Von A bis Z mit Claudia Bausewein

Ein Gespräch über den Tod mit einer Pionierin der Palliativmedizin

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Die Münchner Professorin ist Pionierin in Sachen Palliativmedizin. Vor mehr als 20 Jahren hat sie die Station im Klinikum Harlaching aufgebaut, jetzt leitet sie die Abteilung im Klinikum Großhadern.

Wie man die verbleibende Zeit angenehmer macht, was Betroffenen wichtig ist, welche letzten Wünsche sie haben und warum der Tod ein so großes Tabu-Thema ist...

Claudia Bausewein gilt als eine der Pionierinnen der Palliativmedizin in Deutschland: Geboren in Nymphenburg, leitet die 54-Jährige die Palliativklinik in Großhadern, den Lehrstuhl dazu an der LMU und hat die Station in Harlaching aufgebaut. Am Sonntag, 9. November, lädt sie von 10 bis 14 Uhr zum Tag der offenen Tür in die Station. In Hallo verrät die Fürstenriederin, warum manche den Tod verdrängen, andere gelassen sterben und manche tote Verwandte sehen.

Hanni Kinadeter

Palliativmedizinerin Prof. Dr. Claudia Bausewein (54) von A bis Z

Altersstruktur Wir haben auf unserer Palliativstation zehn Betten. Pro Jahr betreuen wir etwa 300 Patienten, deren Alter zwischen 18 und über 90 Jahren liegt. Etwa ein Drittel unserer Patienten ist jünger als 50. Für Kinder gibt es eine eigene Kinderpalliativstation.

Bis zur Hochzeit meiner Tochter, schaffe ich es bis dahin noch? So etwas wollen Patienten wissen. Einen genauen Todeszeitpunkt kann man aber nicht vorhersagen. Ich sage ihnen dann, dass wir eher von Wochen als von mehreren Monaten reden. Manche ziehen so eine Feier auch vor. So hatten wir schon Weihnachten Anfang Dezember.

Chemo: 75 Prozent unserer Patienten leiden an Krebs, und haben schon viel Chemotherapie hinter sich. Vor einigen Jahren waren das noch 95 Prozent. Eigentlich brauchen auch Menschen mit einer chronischen Lungen- oder Herzerkrankung Palliativmedizin. Auch Parkinsonpatienten profitieren von Palliativversorgung – aber da wird oft nicht daran gedacht.

Diagnose: Einem Menschen sagen zu müssen, dass er stirbt, ist schwierig. Aber ich finde es sehr wichtig, wahrhaftig und ehrlich zu sein. Es ist eine hohe Kunst der Kommunikation, feine Nuancen zu setzen. Manchmal reicht ein Andeuten, damit die Patienten verstehen. Oft ist es ein Prozess.

Endlichkeit hält man sich nicht oft vor Augen. Dabei kann man viel von Sterbenden lernen. Der Beruf hat mich beeinflusst: Wenn ich heute eine Entscheidung treffe, überlege ich, was ich Jahre später rückblickend dazu sagen würde. Ich lebe mehr im Hier und Jetzt und empfinde oft große Dankbarkeit.

Frieden: Manche sterben friedlich, sogar mit einem heiteren Gesichtsausdruck. Aber es gibt auch solche, die verbittert oder zornig sterben. Ich sage immer: Man stirbt, wie man lebt. Das ist eine sehr individuelle Sache.

Geister: Viele, die im Sterben liegen, erzählen, da sei jemand im Raum. Medizinisch gesehen kann das als Halluzination bezeichnet werden. Wir wissen aber nicht, was in Todesnähe geschieht und ob es nicht andere Bewusstseinsebenen gibt. Oft erzählen Menschen, dass sie verstorbene Angehörige sehen. Aber wissen wir es genau?

Humor: Vielleicht erwartet man es nicht, aber auf unserer Station wird viel gelacht. Das seelische Wohlbefinden ist wichtig und es ist nicht alles schwer für die Patienten.

Intuitiv spüren es die meisten, dass es bald zu Ende geht.

Jung: Wenn junge Patienten mit 20 oder 25 sterben, sind sie oft an Krebs erkrankt.

Karriere: In Harlaching habe ich die Palliativstation aufgebaut, es war mit eine der ersten in Bayern. Mein erstes Praktikum hatte ich in Bogenhausen gemacht. Dort habe ich zum ersten Mal mehrere Menschen sterben sehen. Das – und, dass es für viele Ärzte ein ganz schwieriges Thema ist, hat mich nicht losgelassen.

Leugnen: Manche verdrängen, dass sie sterben. Sie schmieden Pläne und tun, als wüssten sie von nichts. Ich erinnere mich an eine Frau, die wochenlang darüber gesprochen hat, dass alles wieder gut wird. Nur einmal hat sie gesagt: „Ich weiß, dass ich sterbe. Aber ich kann nicht aushalten, immer darüber zu reden.“ Wir halten es mit den Patienten aus.

Morphin: Wir haben einen größeren Tresor als andere Stationen. Im Tresor befinden sich Morphine und andere starke Schmerzmittel. Bei starken Schmerzen sind diese Medikamente notwendig, um die Lebensqualität zu verbessern.

Nichtig: Führt man sich die Endlichkeit vor Augen, ist vieles so nichtig. Sie müssten mich mal beim Autofahren fluchen hören! Aber so etwas ist nichtig, der Tod relativiert vieles.

O hnmächtig: Manchmal bin auch ich ohnmächtig, wenn das Leben ungerecht ist. Aber oft reicht es, wenn die Patienten die Fragen stellen können, sie brauchen keine Antwort.

Partner: Für Angehörige ist das eine sehr belastende Zeit – sie sind gleichzeitig betroffen und Versorger. Und nach dem Tod geht es für sie weiter, sie müssen sich um so Vieles kümmern. In jedes Zimmer kann man auf Wunsch ein Bett für Angehörige stellen, es gibt auch ein zusätzliches Zimmer für sie.

Quatsch: Der Mythos, auf unserer Station geht es nur um Sterben, Krebs und Schmerzen, hält sich hartnäckig. Dabei geht es um Symptomlinderung einer unheilbaren Krankheit. Die meisten haben Schmerzen, aber das ist nur eines von vielen Symptomen. Das kann Atemnot, Übelkeit, Depression und vieles mehr sein. Manche kommen auch Jahre, bevor sie sterben, das erste Mal zu uns.

Realität und Wunsch klaffen oft auseinander. Wir neigen dazu, die verbleibende Zeit zu optimistisch einzuschätzen.

Schicksal: Jedes Jahr gibt es Schicksale, die mich berühren. Mir schießen auch mal die Tränen in die Augen. Das ist gut so, es zeigt mir, dass ich nicht abstumpfe.

Tabu: Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht in den Nachrichten etwas über den Tod hören, sei es im Krieg, bei Unfällen oder Gewaltverbrechen. Automatisch denken wir: Das betrifft uns nicht. Was natürlich nicht stimmt. Nichts ist so sicher wie der Tod.

Unwichtig: Vieles, was im Leben eine Rolle gespielt hat, wird vor dem Tod unwichtig, etwa Geld und Freizeit. Wer im Sterben liegt, erfreut sich oft an Kleinigkeiten, wenn die Vögel zwitschern oder die Sonne scheint. Jedes Zimmer hat bei uns einen Balkon, man kann mit dem Bett rausfahren.

Versöhnung: Manchen ist es ein Anliegen, vor dem Tod Streitereien zu beenden. Aber ich habe auch Patienten erlebt, die sagen: Ich habe seit Jahren keinen Kontakt zu meiner Familie. Das soll so bleiben.

Wunsch: Viele haben einen letzten Wunsch, sie wollen ihr Pferd nochmal sehen. Oder ein querschnittsgelähmter Mann, der nochmal bei seiner Frau im Bett schlafen wollte. Sie lebten allerdings im Wohnwagen, es war also nicht ganz einfach, das hinzubekommen. Aber es hat geklappt.

X-mal habe ich Menschen beim Sterben begleitet. Von der Erfahrung kann ich profitieren, für viele Dinge habe ich ein gutes Gespür entwickelt.

Yoga hilft Patienten, die an Atemnot leiden. Das tiefe, regelmäßige Atmen tut gut.

Zorn: Ein junger Mann, um die 40, war richtig zornig, als er starb. Sein Arzt hatte ihm eine längere Lebensdauer prognostiziert. Das kann fatal sein. Er schimpfte, dass er noch so viel machen wollte, was er nicht mehr geschafft hat.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer spannender Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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