Großer Auftritt in Freimann

Der Metropol-Chef über München, Zeitenwandel und sein neuestes Projekt

Jochen Schölch ist Gründer, Intendant und Regisseur im Metropoltheater in Freimann.
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Jochen Schölch ist Gründer, Intendant und Regisseur im Metropoltheater in Freimann.

Jochen Schölch ist Intendant und Gründer des Metropoltheaters in Freimann. Im Interview von A bis Z spricht er über die Spielzeit–Premiere und die Pläne mit dem Theater.

München – Er machte das Metropoltheater zum Vorzeigeprojekt der Off-Szene, 2019 durfte sich Intendant Jochen Schölch unter anderem über die Auszeichnung „Bestes freies Theater im deutschsprachigen Raum“ freuen. Am 16. Januar feiert er als Regisseur mit seiner ersten Inszenierung in dieser Spielzeit Premiere – „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“. 

„Das Stück geht darüber, wie man Verliebtsein in eine stabile Beziehung verhandelt“, erklärt der 53-Jährige. Themen wie dieses – urmenschlich und universal – faszinieren ihn, seit er 1998 das Theater in Freimann gründete und damit diverse Erfolge feierte – künstlerisch wie politisch: 2018 beschloss die Stadt das renommierte Theater jährlich mit 400 000 Euro zu unterstützen. Was Schölch außerdem noch für das Metropol erreichen will, verrät er hier von A bis Z. 

Der Gründer des Metropoltheaters, Jochen Schölch (53), von A bis Z

Aesthetik: Unser Haus hat einen bestimmten Stil der Reduktion. Alles, was ich nicht brauche, um eine Geschichte zu erzählen, lasse ich weg. Das ist der schwierigste Weg, wenn der Zuschauer mit der Phantasie eigene Bilder entstehen lassen muss.

Bayern: Die Förderung des Theaters durch den Freistaat ist noch eine große Baustelle. Weil in München die Oper hauptsächlich vom Land Bayern getragen wird, engagiert sich der Freistaat dafür nicht hier in der freien Szene. Doch wir sagen, ihr müsst nach Qualität fördern. Egal, wo das Theater sitzt.

Cholerisch: Es gibt an vielen Theatern cholerische Regisseure. Früher hat es als Zeichen von Genialität gegolten, als Zeichen von Leidenschaft. Aber Leidenschaft kann sich beispielsweise in Beharrlichkeit zeigen – das ist eher meine Methode.

Dort wird geprobt: Nach langer Suche haben wir wunderbare Probenräume für uns gefunden – in der Streitfeldstraße in Berg am Laim.

Erfahrungen: Was Menschen verbindet, sind gemeinsame Erfahrungen. Ich hoffe, dass die Zeit so komplex geworden ist, dass die Sehnsucht nach dem Verbindenden wieder kommt. Da kann Theater wieder eine Rolle spielen.

Freimann: Als wir vor 20 Jahren das Theater in Freimann aufgemacht haben, wurde Freimann immer so belächelt á la „Wo ist überhaupt Freimann“ oder „In Freimann ist die Kläranlage“. Jetzt entdeckt man die Nähe zum Englischen Garten und zum Flughafen. Es werden 10 000 Wohnungen gebaut.

Gitarre: Als Jugendlicher war Musiker mein Berufswunsch. Aber leider fehlte mir dafür die Hartnäckigkeit. Im Theater nutze ich Musik als Sprache, die über das Wort hinausgeht.

Haus: Unser Gebäude an der Floriansmühlstraße war in den 50er-Jahren das Bavaria-Kino. Als das Fernsehen die Vorstadtkinos verdrängte, wurde es zu einem berühmten Tonstudio, in dem bis in die 90er-Jahre Musiker wie Tina Turner ihre Platten aufgenommen haben.

Intendanz: Ich sehe mich als Theaterleiter. Mich interessiert, welche Stücke gespielt werden, aber auch, welche Lampe an der Decke hängt und die Gastro. Das ist ein Gesamtkonzept. Ich wäre nicht zufrieden, wenn ich nur inszenieren würde.

Jugend: Es gibt Versuche, die Fridays for Future-Bewegung abzuwerten, aber ich nehme die jungen Menschen sehr ernst. Viele von ihnen leben gerade den Konsumverzicht.

Kulturreferent: Unser ehemaliger Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers hat mit einigen Stadträten 2018 sehr dafür gekämpft, damit sich München langfristig zum Metropoltheater bekennt. Seitdem werden wir jährlich von der Stadt mit 400 000 Euro gefördert.

Lebensmittelpunkt: Aufgewachsen bin ich in Otto- brunn, dann haben meine Frau und ich eine Wohnung in Schwabing gefunden – wo unsere Kinder aufgewachsen sind. Das wurde unser Zuhause.

Metropoltheater: Eine größere Gruppe von Mitarbeitern haben damals das Haus gekauft, das zahlen wir langfristig ab. Aber wir haben es der Spekulation entrissen.

Das Metropoltheater in Freimann.

Narzissmus: Wir leben in einem Zeitalter des Narzissmus, die Selbstinszenierung ist uns so wichtig geworden. Es sind viele Kränkungen in der Welt, weil alle mit der Erwartung der bedingungslosen Liebe unterwegs sind – und das ist nicht lebbar.

Originell: Mein Anspruch sind Stücke, die für München einen neuen Blick auf Situationen bringen. Also am liebsten München-Premieren.

Publikum: Unser Publikum ist bunt gemischt, unsere starken Besucher-Viertel sind Haidhausen, Glockenbach und Schwabing. Aber viele kommen auch von weiter, aus Augsburg oder Innsbruck.

Qualität: Manche Preise sind eine große Ehre. Zum Beispiel der Monica-Bleibtreu Preis, den wir 2014, 2017 und gerade 2019 für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ bekommen haben.

Residenztheater: Damit können wir uns nicht vergleichen. Allein die Arbeitsbedingungen, die Möglichkeiten – das ist eine andere Liga. Die Maschine in „Die Räuber“ im Residenztheater bedeutet für uns einen Jahresetat.

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pontaneität: Der Luxus unserer Theaters. Ich habe früher an der Oper inszeniert – da weiß man drei Jahre vorher, was man macht. Derzeit haben wir die Themen bis Sommer.

Themen: Theater muss sinnlich sein und ich suche urmenschliche Themen: Sehnsüchte, Kränkungen. Schauspieler sind nicht da, um mir intellektuell die Welt zu erklären, sondern das Menschsein.

Unterricht: Ich unterrichte Schauspiel an der August-Everding-Akademie. Unter den Schülern gibt es ein neues Bewusstsein und ich finde das sehr gesund. Sie legen den Finger in die Wunde. Früher waren Professoren die, die alles wissen. Heute qualifiziert man sich durch die Fähigkeit, gemeinsam Antworten zu finden.

Valentinstag: Ich habe am 14. Februar Geburtstag. Deswegen heißt mein Sohn auch Valentin. Dem Valentinstag verweigere ich mich komplett. Mich interessieren diese Konsumfeste der Industrie nicht.

Wachsen: Die Nachverdichtung in Freimann nimmt Freiräume weg, bespielbare Orte, Räume für Jugendkultur, für Clubs. Wenn eine Stadt auf Effizienz getrimmt wird, ist das mit Sorge zu sehen.

X-Zensur: Als wir in China bei großen internationalen Festivals waren – mit „Dog- ville“ und „Mandalay“, habe ich zum ersten Mal erlebt, wie demütigend es ist, wenn alles was man tut, erstmal durch eine Beobachtung geschickt wird. Man lernt zu schätzen, wie wir hier leben.

Y

es: Und doch gibt es hier schon Tendenzen der Zensur. In den neuen Bundesländern versucht die AfD, dass mehr deutsche Autoren gespielt werden müssen – und will auch Positionsbesetzungen an solche Bedingungen knüpfen.

Zukunft: Ich habe immer gute Vorsätze, aber nicht zum neuen Jahr. Gerade sind es mehr Sorgfalt und mehr Zeit für die wesentlichen Dinge.

Maren Kowitz 

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