Gerd Baumann im Gespräch mit Hallo München

Gerd Baumann: „Heimat ist ein Label, das aufgestülpt wird“

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Ob Theater, Film oder Fernsehen: Gerd Baumann liefert die passende musikalische Untermalung

Keinen Bock auf Heimat: Warum sich der Vollblutmusiker an dem Begriff stört und wo Sie ihn live erleben können, erfahren Sie im Interview.

Ob Theater, Film oder Fernsehen: Er liefert die passende musikalische Untermalung. In Marcus H. Rosenmüller hat der Komponist einen gleichgesinnten Partner gefunden – bei Filmen wie „Wer früher stirbt ist länger tot“ und auf dem Nockherberg. Warum er mit Dreiviertelblut keine Heimatmusik macht, erklärt der 52-Jährige hier. von Sabina Kläsener

Herr Baumann, Ihr Dreiviertelblut-Partner Sebastian Horn hat Sie als „gedankliches Multi-Orchester“ bezeichnet. Wie sieht es in Ihrem Kopf aus, wenn Sie komponieren?
Das sieht wahrscheinlich seltsam aus…aber: Es entstehen bestimmt öfter Kompositionen, die mir misslingen, als solche, die mir gelingen. Es gibt Phasen, wo einem alles leicht von der Hand geht, und in anderen eben nicht. Das geht auch anderen Malern, Dichtern und Musikern so. Was gelingt, gelangt an die Öffentlichkeit. Der Abfall bleibt – hoffentlich – im Verborgenen.

„Als Teil der neuen „Heimatwelle“ bezeichnet zu werden, ist seltsam“

Das Dreiviertelblut-Lied „Ned nur mia“ entstand 2015 als Kritik an der bayerischen Abschiebepolitik. Welches Lied braucht München heute?
Eine schwierige Frage. Es ist nicht so, dass sich Ungerechtigkeiten über die Zeit relativiert haben. Trotzdem können wir im Vergleich mit anderen Städten froh sein, in München zu sein. Es sind eher globale Probleme wie der weltweit aufkeimende Nationalismus und der Hang zum Faschismus, die uns besorgen und manchmal das Herz zerreißen. Das Lied war ein kleiner Kommentar. Den Spruch „Mia san mia“ meinen zwar nicht alle politisch, aber es schwingt trotzdem eine Ausgrenzung mit. Seltsam also, wenn wir als Teil der neuen „Heimatwelle“ bezeichnet werden.

Gerd Baumann über Dreiviertelblut- und Bananafishbones-Sänger Sebastian Horn (links).: „Wir waren uns nicht sicher, wie es klingt, wenn eine Rockstarstimme Bairisch singt.“

Welche Beziehung haben Sie zum Begriff Heimat?
Eine Nichtbeziehung, denn wir machen keine Heimatfilme oder Heimatmusik. Die Frage ist: Ist es echt oder nicht? Sebastian Horn singt als Frontmann der Bananafishbones auf Englisch, weil das immer so war. Wir waren uns nicht sicher, wie es klingt, wenn eine Rockstarstimme bairisch singt. Aber es klingt echt, er singt, wie er spricht: bairisch. Wir beschäftigen uns mit Dingen, die um uns herum sind. Und weil wir in Bayern leben, ist das eben hier. Heimat ist ein Label, das uns aufgestülpt wird.

„Musik ist immer dabei – anders kann ich es mir nicht vorstellen“

Sie sind Musiker und Filmkomponist, man könnte sagen, Musik ist Ihr Leben. Wie sieht ein typischer Tag aus?
Ich habe nicht wirklich typische Tage, da ich auf vielen Hochzeiten tanze. Ich bin dankbar, dass meine Tage durch Filmmusik, die Band, die Arbeit mit meinen Studenten sehr verschieden sind. Musik ist immer dabei – anders kann ich es mir auch nicht vorstellen.

Die Zusammenarbeit mit einem Regisseur fängt für Sie als Komponist oft schon vor den Dreharbeiten an, sodass Sie erste Motive komponieren können. Entsteht dabei ein eigener Film vor Ihren Augen?
Natürlich. Im Idealfall arbeitet man schon mit dem Drehbuch. Dann spielt sich ein eigener Film ab. Je früher man dabei ist, desto weniger ist man Sklave des Bildes.

Wie ist es, wenn Sie mit Marcus H. Rosenmüller, mit dem Sie auch in einer WG wohnen, zusammenarbeiten?
Wir haben uns gesucht und gefunden. Wir haben neben den Filmen auch das Singspiel auf dem Nockherberg zusammen gemacht, treten mit Lesungen auf, schreiben beide Gedichte seit wir klein sind – wir sind sehr innig verbunden.

Mit einem Freund zusammenzuarbeiten – ist das leichter und schwerer zugleich?
Würde ich nicht so sagen. Ich kann mir das bei anderen befreundeten Künstlern schon vorstellen, dass das schwierig sein kann. Wir schalten voll um, üben gegenseitig Kritik. Es ist ein Vorteil, wenn man sich gut kennt und es einen gemeinsamen geschmacklichen Nenner gibt. Dass ihm ein Film, den wir gesehen haben, gefällt und mir nicht, ist eine Ausnahme.

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Zur Person

Klavier, Gitarren, Mischpult: Gerd Baumann in seinem Studio.

Am Anfang stand die Theatermusik: Die hat Gerd Baumann immer fasziniert und so klapperte er als 20-Jähriger alle Münchner Theater ab. Doch auch auf anderem Terrain fühlt er sich wohl: als Produzent von Konstantin Wecker, als Filmkomponist für Filme von Marcus H. Rosenmüller wie „Wer früher stirbt ist länger tot“ und als Teil von Dreiviertelblut. 

Gemeinsam mit Till Hofmann und Mehmet Scholl gründete er das Musik-Label Millaphon Records, unterrichtet seit 2013 an der Hochschule für Musik und Theater. 

Fünf Jahre lang war er mit Rosenmüller Urheber des Singspiels, veröffentlichte einen gemeinsamen Gedicht- und Liederband, den sie auf Lesungen präsentieren. Baumann, Jahrgang 1967, wohnt im Glockenbachviertel und in einer Land-WG mit Rosenmüller: „Ein Haus, Bäume und sonst nichts.“ 

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