Kultur-Chef Dr. Hans-Georg Küppers im großen Hallo-Interview

Dr. Hans-Georg Küppers: „Künstler gehören zur Urbanität einer Stadt – nicht nur Luxusapartments.“

Münchens scheidender Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers im Kreativquartier.

Münchens Kultur-Chef Dr. Hans-Georg Küppers spricht zum Abschied mit Hallo über Fehler, Flächen und den Filmfest-Auftritt.

Zwölf Jahre lang hat Dr. Hans-Georg Küppers (64) als Leiter des Kulturreferats mit 1300 Beschäftigten und einem Budget von 220 Millionen Euro die Stadt geprägt. Seine Bilanz: „Wir haben mit dem Lenbachhaus, dem Deutschen Theater oder der Monacensia Institutionen neu aufgestellt, die weit über unsere Stadt hinausstrahlen“, betont der Sollner. „Das wichtigste Projekt ist sicherlich gewesen, das NS-Dokumentationszentrum als Erinnerungs- und Lernort zu schaffen.“ Wieso ihm aber Stadtteilkultur genauso sehr am Herzen liegt und wo er die Zukunft von Münchens Kultur sieht, erklärt er im Hallo München-Interview.

Dr. Hans-Georg Küppers Leiter des Kulturreferats im großen Hallo-Interview

Herr Dr. Küppers, nach zwölf Jahren als Kultur-Chef wird Ihr Abschiedsjahr überschattet von der verpatzten Gasteig-Sanierung...

Das will ich so nicht stehen lassen. Hinter der Sanierung des Gasteigs steht die Gasteig GmbH. Unsere Aufgabe ist es, zu sagen, was wir brauchen - für unsere Kulturinstitutionen, also für die Bibliothek, für die MVHS und für die Philharmoniker. Es sind Fehler gemacht worden im Verfahren, aber das bleibt nicht an uns hängen.

Allerdings wird dadurch wieder in Frage gestellt, ob es die große Generalsanierung für 450 Millionen Euro braucht.
Die Entscheidung darüber wird im September 2020 fallen. Jetzt gibt es ein neues Vergabeverfahren mit klaren Vergabekriterien.

Sie halten an der Generalsanierung fest?
Der neue Gasteig muss wesentlich offener werden. Die Anforderungen an Bibliotheken haben sich verändert. Es sind keine Medienausleihstationen mehr, sondern soziale Räume, co-working-spaces. Unsere Kinder- und Jugendbibliothek ist sehr beengt. Und es muss Räume geben, in denen MVHS, Bibliothek und Hochschule für Musik gemeinsam arbeiten können. Ein wesentlich vernetzteres Arbeiten ist nur durch eine Neukonzeption des Gasteigs möglich. Die Foyers der Philharmonie sind, wenn nicht gespielt wird, brachliegender toter Raum. Wenn man den ein bisschen umbaut, kann man ihn auch tagsüber nutzen und bespielen.

Wenn wir nur eine Grundsanierung machen würden, würden wir 2030 mit den Gegebenheiten aus den 70er-Jahren weitermachen.

Wie sehen Sie sonst noch die Zukunft der Münchner Kultur?
Die Vernetzung untereinander wird noch stärker werden. Wir haben ja in den letzten Jahren schon auf vielen Ebenen begonnen, mit Einrichtungen des Freistaats zu kooperieren. Die Staatsbibliothek und die Monacensia arbeiten beispielsweise sehr eng bei der Digitalisierung zusammen. Das städtische Lenbachhaus tauscht sich mit den staatlichen Pinakotheken aus. Bei Projekten wie dem Kunstareal sind Stadt und Land gleichsam eingebunden.

„Wie die CSU seinerzeit mit dem Thema Flüchtlinge umgegangen ist, war für mich unerträglich.“

Und daran hat Ihr Filmfest-Auftritt 2018 nichts geändert, als sie Markus Söder öffentlichkeitswirksam für seine Politik abwatschten?
Ich fand, das musste mal gesagt werden - und auch bei so einem Anlass. Wie die CSU seinerzeit mit dem Thema Flüchtlinge umgegangen ist, war für mich unerträglich.

Sie haben sich ja auch vor den Kammerspiel-Intendanten Matthias Lilienthal gestellt, als der zu einer Anti-CSU-Demo aufrief. Wie politisch darf Kunst sein?
Wir agieren in einem gesellschaftlichen Raum und können uns nicht neutral verhalten. Unsere Aufgabe ist, zu sagen, dass wir es nicht dulden werden, wenn Menschen oder Parteien demokratiefeindlich oder fremdenfeindlich agieren. Da muss Kultur sich einmischen.

Stichwort Matthias Lilienthal – ihr Wunschkandidat sorgte an den Kammerspielen konstant für Kontroversen und verließ das Haus jetzt nach ständiger Kritik...
Matthias Lilienthal hat eine Richtung eingeschlagen, die von mir gewünscht war. Ich wollte die Öffnung der Kammerspiele vorantreiben. Mittlerweile ist die freie Szene ein wichtiger Partner der Kammerspiele geworden und tritt dort auf. Manchen war Matthias Lilienthal zu experimentell – ich bedauere jeden Abonnenten und jede Abonnentin, die wir verloren haben. Auf der anderen Seite sind die Kammerspiele europaweit eines der führenden Theater, wurden auf Theatertreffen und Gastspiele eingeladen. Ich hätte mir gewünscht, man hätte ihm mehr Zeit gegeben. Denn Matthias Lilienthal und die Kammerspiele erzeugen Reibung und aus Reibung entsteht oft Relevanz.

Ist seine Nachfolgerin, Barbara Mundel, eine sichere Wahl?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Barbara Mundel die Reibung fortsetzen wird, auf eine andere Art. Sie wird auch die Öffnung fortführen. Inwiefern erfahre aber auch ich erst, wenn sie ihr Programm vorstellen wird.

Und dann gibt es noch den 131-Millionen-Neubau des Volkstheaters am Viehhof.
Der ist im Plan, ist im Preisrahmen. Das Theater wird im September 2021 eröffnen. Das war eine tolle Entscheidung für München. Christian Stückl ist sehr erfolgreich und hat ein sehr junges Publikum.

Und nebenan kommt dann die komische Pinakothek?
Ich finde das Projekt spannend, bin aber nicht der, der mit fliegenden Fahnen vorweg reitet. Der Grund ist einfach: Ich habe genug eigene Baustellen, die auch viel Geld kosten. Ich muss sehen, dass ich die durchbringe.

Zum Beispiel, das Stadtmuseum, das für 200 Millionen fünf Jahre lang umgebaut werden soll, unter anderem einen neuen Eingang und einen überdachten Innenhof erhält?
Das wird nach der Sommerpause im Stadtrat entschieden werden. Ich schätze, dass wir mit dem Umbau 2022 anfangen können. Immerhin müssen wir mit vier Millionen Objekten umziehen. Ein Interimsquartier haben wir schon gefunden, aber ich kann es noch nicht verkünden.

„Denn Künstlerinnen und Künstler gehören zur Urbanitätt einer Stadt – nicht nur Luxusapartments.“

München muss sich oft den Vergleich gefallen lassen, es habe keine Subkultur im Vergleich zu Berlin...
Das ist ein behäbiges Vorurteil, das niemand wirklich mit konkreten aktuellen Beispielen aus Berlin untermauern kann. Natürlich hat München Subkultur: im Feierwerk, im Domagkpark und besonders an der Dachauer Straße. Ich bin ganz optimistisch, dass dort im Kreativquartier noch viel passieren wird. Das ist ein Ort, an dem sich etwas entwickeln kann. Dort Flächen vorzuhalten war eine bewusste Entscheidung der Stadt: Denn Künstlerinnen und Künstler gehören zur Urbanität, zur Attraktivität einer Stadt – nicht nur Luxusapartments.

Der Kampf um Flächen in München ist groß. Haben Sie Angst, dass die Kultur hinten runter fällt, als nichts Lebensnotwendiges?
Ohne Kunst und Kultur gibt es keine Urbanität. Es gibt keine Stadtplanungsmaßnahme, in die wir nicht von vornherein miteingebunden sind. Auch das Planungsreferat achtet darauf, dass Flächen für Kultureinrichtungen vorgehalten werden, wie in Freiham für das Kulturbürgerhaus, die Stadtteilbibliothek und die Volkshochschule - ebenso in der Bayernkaserne. Ohne Kultur existieren die Städte nicht als lebendige, lebenswerte Orte.

Ihnen war die Dezentralisierung von Kultureinrichtungen von Anfang an wichtig. Wieso?
Man muss Leuten „umme Ecke“, wie man im Ruhrgebiet sagen würde, die Möglichkeit geben, Kultur zu erleben und zu gestalten. Das ist auch wichtig für Vereine und Verbände. Und Kinder sollen in ihrem Umfeld eine Bibliothek vorfinden.

Unsere großen Kulturtanker, mit denen wir nach Außen strahlen, und die Stadtteilkulturarbeit haben den gleichen Wert.

Wie kann man die Menschen – unabhängig von der sozialen Schicht oder Herkunft - für Kultur begeistern?
Ich habe den Anspruch, eine Kultur von allen für alle zu ermöglichen. Die Kultur, die die Menschen in ihren Quartieren machen, unterstützen wir. Wir hatten dabei nie die Absicht, jemandem eine bestimmte Vorstellung von Kultur aufzudrängen.

Kulturelle Leistungen machen den Menschen einzigartig. Wir geben Freiraum - für die, die es wollen. Und rufen denen zu, die es nicht wollen: ihr verpasst da vielleicht was.

Unsere Kulturlandschaft lebt also auch von Eigenengagement?
Unsere 25 Kulturhäuser würden ohne Ehrenamt nicht funktionieren. Das Problem der Kulturvereine, die sie betreiben, ist, dass der Nachwuchs nicht ausreicht. Deshalb ist es wichtig, Menschen bereits in der Schulzeit, vielleicht sogar schon im Kindergartenalter, für Kultur zu begeistern. Und ihnen bis ins hohe Alter Kulturtechniken zu eröffnen. Deswegen gibt es den Entwicklungsplan „Kulturelle Bildung“. Wir müssen auf die Menschen zugehen und dürfen nicht warten, bis sie zu uns kommen. Sehr schön macht das zum Beispiel die Schauburg, die in den Stadtvierteln Theaterprojekte macht.

Wir haben auch neue Initiativen für Kinder- und Jugendtheater und im Bereich der Pop- und Rockförderung sowie neue Festivals aufgelegt. Und fördern jetzt auch Street Art.

Inwiefern?
Wir haben einen 280 000 Euro-Fördertopf eingerichtet, mit dem wir Street Art-Kunst fördern. Dazu gehört auch der internationale Austausch, um die lokale Szene zu stärken.

Und wie sieht es mit der Freien Szene aus?
Die ist für uns wichtig. Sie treibt die Kunst und Kultur einer Stadt voran. „Art but Fair“ heißt für uns, dass die Künstlerinnen und Künstler nicht für ein Handgeld arbeiten, sondern angemessen bezahlt werden. Wir haben 2018 insgesamt 44 Millionen Euro Förderetat. Und wir werden auch im kommenden Haushalt die Zuschüsse wieder aufstocken. Das Metropoltheater unterstützen wir zum Beispiel seit 2018 jährlich mit 400 000 Euro, was es auch verdient hat. Weil es ein qualitativ hochwertiges Theater ist.

Stellvertreter Anton Biebl wird Nachfolger

Anton Biebl wird der Nachfolger von Dr. Hans-Georg Küppers .

Ein Jurist lenkt ab dem 1. Juli die Kulturgeschicke der Stadt. Anton Biebl (56) hat als gebürtiger Münchner unter anderem an der LMU studiert.

Und was sagt Küppers zu der Ernennung seines langjährigen Stellvertreters? „Mit Anton Biebl arbeite ich seit neun Jahren eng und gern zusammen. Er kennt alle Themen und wird vieles weiterführen, aber auch manche Dinge anders machen. Gut so.“ Maren Kowitz

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