenntlich machen, was Fakt sei und was Interpretation. Er sei „grüne Esoterik“.
Wo kommt diese Kritik her: von Forstwissenschaftlern, die aus der Forstwirtschaft kommen und eine Petition gegen mein Buch gestartet haben. Ich habe aber auch die bayerische Naturschutz-Medaille verliehen bekommen – die Forstwissenschaft ist sich also selbst nicht einig. Der Hauptkritikpunkt ist das Thema Schmerzen. Dass Bäume diese empfinden, wird an der Uni Bonn erforscht. Die Forstwirtschaft ist sehr auf das Produkt fixiert...

...vor allem Fichten, die eine hohe Ausfallquote haben, da sie anfällig für Schädlinge sind. Stattdessen plädieren Sie für heimische Bäume.
Insofern ist mein ökologischer Ansatz auch ökonomisch.

ZUR PERSON

Seit über 35 Jahren engagiert er sich für Bäume: Peter Wohlleben. In Bonn geboren, studierte der 55-Jährige Forstwirtschaft und arbeitete als Beamter der Landesforstverwaltung. Das erste Buch zu schreiben, dazu musste ihn Ehefrau Miriam überreden. Geschäftsführer der 2017 von ihm gegründete Waldakademie ist Sohn Tobias, Tochter Carina ist als Geographin involviert. Wohllebens Rat: „Man kann nie früh genug in die zweite Reihe treten.“ Stattdessen könne er sich nun anderen Themen widmen. Eins ist klar: „Ich werde mich mein Leben lang engagieren, aber nicht in der ersten Reihe.“

Hintergrund: Kommunikation unter Bäumen

„Seit den 70er-Jahren ist bekannt, dass Bäume kommunizieren“, erklärt Peter Wohlleben. Die Kommunikation über die Luft wurde in Afrika erforscht. Wenn eine Giraffe an einem Akazienblatt knabbert, lagert der Baum Giftstoffe in den Blättern ab und verströmt ein Warngas (Ethylen), um die Nachbarbäume zu warnen. Zudem geben starke Bäume Nährstoffe an Schwache ab. 

„Während meines Studiums, das ich 1983 begonnen habe, wurde schon der Austausch über Wurzeln erforscht.“ 1995 entdeckte man in Vancouver das sogenannte „Wood Wide Web“, unterirdische Pilzverflechtungen als soziale Netzwerke zwischen Bäumen. Wie Bäume miteinander kommunizieren wird derzeit auch an der Uni Leipzig erforscht, an der Uni Bonn werden Wurzeln noch genauer betrachtet. „Es ist also eine breite Basis, auf der diese These steht.“ 

Eins muss beachtet werden: „Die Kommunikation kann eh nur passieren, wenn es sich um die gleiche Art handelt. In Parks, wo viele verschiedene Arten gepflanzt sind, haben Sie eine Art Zoo.“

von SABINA KLÄSENER

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