A bis Z mit Andrea Betz 

Die neue Sprecherin der Wohlfahrtsverbände: Münchens starke soziale Stimme

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Andrea Betz, Leiterin Abteilung für Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration der Inneren Mission. 

Sie wird im Oktober erst 40, aber sie hat schon viele soziale Nöte gesehen. Die neue Sprecherin der freien Wohlfahrtsverbände über Bürokratie, verdeckte Armut und Respekt...

München – Andrea Betz war Sozialarbeiterin im Hasenbergl, Leiterin eines Altenheimes, derzeit leitet sie die Abteilung für Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration der Inneren Mission. 

Und ab dem 1. Oktober wird die Mutter zweier Kinder auch noch die neue Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) der sechs großen Wohlfahrtsverbände Münchens – Arbeiterwohlfahrt, BRK, Caritas, Innere Mission, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Israelitische Kultusgemeinde. 

„Gemeinsam sprechen wir mit einer starken Stimme“, so Betz. Ihrer Stimme. Die Position gilt als Schnittstelle zwischen Stadt, Stadtrat und den Verbandsmitgliedern. Jetzt, vor der Kommunalwahl, bedeutet das auch eine neue Kampagne und Diskussionsrungen mit Lokalpolitikern über Forderungen der ARGE. 

„Die sozialen Herausforderungen, vor denen München steht, lassen sich nur gemeinsam lösen“, betont Betz. Wofür sie sich einsetzen will: den Abbau der Bürokratie in der Sozialarbeit, die Vereinfachung der Bedürftigkeitsprüfung und bezahlbaren Wohnraum für Menschen, die für das Gemeinwohl arbeiten.

von Marie-Julie Hlawica

Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Andrea Betz (39) von A bis Z

Austausch in der ARGE ist fachlich bestimmt. Konsens heißt: Da stehen wirklich alle sechs großen Wohlfahrtsverbände dahinter.

Bürokratie erschwert die Arbeit der Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitsbereich. Ich will mich dafür einsetzen, dass unsere Fachkräfte mehr mit den Menschen arbeiten können und sich nicht verstärkt an überzogenen bürokratische Bestimmungen abarbeiten.

Chancengerechtigkeit trägt zum sozialen Frieden bei. Alle sollen sich leisten können, in München zu wohnen, gesund und nachhaltig zu leben und gleichen Zugang zu Bildung zu haben. Das darf kein Privileg für Reiche sein.

Durchsetzen kann in der ARGE kein Verband seine einzelne Meinung, es braucht Einigung. Das bedeutet viel fachlichen Diskurs.

Einmischen wollen wir uns in die Sozialpolitik. Dazu muss man oft erstmal Ursachen erforschen. Nicht bloß feststellen, dass die Tafeln immer mehr Menschen versorgen, sondern fragen, warum in einer reichen Stadt wie München immer mehr Menschen Unterstützung von Tafel oder Kleiderkammer brauchen.

Familie: Dafür nehme ich mir Zeit. Das klappt auch deshalb gut, weil mein Arbeitgeber, die Innere Mission, familienfreundlich ist.

Gesellschaft heißt Miteinander. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, muss allen Menschen in der Stadt möglich sein. Mir liegt am Herzen, die sozialen Angebote weiter zu öffnen, damit niemand unversorgt ist.

Hasenbergl: Da war meine erste Arbeitsstelle als Sozialarbeiterin der Caritas. Ich denke daran oft zurück. Der Stadtteil ist bunt mit vielfältigen sozialen Angeboten.

Interaktion wünsche ich mir auf Augenhöhe mit der Stadt. Die sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen München steht, lassen sich nur gemeinsam lösen.

Jugendarbeit trägt zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen bei. Und befähigt junge Menschen dazu, auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Kirche: Ist quasi die Wurzel meiner Werte, wie Mitmenschlichkeit, Solidarität und Toleranz. Ich war lange Zeit aktiv als Ministrantin und Pfarrjugendleiterin.

Lobbyarbeit: Als Sozialarbeiterin mache ich Lobbyarbeit für Berufe im Sozial- und Gesundheitsbereich. Hier braucht es dringend engagierten Nachwuchs. Darum habe ich auch einen Lehrauftrag an der Hochschule München im Studiengang Soziale Arbeit.

Menschen – was gibt es Wichtigeres in unserer Stadt? Ich wünsche mir da vor allem mehr Toleranz und einen Vertrauensvorschuss füreinander.

Neugier ist mir in die Wiege gelegt. Ich mag Themenfelder, in denen ich noch nicht gearbeitet habe. Das bringt mich persönlich immer weiter.

Oktober ist der Start unserer neuen ARGE-Kampagne zur Kommunalwahl. Der Slogan der Kampagne ist einprägsam: „Weil alle Menschen zählen – sozial wählen!“

Praktikantin: Als ich vor knapp zehn Jahren die Leitung eines Altenheimes bei der Caritas übernahm, hielten mich einige zuerst für eine neue Praktikantin. Das legte sich schnell.

Quotenfrau? Nein, das bin ich nicht. In der Wohlfahrtspflege zählt Gleichberechtigung und Kompetenz.

Respekt ist die Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Dazu gehört auch ein gewisses Pensum an Selbstreflexion.

Stadtpolitik: Darauf bin ich gespannt. Die ARGE mischt sich ein. Jetzt vor der Wahl wird der Austausch mit der Stadtspitze interessant. Wir planen dazu Veranstaltungen zu sozialen Themen und fühlen den Politikern auf den Zahn.

Transparenz ist mir in meiner neuen Arbeit als Sprecherin der Wohlfahrtsverbände sehr wichtig. Je transparenter Entscheidungen getroffen werden, umso höher ist deren Akzeptanz.

Ungelesen bleibt bei mir fast nichts. Ob Sitzungsunterlagen oder die vielen Nachrichten, die täglich eingehen. Leider geht es bis hin zu anonymen, fremdenfeindliche Kommentaren und rassistischen Mails. Ich bin oft erschüttert, wie viel Hass und Unwissenheit aus ihnen spricht.

Verdeckte Armut ist die Dunkelziffer der Armut. Also die Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen. Wir müssen die damit verbundene Scham abbauen. Zudem muss die Prüfung der individuellen Bedürftigkeit durch die Behörden vereinfacht werden.

Willkommenskultur – der Begriff steht für die Leistung von Ehren- und Hauptamtlichen 2015. Die Menschlichkeit hat das Bild der Stadt in der Welt nachhaltig geprägt.

X-fach gesagt, aber nie oft genug: Es muss bezahlbarer Wohnraum für alle her. Besonders die Menschen, die für das Gemeinwohl arbeiten, müssen sich auch leisten können, in München zu wohnen.

Yoga, achtsames Atmen und Meditation helfen mir, in Balance zu bleiben, sogar am Schreibtisch.

Ziele habe ich, muss aber realistisch bleiben. Dass ich sie in der begrenzten Sprecherin-Zeit bis Ende 2020 zwar anregen, aber nicht alle bis zum Ende begleiten kann, weiß ich.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl an weiteren spannenden Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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