Stadtschulrätin Beatrix Zurek im Gespräch mit Hallo München

Beatrix Zurek: „Diese Übertritts-Hysterie finde ich total übertrieben“

+
Ihr liegt die Bildungspolitik der Stadt besonders am Herzen: Stadtschulrätin Beatrix Zurek (59).

Wie sich Stadtschulrätin Beatrix Zurek den zentralen Herausforderungen Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und der rasant wachsenden ­Stadtbevölkerung annimmt, erklärt sie im Hallo-Interview.

Seit fast drei Jahren leitet sie die Geschicke des Referats für Bildung und Sport (RBS): Beatrix Zurek. Bei der Bildungspolitik ist der 59-Jährigen in einer teuren Stadt wie München eines besonders wichtig: Jedes Kind soll entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert werden, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Ein wichtiges Konzept, um das Ziel zu erreichen ist die Ganztagsschule. 

Welchen Einfluss diese auf die Bildungsgerechtigkeit hat, ob man zu früh trennt, wenn es um die Wahl der weiterführenden Schule geht und was Schule leisten muss, erklärt Beatrix Zurek im Interview. von Sabina Kläsener

Frau Zurek, das Referat für Bildung und Sport wird 150 Jahre alt. Was waren beim Start die größten Herausforderungen?
Damals wie heute war es die gleiche Entwicklung, eine rasant steigende Bevölkerung. Bis 1895 wurden elf neue Gebäude für gewerbliche Schulen gebaut, da sieht man welche Dimensionen das waren für die damalige Zeit. 1898 hat man praktisch auch schon ein Münchner Schulbauprogramm entwickelt. Jetzt gibt es das erste und zweite Schulbauprogramm mit insgesamt 76 Maßnahmen für 4,16 Milliarden Euro, in der Vorbereitung ist ein drittes Programm.

Stichwort Bildungsgerechtigkeit: Ist das heute ein anderes Thema, da sich die Gesellschaft in 150 Jahren gewandelt hat?
Ja, das ist richtig. Damals ging es darum, dass junge Frauen auch die Chance auf Bildung haben. Jetzt ist der Fokus darauf, dass man unabhängig von der Herkunft die gleichen Chancen haben sollte. Leider ist das immer noch ein Manko, das wir beklagen müssen. Der Geldbeutel der Eltern sagt schon etwas über die Chancen der Entwicklung, den Bildungsweg des Jugendlichen aus.

Wie darf man die Ganztagsbetreuung bei der Bildungsgerechtigkeit, einem Kernbegriff des Referats, einordnen?
Alle Varianten der Ganztagsbetreuung haben den Effekt, dass Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können. Und sie erhöhen für einige Kinder eben die Chancen. Wir haben festgestellt: An den städtischen Realschulen, die komplett im Ganztag sind, haben die Kinder einen besseren Bildungserfolg.

Was ist besonders am Münchner Schulwesen?
Zum Beispiel, dass wir zwei Schulen besonderer Art haben. Die Städtische Willy-Brandt-Gesamtschule – die einzige in München – und die „Städtische Schulartunabhängige Orientierungsstufe“, die auch, was die Bildungsgerechtigkeit betrifft, den Kindern mehr Zeit geben, sich zu entwickeln.

Das heißt?
Nach den zwei Jahren der Orientierungsstufe können die Kinder wählen, ob sie in die 7. Klasse des Gymnasiums, der Realschule oder einer Mittelschule gehen wollen. Die Gesamtschule ist eins von einigen Modellen in Bayern, quasi ein 30-jähriger Schulversuch, bei dem die Mittelschule, die Realschule und das Gymnasium unter einem Dach sind. Es ist nicht der richtige Gesamtschul-Gedanke, sondern ein Mittelweg, den man hier in Bayern gegangen ist. Wir versuchen seit 150 Jahren, überall wo es geht, etwas zu tun, damit die Chancen und die Ressourcen der Kinder genutzt werden. Damit jeder den Weg gehen kann, der zu ihm passt und nicht den, der in die Wiege gelegt wird.

„Realschüler brauchen sich nicht verstecken“

Wenn die Kinder nicht auf diese Gesamtschule gehen, müssen sich die Eltern in der vierten Klasse für eine weiterführende Schule entscheiden. Trennt man zu früh?
Da wird drüber diskutiert. Ich persönlich finde schon: Wir trennen zu früh und wir trennen zu früh in den Köpfen. Bei uns sind die Schulen alle noch mit einem Stempel versehen. Das ist schade, denn es gibt nichts, was gegen einen Realschulabschluss spricht. Man kann wunderbare Ausbildungen machen, man kann danach auf die FOS gehen und einen entsprechenden Abschluss machen.
Man kann heutzutage auch mit einem Meisterbrief studieren. Wenn man auf dem Gymnasium ist, ist alles andere nicht mehr gegeben. Es wird übersehen, dass jede Schule Stärken hat, dass die Mittel- und Realschule praktischer angelegt sind. Wenn man sieht, was in den handwerklichen Berufen alles gefordert wird, da brauchen sich diese nicht zu verstecken.

Ein Plädoyer für eine grundlegende Veränderung.
Ja, man sieht in Ländern, in denen später getrennt wird, dass es eine gesellschaftliche Entwicklung ist. Dass man im Kopf davon wegkommen muss, dass die eine Schule besser ist als die andere. Natürlich gibt es gewisse Voraussetzungen, aber man kann, wenn das System durchlässig ist, auch seinen Weg anders gehen. Man sieht auch, dass man Kindern mehr Zeit geben sollte. Diese Hysterie, ob mein Kind in der vierten Klasse den Übertritt aufs Gymnasium schafft, finde ich total übertrieben.

Mehr als das Erlernen von Gleichungen

Bräuchte es da eine politische Entscheidung, damit es in den Köpfen ankommt?
Ja, denn das ist eine Landesgesetzgebung. Wenig ist so emotional, wie der schulische Bereich, wenn man an die heftigen Diskussionen um G8 und G9 denkt. Ob das jetzt in der nächsten Zeit angepackt wird, wage ich zu bezweifeln.

Was muss Schule heute leisten?
Damals hatte Schule schon eine ergänzende und stützende Funktion. Wenn man sieht, welche freiwilligen Leistungen wir haben, dann verstehen wir unter Schule schon mehr. Es geht darum, den jungen Menschen – das klingt jetzt so pathetisch – ein Rüstzeug mitzugeben, dass sie ihren Weg gehen können, unabhängig, ob das Elternhaus Interesse daran hat. Heutzutage muss Schule viel machen. Dass die Kinder Schwimmen lernen, ist auch ein Bestandteil des Lehrplans.

In welchen Bereichen noch?
Schule muss auch unterstützen im Bereich der Demokratischen Entwicklung oder im Bereich Gesundheit und Ernährung. Auch Bildung für nachhaltige Entwicklung ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, wir sehen das ja auch an der Bewegung von Fridays for Future. Somit hat Schule schon einen vielfältigen Umfang.

Aber?
Sie kann das Elternhaus nicht ersetzen. Aber sie soll Möglichkeiten bieten, Chancen eröffnen und Erfahrungsmöglichkeiten bieten, die über das reine Erlernen von mathematischen Gleichungen und von lateinischen, englischen und französischen Vokabeln hinausgehen. Im Grunde genommen macht einen Menschen nicht aus, ob er gut lernen kann, sondern ob er ganzheitlich die Dinge betrachten kann und die Verbindung zwischen den einzelnen Bereichen hinbekommt. Jemand, der keine Demokratie-Erziehung hat, dem fehlt auch etwas.

Ganztagsschule

Ganztag ist nicht gleich Ganztag: In München gibt es verschiedene Varianten, aus denen Eltern wählen können. 

  • Beim rhythmisierten, oder gebundenen Ganztag ist der Unterricht auf den ganzen Tag verteilt. „Der Lernerfolg wird verstärkt, weil man verschiedene Phasen des Lernens und des Ausruhens über den Tag verteilt hat“, erklärt Stadtschulrätin Beatrix Zurek.
  • Der offene Ganztag bietet nach dem stundenplanmäßigen Unterricht Freizeitangebote in klassen- und jahrgangsstufenübergreifenden Gruppen an.
  • Die Kooperative Ganztagsbildung gab es zum vergangenen Schuljahr zum ersten Mal am Pfanzeltplatz. Im Herbst kommt dieses Konzept an neun weiteren Schulen. Ihre Stärke: „Man kann eine Ganztagsplatz-Garantie an der Sprengelschule geben“, erklärt Zurek. Außerdem punktet sie mit großer Flexibilität. Eltern können wählen zwischen rhythmisiertem Unterricht und klassischem Vormittagsunterricht. Dazu können sie entsprechende Betreuung buchen, auch in Ferien und Randzeiten. Dafür ist mehr Personal vonnöten: „Es ist natürlich eine Herausforderung, aber dazu wird es keine Alternative geben, weil die Lebenswelt der Menschen sich verändert“, sagt Zurek.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Rainhard Fendrich – „Meine Generation hat eigentlich versagt“
Rainhard Fendrich – „Meine Generation hat eigentlich versagt“
Lebewohl Wolkenthron – Das Traumtheater Salome auf Abschiedstour
Lebewohl Wolkenthron – Das Traumtheater Salome auf Abschiedstour

Kommentare