Von A bis Z mit Michael Then

München – Die Stadt der Vielleser

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"In München gibt es viele Vielleser", so Michael Then.

Zur 60. Bücherschau erklärt der Bayern-Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Michael Then (59), was Münchner gerne schmökern...

München – Rekordergebnis: Die Frankfurter Buchmesse zählte erstmals über 300 000 Besucher. 

Michael Then, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, war dabei – und hat viele Eindrücke mitgenommen für die Bücherschau, die am Donnerstag, 14. November, im Gasteig startet. Bis zum 1. Dezember werden dort rund 160 000 Besucher erwartet. 

„Das Interesse in München ist besonders groß, hier gibt es viele Vielleser“, erklärt Then. Zum 60. Mal findet die Veranstaltung statt, er selbst ist seit 20 Jahren involviert: „Bücher zu präsentieren und Leute dafür zu begeistern, war immer eine Herzensangelegenheit.“ 

Der 59-Jährige, der unter anderem für die Verlage Piper, Random House und Ullstein Heyne List gearbeitet hat, glaubt: „Die Fähigkeit sich adäquat auszudrücken, ist heute wichtiger denn je. Der Alltag ist immer mehr auf Teamarbeit und Kommunikation ausgelegt.“ 

Wie man den Nachwuchs fürs Lesen begeistert, wie die Situation der Branche in München ist und was er für neue Lektüre empfehlen kann, lesen Sie im Interview.

Maren Kowitz

Der Bayern-Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Michael Then (59), von A bis Z

Auswahl: Unsere „100-Besten“-Listen sind sehr beliebt, vor allem die mit den Kinder- und Jugendbüchern. Die beinhalten nicht nur Bücher mit einem großen Marketing-Etat, sondern bieten viele Entdeckungen von unbekannten Verlagen.

Bayerischer Buchpreis: Ich darf moderieren, wenn er am 7. November in der Allerheiligenhofkirche verliehen wird. Den Ehrenpreis bekommt Joachim Meyerhoff, dessen Bücher ich gerade wieder gelesen habe. Sie spielen teilweise in München und es ist ein Heidenspaß, auch wenn einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt.

Cover: Das Buchcover wurde in München um 1904 von Albert Langen und Georg Müller erfunden. Sie haben angefangen, Buchumschläge grafisch als Werbung zu gestalten.

Digitale Welt: Sie eröffnet neue Wege für Autoren, sich sichtbar zu machen. Es gibt Plattformen, wie Wattpad, wo Leser am Entstehungsprozess des Buches teilnehmen und mit dem Autor diskutieren können.

Empfehlung: Saša Stanišic hat gerade zu Recht den Deutschen Buchpreis bekommen. Er ist ein guter und wahnsinnig berührender Autor.

Filme regen oft das Interesse an der literarischen Vorlage an, wie aktuell die Erfolgsserie „Game of Thrones“, die ja auf einer Buchreihe basiert. Eine Kamerafahrt über das Schlachtfeld zeigt dir, was im Buch auf zehn Seiten beschrieben wird. Das kann aber spannender sein.

Gasteig: Heuer und 2020 ist die Bücherschau noch im Gasteig. 2021 wechseln wir dann während der Sanierung in das Interimsquartier nach Sendling – das hat ein tolles Ambiente und große Hallen mit viel Licht. Aber der Erfolg wird von der öffentlichen Anbindung abhängen.

Historie: Die Bücherschau hieß anfangs „Leistungsschau der bayerischen Verlage“ – heute präsentieren wir Verlage aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Interaktion: Einen Autor kennenzulernen, empfinden viele Besucher als wertvoll. Jetzt haben sie Gelegenheit, etwas zu fragen oder um eine Widmung zu bitten, die das Massenprodukt Buch zu einem Unikat macht.

Jubiläum: Wir haben einige runde Geburtstage zu feiern: 60 Jahre Bücherschau, zehn Jahre Literaturfest, 40 Jahre Geschwister-Scholl-Preis.

Krimis machen den größten Marktanteil von Büchern aus, 25 Prozent.

LMU: Dort habe ich Germanistik und Philosophie studiert. Ende der 80er-Jahre habe ich mit Kommilitonen und meinem Professor zusammengearbeitet, um mehr Verlags- praxis ins Studium zu bekommen. Daraus ist der Studiengang Buchwissenschaft geworden.

München: Hier gibt es ungefähr noch 125 Buchhandlungen. Wenn diese aus dem Stadtbild verloren gehen, verschwindet ein Ort der Kommunikation. Wir beraten Buchhändler, wie sie ihre Stärken gegenüber des Online-Handels mehr betonen und ihr Kunden-Netzwerk pflegen können.

Nachwuchs: Eine Jugendstudie belegt, dass über 50 Prozent der Jugendlichen gerne lesen. Wichtig ist, dass Eltern das Lesen vorleben und vorlesen. Der Wortschatz von Kindern, denen nicht regelmäßig vorgelesen wurde, ist um 30 Prozent geringer.

Originalversionen: Es gibt kaum ein Land, wo sich so viele internationale Literatur auf den Bestsellerlisten findet wie in Deutschland. Wir haben auch immer mehr Buchhandlungen, die Literatur in anderen Sprachen verkaufen.

Preisbindung: Gilt in Deutschland mindestens für die ersten 18 Monate nach Erscheinen eines Buches. Das Buch ist ein Kulturgut und jeder bekommt es zum gleichen Preis – egal wo.

Quartett: 2018 hatten wir erstmals das literarische Jugendquartett, bei dem junge Leute ihre Favoriten vorstellen. Das war so ein Erfolg, dass wir es wiederholen.

Reihe: Es liegt in der Natur. Wenn wir etwas gefunden haben, was uns gefällt, wollen wir mehr davon.

Sorgen machen mir die acht Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland, das heißt Menschen, die nur noch Icons oder kurze Sätze lesen können. Das zu ändern ist eine unserer größten Aufgaben.

Trends: Ein Trend ist sicher, dass viele Schauspieler sich jetzt schriftstellerisch ausdrücken: Ulrich Tukur, Axel Milberg, Andrea Sawatzki und Matthias Brandt. Dessen Roman „Blackbird“ finde ich faszinierend – die 70er-Jahre noch einmal aus den Augen eines Kindes kennenzulernen.

Umdenken: Das Buch wurde in der Geschichte immer mal tot gesagt – es hat nie gestimmt. Es ist nur dem Wandel unterworfen.

Vielleser nennen wir Menschen, die ein Buch im Monat lesen. Bundesweit sind es zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung. Geht man vom Interesse und der Kaufkraft aus, gibt es in München besonders viele Vielleser.

Weihnachten: Die Buchbranche macht in Deutschland stabil neun Milliarden Euro Jahresumsatz. Rund 20 Prozent davon fallen auf das Weihnachtsgeschäft. Bücher sind immer noch das beliebteste Geschenk.

X-viele: 160 000 Besucher kommen zur Bücherschau und informieren sich über 20 000 Herbst-Neuheiten auf dem Markt.

Yes: In den USA gibt es jetzt die Unterrichtseinheit „Deep Reading“. Darin lernen Kinder, wie man ein ganzes Buch liest. Das scheint da ein massives Problem zu sein. Ich hoffe, diese Kompetenz geht in Deutschland nicht auch verloren.

Z-Generation: Dieses Jahr gibt es erstmals ein eigenes Leseprogramm für die „Generation Z“, also die komplett digitalisierten Kinder. Es heißt, die lesen nicht mehr, aber wir sehen eher, dass das Interesse größer geworden ist – auch getrieben durch Serien und Filme.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer spannender Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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