Interview

Gil Ofarim im Gespräch mit Hallo München

Gil Ofarim: „Lieder von dort, wo es wirklich weh tut"
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Gil Ofarim: „Lieder von dort, wo es wirklich weh tut"

Der gebürtige Münchner berichtet sehr ehrlich von seinen Beweggründen für sein neues, bewegendes und emotionsreiches Album. Vergangenheit und Zukunft sind für ihn gleichermaßen bedeutend.

Sechs Jahre lang hat der Musiker nicht geraucht. Jetzt spricht er zwischen den Zigaretten nur ungern von den harten Zeiten der vergangenen Jahre. Dabei wählt er seine Worte mit Bedacht, spricht langsam und mit tiefer Stimme. Die lauteren Töne hebt er sich für seine musikalische Hommage an seinen Vater auf – genau wie der es gewollt hätte.von Sebastian Obermeir

Herr Ofarim, Ihr neues Album heißt „Alles auf Hoffnung“. Was hilft Ihnen, so positiv zu sein? Es ist eine blöde Floskel, aber ich liebe das Leben. Wir sind nur einmal da. Es gibt keine zweite Staffel, kein Sequel. Genieße also, was du jetzt hast. Mit allen Vor- und Nachteilen: Alles auf Hoffnung. Ich habe die letzten drei Jahre wahnsinnig viel er- und durchlebt. Aber daran bin ich auch gewachsen. Das Album ist mein Ventil, so wie andere zum Sport oder zum Bowling gehen. Es ist kein Tagebuch, auch wenn es ein Seelenstriptease ist.

„Ein Teil von mir gehört noch immer zu Dir“ singen Sie zum Beispiel.
Ich wahre und schütze mein Privatleben und spreche nicht gern darüber. Dennoch gibt es Dinge in meinem Leben, die kann man nicht verstecken. Ich habe mich mit Trennungen und Abschied auseinandersetzen müssen. „Ein Teil von mir steht noch immer in der Tür“, das ist so der ehrlichste Moment in diesem Song, wo ich wusste, ich sehe die Person nie wieder. Ohne darauf eingehen zu müssen. 

Fällt es Ihnen schwer, so persönliche Lieder zu schreiben?
Ich hab ein Jahr am Album geschrieben, aber mich ein Leben lang darauf vorbereitet. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit, die anderen Platten, all das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Jetzt hatte ich unzählige Geschichten zu erzählen, unfassbar viele Farben, um dieses Bild zu malen. Aber die Leinwand war weiß und ich konnte es nicht zu Ende bringen. Ich hatte tausend Ideen, aber keinen einzigen Song. Es fiel dann bei einem Meeting mit der Plattenfirma der Satz: „Gil, geh dahin, wo es weh tut.“ Das hab ich gemacht.

Und unter anderem „Nach dir der Regen“ für Ihren verstorbenen Vater geschrieben. 
Wir waren bei einer Aufnahmesession, irgendwo bei Münster. Es hat die ganze Zeit geschifft, es war kalt und unangenehm. Ich hab diese Last auf den Schultern gehabt: Eines Tages schreibe ich meinen Papa-Song. An dem Tag hab ich mir vorgestellt: Wenn mein Vater jetzt hier wäre, würde er auf der Couch sitzen, mich anschauen und sagen: Was soll der Mist? Mein Papa war sehr outgoing, ein Lebemann, ein Künstler, ein Rocker. Er hätte gesagt: Was jetzt, Ballade? Geigen, Piano, traurig? Nein, raus damit, laute Gitarren und auf die Fresse! Dann war endlich die Last von den Schultern, und gleichzeitig war ich gebrochen. Am Abend waren wir alle sehr emotional. Das war die ruhigste Pizza meines Lebens.

Auf dem Album blicken Sie nach vorne und zurück. Was machen Sie denn lieber?
Ich schaue schon eher nach vorne. Gerade als Musiker möchte ich immer weiter und Neues schaffen. Aber ich schaue auch gern zurück. Vor ein paar Monaten hab ich eine Collage bekommen, da sieht man mich als 14-Jährigen und daneben heute. Wenn ich den Gil von früher sehen würde, dann würde ich ihm sagen: He, schnauf durch, passt schon! Mach dir nicht so einen Kopf!

Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie Round’n’Round hören?
Gut. Ich grinse, freue mich und bin dankbar. Ich wollte ursprünglich Tennis-Profi werden und gleichzeitig Musiker und Schauspieler. Dann kam die Pubertät und die Musik wurde viel wichtiger.

Inwiefern ist München ein Teil von Ihnen? 
München ist meine Heimat, mein Nest. Immer wieder wollte ich weg, vielleicht Berlin oder so, aber im Nachhinein ist es so wie zu Beginn von Facebook: Alle wollen hin, aber keiner weiß wieso. Heute verbinde ich mit der Stadt alles. Ich hab an der Widenmayerstraße an der Isar das Fahrradfahren gelernt. Ich bin im Seehaus, wie vielleicht jedes Münchner Kind, auf dieser einen Ziege aus Bronze gesessen und bin geritten, ich hab dort Crêpe gegessen, am Monopteros habe ich über München geschaut, ich war mit meinem Vater bei Bayern-Spielen, ich hab meinen Führerschein hier gemacht, meinen ersten Kuss hier erlebt. Alles verbindet mich mit dieser Stadt. Ich bin Münchner, was soll ich sagen!

ZUR PERSON 

Eine Liebesgeschichte ist der Ursprung von Gil Ofarims Karriere. Aber keine gewöhnliche, sondern die einer Foto-Love­story in der Bravo. Dort wurde er entdeckt, danach ging es für den heute 37-Jährigen mit dem Hit „Round’n’Round“ so richtig rund: Von der Spitze der Charts verschlug es den Sohn von Sänger Abi Ofarim rund um die Welt, in verschiedene Rockbands und in zahlreiche Fernsehshows („Let’s Dance“, „The Masked Singer“). 

Heute ist er in der Münchner Innenstadt zuhause. Mit „Alles auf Hoffnung“ legt der zweifache Familienvater nach der Trennung von seiner Frau Verena und dem Tod seines Vaters jetzt sein erstes rein deutschsprachiges Rock-Album vor.

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