Christoph Well im Gespräch mit Hallo München

Christoph Well – Die Familien-Gstanzl im Goggomobil

+
Einst mit einem Sendeboykott belegt, strawanzt Christoph Well heute in der BR-Sendung „Stofferl Wells Bayern“ durch den Freistaat.

Der Ex-Biermösl-Blosn-Star feiert seinen 60er. Dabei hätte ihn ein Herzfehler mit 20 fast das Leben gekostet. „40 Jahre Zugabe“ nennt er das.

Herr Well, Sie haben 14 Geschwister und alle sind musikalisch. Wer darf denn das Geburtstagsstanderl singen?

Alle natürlich! Aber mein 60er wird bloß eine kleine Feier. Wir werden in eine Wirtschaft gehen, gut essen und ein wenig Musik machen. in Familienfest, bei dem alle kommen, sprengt jeden gastronomischen Rahmen. Bei den runden Geburtstagen unserer Mutter waren zum Beispiel immer so 200 Leute.

Die Familie hat Ihre musikalische Laufbahn geprägt. Mit drei Jahren sind Sie zum ersten Mal mit Eltern und Geschwistern aufgetreten. 

Wir haben bei Weihnachtsfeiern vom Obst- und Gartenbauverein oder des Krieger- und Veteranenvereins mit Christbaumversteigerung und solchen Sachen gespielt. Da war nie eine Verstärkeranlage da, es war immer akustisch. Deswegen können wir alle irrsinnig laut plärren und singen. Mutti ist hinten gestanden und hat gezischelt, lauuuter! Damit die Veteranen, die den Kanonendonner überlebt haben, aber deren Gehör Schaden genommen hat, in der hintersten Reihe auch was hören. Vati hat uns Kindern Gedichte auf den Leib geschrieben, mit uns gesungen, durch’s Programm geführt, und nach den Veranstaltungen gab’s meistens noch Wienerwürstl.

Was ist Ihnen von den Auftritten besonders in Erinnerung geblieben?

Vor allem die Fahrten. Wir hatten als Familienauto ein Goggomobil, da sind wir zu fünft auf der Bank gesessen, oder im VW Käfer, zu siebt, acht, samt Harfe! Ich bin wie ein Dackl unten, neben der Schaltung, bei den Füßen meiner Mutter gesessen. Da hat die Heizung rausgeblasen.

Das klingt aber ungemütlich.

Es ist aber die Geborgenheit, an die ich mich erinnern kann. Es war heimelig mit drei, vier, fünf Jahren dort zu liegen und mit den Geschwistern schöne Lieder zu singen und in der Adventszeit Christbäume zu zählen. Jetzt fällt mir noch was ein: Als ich vielleicht so fünf war, haben wir im Deutschen Museum gespielt, und zwischen den Bühnenbrettern, die die Welt bedeuten, da war ein Fünferl. Ich hab das gesehen, keinen Ton mehr geredet oder gesungen, nur noch dahin gestarrt. Es nehmen? Undenkbar! Ich hatte aber große Angst, dass es vor mir noch ein anderer sieht. Also gleich mit dem Fuß drauf!

Die Auftritte haben sich anders gelohnt: Mit 18 waren Sie Solo-Trompeter der Philharmoniker. Die Stelle haben Sie aber wegen Ihres Herzfehlers aufgegeben.

Ich hab mit 14 eine künstliche, aber biologische Herzklappe gekriegt. Die ist mit der Zeit verkalkt. Ich hab immer gemeint, mein Husten ist eine Erkältung. Nach einem Konzertzyklus wurde ich operiert. Sergio Celibidache hat gesagt, er kann nicht von mir fortissimo verlangen, wenn er weiß, dass ich eine künstliche Herzklappe habe. Er war da ein bisschen abergläubisch.

Zu der Zeit scheinen Sie in Gerhard Polt einen weiteren Bruder gefunden zu haben. Seit 40 Jahren sind Sie jetzt zusammen unterwegs.

Es war etwa gleichzeitig, meine Umschulung zum Harfenisten und unser erstes festes Theaterengagement als Biermösl Blosn an den Münchner Kammerspielen in „München leuchtet“. Ich mag nicht sagen, der Gerhard ist wie ein Bruder, weil das mit den Brüdern ja nicht immer so einfach ist. Aber es gibt wenige Menschen, die mich so gut kennen wie er. Mozart war ein Viertel seines Leben in der Kutsche – also ungefähr acht Jahre. Und so sind wir gute drei Millionen Kilometer zusammen im Auto gesessen. Das sind inzwischen gute drei Jahre von meinem Leben.

Gut, dass Ihnen das Autofahren ein wohliges Gefühl gibt.

Unsere Autofahrten, ich bin ja immer der Fahrer, sind allerweil recht lustig. Ich erklär’ dem Gerhard beim Stücke-Raten, wenn wir Klassikradio hören, warum das mit solch einer Instrumentierung nur ein Beethoven sein kann, und er erklärt mir die geschichtlichen Zusammenhänge von zum Beispiel Vandalen und Germanen.

Was Christoph Well von der CSU hält

Das schwierige brüderliche Verhältnis, das Sie vorhin angesprochen haben, bezog sich auf die Auflösung der Biermösl Blosn, oder?

Naja, aufgelöst haben wir uns ja nicht. Sondern wir haben uns um ein Drittel erneuert.

Ein Comeback braucht es also nicht?

Nein, da sind wir ja schon zu alt (lacht). Mit’m Hans, das hatte einfach nicht mehr hingehauen. Es ist immer schwierig für den großen Bruder, wenn sich die jüngeren emanzipieren. Da entstand halt oft eine Streiterei. Aber wir sind ja froh, dass der Trennungskrampf schon sieben Jahre vorbei ist. Die Texte, die ja zur Biermösl-Zeit immer von uns gemeinsam erarbeitet wurden, sind ohne Hans bestimmt nicht schlechter geworden, und der Spaß ist auch wieder da, wie zu Anfangszeiten.

Konflikte hatten Sie auch mit dem BR. Es gab sogar einen Sendeboykott, heute haben Sie eine eigene Sendung. Wie beurteilen Sie diese Wandlung?

Das Klima ändert sich, die Motoren ändern sich, aus Analog wird Digital, ... ja sogar der BR ist nimmer das, was er mal war. Gewisse Verknüpfungen vom Bayerischen Rundfunk zu einer gewissen bayerischen Volkspartei waren vor 40 Jahren wesentlich stärker und offensichtlicher als heute. Wir waren, und ich bin auch immer noch der Überzeugung, dass es Bayern und seiner wunderschönen Landschaft gut täte, wenn es mal eine andere Regierung als die CSU hätte. Aber ich respektiere ja den freien Willen der Wähler, solange sie nicht bei der AfD landen ... und die CSU ist auch nicht mehr die von Franz Josef Strauß.

Eine Versöhnung mit der CSU?

Naja, eher ein wachsames Beobachten. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mehr über ihre Politik und Arroganz an der Macht aufrege, aber ich bin gelassener. Wenn du über 40 Jahre spielst, dann siehst du schon Veränderungen, und leider oft auch Wiederholungen der Geschichte. Doch was man nicht ändern kann, dafür gibt’s den Humor. Der ist Notwehr gegen die Unabänderlichkeiten des Lebens wie den Tod, Trump, AfD, FCB, CSU. Weil wenn man drüber lacht, ist’s nimmer ganz so schlimm! Der Gerhard Polt sagt immer: Wenn wir resignieren – dann vital!

Welche Dinge regen Sie stadtpolitisch auf?

Dass Leute, die hier auf die Welt gekommen sind oder hier arbeiten, es sich finanziell nicht mehr leisten können, hier zu leben. Das ist eine Entheimatung. Oh, die Baustellen sind auch arg. Jetzt bauen sie diesen Oberschwachsinn, die zweite Stammstrecke. Ein Ring wäre viel gescheiter gewesen. Das ist verfehlte Verkehrspolitik für mich. Aber Karl Valentin hat auch schon ganz viele Lieder darüber gemacht, wie München sich veränderte, und was ihm daran nicht gefallen hat. Das ‘Neue Schwabingflair’ nach der Münchner Freiheit mit seinen Schießschartenfenstern, einfach grausig. Sie reden heute über Flugtaxis und Stadtseilbahnen, aber die S-Bahn funktioniert immer noch nicht. Und wenn der Münchner Dialekt immer mehr verschwindet, das verändert den schönen Klang dieser Stadt.

von SEBASTIAN OBERMEIR

ZUR PERSON

Geboren am 3. Dezember 1959, ist Christoph Well als das zweitjüngste von 15 Kindern im beschaulichen Günzlhofen aufgewachsen. Er studierte Trompete und Harfe und war unter Sergio Celibidache Solotrompeter der Münchner Philharmoniker. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Well als Mitglied der Biermösl Blosn, die mit Gerhard Polt an ihrer Seite mit dem ein oder anderen Gstanzl die politische Landschaft Bayerns aufmischten. Seit 12 Jahren lebt Well in Haidhausen. „Obwohl ich mir nie gedacht hätte, dass ich es in einer Stadt aushalten würde. Mittlerweile kann ich mir aber nicht mehr vorstellen, dass ich wieder aufs Land raus ziehe“ resümiert er im Interview. „München ist als Stadt ja so: Du hast ein überschaubares Zentrum und kleine Dörfer rundherum. Und die sind trotz Gentrifiziererei zum Teil Dörfer geblieben.“

Verlosung

Hallo München verlost 5x2 Konzertkarten.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer kostenloser Gewinnspiele finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Jeanette Biedermann – Ihre wilden 90er sind zurück
Jeanette Biedermann – Ihre wilden 90er sind zurück
Christian Springer und die Stadt – Eine Liebe, die jetzt ausgezeichnet wird
Christian Springer und die Stadt – Eine Liebe, die jetzt ausgezeichnet wird

Kommentare