Annett Louisan im Gespräch mit Hallo München

Annett Louisan: Geschichtenerzählerin und keine Sexistin

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Die Sängerin privat wie nie: In ihrem neuen Album handelt Annett Louisan unter anderem mit ihrer Vergangenheit ab.

Neues Album, neue Aufreger – und drunter nur die Wahrheit: Die Sängerin lässt die Hüllen fallen und schreibt jetzt noch ehrlichere Lieder. Was dahintersteckt, verrät Annett Louisan im Interview.

Zwischen „Belmondo“ und „Two Shades Of Thorsten“: Die Sängerin lässt in ihrem neuen Album „Kleine große Liebe“ tief blicken. Immer dabei: ihre hauchzarte Stimme und ein Augenzwinkern. Warum sie sich wie ein Spießer anhört und heute besser mit ihren Fehlern umgehen kann, erklärt die 42-Jährige im Hallo-Interview. von Sabina Kläsener

Frau Louisan, Ihr Album heißt „Kleine große Liebe“ (Hallo verlost Tickets für das Konzert) – wenn man das an Orten festmachen möchte, wäre in Ihrem Fall Hamburg die große, Berlin die kleine Liebe. Bleibt für München eine Affäre übrig?
Ja, ich mag München, kenne es aber noch viel zu wenig. Aber das Gefühl, was ich mitbekommen habe, dass die Lebensqualität hier sehr hoch ist. Jetzt verändert es sich, der Fokus liegt nicht mehr auf dem Nachtleben, sondern darauf, dass man gut essen kann, dass es sauber ist. Komisch, ich höre mich ja an wie ein Spießer (lacht).

Mein Lieblingslied vom neuen Album: „Eine Frage der Ehre“, über eine Person, die schnell eingeschnappt ist und dann eine Szene macht. Ist das für eine reale oder eine fiktive Person geschrieben?
Die Inspiration war eine reale Person, aber ich bin ja keine Denunziantin. Deshalb lasse ich immer noch so viel Platz, damit wir uns alle ein Stück weit darin erkennen können.

...und ertappt fühlen.
Ich habe auch Züge, in denen ich nachtragend bin, wo ich merke: Jetzt bin ich überempfindlich. Es gibt schon Menschen, die besonders gut in die Schublade passen und eben so jemanden kenne ich auch. Obwohl ich diese Person sehr lieb habe, ist das manchmal wahnsinnig nervig (lacht).

„Es ist wichtig, sich damit zu befassen, woher man kommt“

Wie nah Sie Ihrer Mutter sind hört man bei dem Song „Meine Kleine“ sehr deutlich. Sie wurde mit 20 schwanger, Sie als Kind auf dem Dorf als Bastard beschimpft – eine prägende Erfahrung.
Die Mutter, „die Mutter aller Themen“. Es ist ein ganz wichtiger Punkt und heilsam – ob gut oder schlecht – sich mal damit zu befassen, woher man kommt. Wenn man alleinerziehend groß wird, ist das immer irgendwie näher. Und dann war meine Mutter auch noch sehr jung, es waren besondere Umstände auf dem Dorf. Das Verhältnis war nicht immer einfach, aber wo ist es denn schon immer einfach. Die letzten Jahre waren besondere, in denen ich mir hoffentlich auch selber näher gekommen bin.

Bei so persönlichen Songs – ist da die Sorge groß, wie die Reaktionen darauf sind?
Ja, diesen schmalen Grat geht man immer: „Oh Gott, so viel wollte ich gar nicht von ihr wissen“ und „ach egal, dass ist so ein allerwelts Bla bla bla, bloß nicht anecken“. Das wollte ich nie, das habe ich immer gemerkt, dass mir das nicht steht und mich nicht berührt. Es ist ein Reifeprozess und auch normal, dass es früher nicht so schlimm war, wenn Leute für mich Lieder geschrieben haben. Das gelingt nicht mehr so gut. Mittlerweile muss ich einfach selber involviert sein.

Ist auch privat Gelassenheit eingekehrt?
Die Gelassenheit kommt auch, weil ich versucht habe, Freundschaft mit mir zu schließen. Ich kann heute besser mit meinen Fehlern umgehen, früher hatte ich wahnsinnige Angst davor. Das hat mich wahrscheinlich in meiner kreativen Arbeit beeinflusst und weswegen ich die Verantwortung mit anderen teilen wollte. Heute kann ich das besser tragen, ich merke auch, dass das eigentlich die größere Freiheit ist, dieses wirklich Selbstbestimmte. Und wenn es nicht hinhaut, dann bin ich verantwortlich dafür.

„Ich will mit meiner Musik kein unrealistisches Idealbild zeichnen“

Ist das auch eine Botschaft, die Sie mit dem Album vermitteln möchten, oder geht es nicht darum, überhaupt eine zu senden?
Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Es gibt so viele verschiedene Arten, wie man meine Lieder interpretieren kann. Wenn man alles so auf die Goldwaage legt, dann könnte man mir Sexismus und alles mögliche vorwerfen. „Was für ein Frauenbild malt sie?“

Das habe ich auch schon in einer Kritik gelesen.
Ich will ja nicht eine Welt zeichnen, die es für mich so nicht gibt. Ich will ja nicht ein Frauen- oder Männerbild zeichnen, wie es im Idealfall sein sollte. Ich glaube, da hat man Pop-Musik oder Musik falsch verstanden. Das ist doch gerade reizvoll, Leute in bestimmten Momenten zu treffen, sie zu beschreiben, da, wo sie sich allein gelassen fühlen. Wo sie sich denken: „Ich weiß nicht genau.“ Das finde ich spannend. Aber dass es dann immer noch Leute gibt, die mir irgendwas vorwerfen... Ich glaube, es ist eher ein gutes Zeichen.

Zur Person

„Es ist ein ganz wichtiger Punkt und heilsam – ob gut oder schlecht – sich damit zu befassen, woher man kommt.“

Vor mittlerweile 15 Jahren eroberte sie mit „Das Spiel“ die Charts: Sängerin Annett Louisan. Am 2. April 1977 als Annett Päge geboren, leitete sie ihren Künstlernamen vom Vornamen ihrer Großmutter Louise ab. 

Von ihrer Kindheit in Schönhausen an der Elbe in Sachsen-Anhalt, wo sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahr mit ihrer Mutter wohnte, erzählt die 42-Jährige in ihrem neuen Album „Kleine große Liebe“ (Hallo verlost Tickets für das Konzert). 

Mit 40 bekam Louisan ihr erstes Kind: Tochter Emmylou Rose. „Ich wusste immer, dass ich ein Kind haben möchte, aber ich hab wirklich gedacht, ich hätte noch so viel Zeit. Das Leben und die Zeit sind so gerast“, verrät sie im Hallo-Interview. 

Mit Mann und Kind lebt sie in Hamburg.

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