Michel Abdollahi im Gespräch mit Hallo München

„Doppelt anstrengen, um dazuzugehören?“

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Alles begann mit Humor: In der Hamburger Poetry-Slam-Szene ist Michel Abdollahi eine feste Größe.

Michel Abdollahi ist Künstler, Maler, Journalist, Literat und Conférencier. Er kämpft mit Worten und Taten gegen Hass und Rassismus. Seine eigene Geschichte hilft ihm dabei...  

Der Hamburger steht für eine Botschaft: gegen Hass und Rassismus. Wegen der Anschläge von Hanau hat er sein Buch früher veröffentlicht. Für die Internationalen Wochen gegen Rassismus wollte er nach München kommen. Worin die Stadt Nachholbedarf hat und warum die Wiesn ein traumatischer Ort ist, erklärt der 38-Jährige hier. von Sabina Kläsener

Herr Abdollahi, jetzt erscheint Ihr Buch „Deutschland schafft mich“. Was war der Auslöser?
Beim Rechtsextremismus spricht man gerne vom Einzelfall – auch viele Medien. Also habe ich diese „Einzelfälle“ gesammelt und aufgeschrieben, damit auch der Letzte erkennt, dass wir ein Problem haben. Ich habe in letzter Zeit immer mehr Post von Menschen bekommen, die wegen dieser „Einzelfälle“ Angst haben – Migranten, aber auch Menschen, die Haltung zeigen. Denen möchte ich eine Stimme geben.

Wie viele Anfeindungen bekommen Sie, wenn Sie so ein Buch schreiben?
Die Anfeindungen bin ich gewohnt. Es sind oft die gleichen Muster. Die rechten Internet- sheriffs machen „Copy- and-paste“, schreien, ohne Beleg. Ich habe mich im Buch bemüht, meine Sicht zu belegen. Damit soll es ihnen erschwert werden, es fachlich anzugreifen.

Haben Sie gezögert, sich mit dem Buch wieder zum Ziel von Anfeindungen zu machen oder gibt es für Sie keinen anderen Weg?
Es gibt keine Alternative zur freien Gesellschaft. Wir müssen sie verteidigen, so wie es viele bereits machen. Aber nach Halle und Hanau reicht das nicht mehr. Es braucht mehr Druck gegen den Hass. Von überall.

Sie stehen auch in Ihrer Kunst gegen Hass und Rassismus ein, beispielsweise mit dem Schwamm, der in Hamburg, Stuttgart und Augsburg war. Warum nicht in München?
Ich habe der Landtagspräsidentin geschrieben, dass ich ihn auch gerne hier vor dem Landtag aufgestellt hätte. München ist für mich ein Ort der Kunst. Ich erhielt die Absage, es gäbe dafür „leider keinen Platz“ .

Sie kommen zur Lesung nach München. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?
Ich bin gerne in München, ich identifiziere mich mit der Lebenskultur, nicht nur mit Weißwürsten und Bier. Ich mag die alternative Kunstszene, die sich der Konservativen entgegenstellt. Dennoch wurde ich noch nie so oft angehalten oder einer Personenkontrolle unterzogen wie hier. Das mag daran liegen, dass sich Teile von Bayern schwer mit Menschen tun, die anders aussehen. Es scheint noch Nachholbedarf zu geben, daher komme ich gerne zur Lesung hierher.

Manche resignieren in ihrem Bemühen, mit den Radikalen zu reden. Ihr Resümee?
Wenn Rechtsextreme andere töten, dann sollte nur noch der Staat mit ihnen reden. Bei so großer Gefahr, darf nicht darauf vertraut werden, dass der Einzelne es richtet. Menschen, die aber tatsächliche Sorgen haben, mit denen sollte man reden. Genau diesen Menschen wird zunehmend die Glaubwürdigkeit genommen. Dazu hat die AfD einen großen Beitrag geleistet. Wenn es wirkliche Sorgen sind, muss man sie ernst nehmen. Hass und Hetze hingegen sind keine Sorgen, über die man diskutieren sollte.

„Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin“ lautet der Untertitel Ihres Buchs. „Deutsch zu sein“, was bedeutet das für Sie?
Der Untertitel ist provokant. Ich bin Deutscher und Iraner. Was ist ein Deutscher? Jemand, der die Staatsbürgerschaft hat. Das geht mit Pflichten und Rechten einher. Migranten haben oft nur Pflichten. So erlebe ich das stellvertretend.

„Deutsch“ steht auch für Attribute wie Pünktlichkeit... Warum muss man sich als Migrant doppelt anstrengen, um „dazuzugehören“? Pünktlichkeit zeichnet kein Land aus. Rechte und Pflichten müssen für alle gleichermaßen gelten.

Als Sie als Kind nach Hamburg gekommen sind, haben Sie einen Kulturschock erlebt: Ostern. Sie sollten mit dem Kindergarten im Wald Eier suchen gehen – doch das ergab keinen Sinn für Sie. Da warf Ihnen die Erzieherin, um die Situation zu retten, einen Lebkuchen, wie man ihn vom Oktoberfest kennt, aber in Hasenform, zu. Sie weinten und wollten nach Hause. Ist dann das Oktoberfest auch ein traumatischer Ort für Sie?
Ich denke für jeden wahren Norddeutschen ist das Oktoberfest ein traumatischer Ort. Es gibt ein unausgesprochenes Verbot, dort hinzugehen. Ich würde es trotzdem gerne mal wagen, um mir anzuschauen, was da den ganzen Tag getrieben wird.

Zur Person

Michel Abdollahi mit seinem Kunstwerk „der Schwamm“, ein Symbol gegen Hass und Rassismus, das alles Negative aufsaugen soll.

Vielseitig aktiv: Michel Abdollahi ist Künstler, Maler, Journalist, Literat und Conférencier – ein humoristischer Ansager, der moderiert und eigene Beiträge beisteuert. 

Abdollahi, am 20. April 1981 in Teheran geboren, wuchs ab 1986 in Hamburg auf. Dort studierte er Jura und Islamwissenschaft. Ein Pate des Poetry-Slams: Seit 2000 ist Abdollahi in der Hamburger Szene aktiv, gründete mit einem Schulfreund die Veranstaltungsreihe „Kampf der Künste“. 2016 wurde er dafür mit dem Gustaf-Gründgens-Preis ausgezeichnet. 

Im Fernsehen ist er seit Jahren in verschiedenen Formaten zu sehen. Mit dem Deutschen Fernsehpreis wurde er für seine Reportage „Im Nazidorf“ ausgezeichnet. Einen Monat lang wohnte er im Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, um mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Unter dem Pseudonym „Arte“ veröffentlicht er abstrakte Bilder – gemalt mit Microsoft Paint als Persiflage des Kunstmarktes. 

„Der Schwamm“ ist eine Kunstinstallation, die ein Zeichen gegen Hass und Rassismus sein und alles Negative aufsaugen soll. Neben Hamburg wurde sie auch in Stuttgart und Augsburg installiert – und wiederholt von Unbekannten zerstört.

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