Nicht nur Heilige

Missbrauch in der Kirche: So reagiert die Institution in Verdachtsfällen

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Die Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums gehen Verdachtsfällen nach.

Immer wieder erschüttern Anschuldigungen gegen Geistliche die Nachrichten. Doch was passiert, wenn solche Vorwürfe auftreten? Die neue Missbrauchsbeauftragte klärt im Hallo-Interview auf.

München – Wenn es im Erzbistum München und Freising zum Missbrauchsverdacht kommt, ist sie gefragt: Die Leiterin des Kinderschutz-Zentrums München Kirstin Dawin wurde zur neuen Missbrauchsbeauftragten ernannt. Die Psychologin über die Aufgaben in einem herausfordernden Beruf. von Sebastian Obermeir

Frau Dawin, was ist Ihre Aufgabe als Missbrauchsbeauftragte?
Meine Aufgabe ist es, Hinweisen auf sexuell übergriffiges Verhalten durch erwachsene Mitarbeiter der Kirche gegen Kinder und Jugendliche konsequent nachzugehen. Dabei geht es um strafrechtlich relevante Taten wie sexuellen Missbrauch oder um Grenzverletzungen, etwa wenn Erwachsene im Unterricht oder auf Jugendfreizeiten eine sexualisierte Atmosphäre herstellen.

Es geht also nicht nur um Priester?
Grenzüberschreitungen können überall dort stattfinden, wo Erwachsene auf Kinder treffen. Sei es in Schulen oder Kindergärten der Kirchen, bei Firmvorbereitungen, und natürlich auch durch Priester.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?
Zunächst hören wir die Betroffenen an: Was haben sie erlitten? Es gibt sehr konkrete Anschuldigungen, manchmal sind es eher Anhaltspunkte wie: „Bei diesem Erzieher, dieser Betreuerin habe ich ein ungutes Gefühl.“ Dann besprechen wir die Vorwürfe mit den Beschuldigten und leiten gegebenenfalls weitere Schritte ein.

„Im Zweifelsfall wird Anzeige erstattet“

Das heißt?
Wir prüfen, wie schwer die Grenzüberschreitung war. Kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass eine strafbare Handlung vorliegt, wird Strafanzeige erstattet. Wir überlegen immer, ob eine beschuldigte Person in ihrer Position bleiben kann. Und wenn die Beschuldigten bereits verstorben sind, erkennt die Kirche dennoch an, dass etwas für die Betroffenen sehr Belastendes geschehen ist.

Die Leiterin des Kinderschutz-Zentrums München Kirstin Dawin wurde zur neuen Missbrauchsbeauftragten ernannt.

Ein Zeichen für die Opfer, selbst wenn die Täter keine Strafe durch die Justiz mehr erhalten können?
Für viele Betroffene ist das eine wichtige Motivation: zu sehen, dass man das, was sie erlebt haben, ernst nimmt. Es gibt auch monetäre Leistungen in Anerkennung des Leids. Das kann aber nur ein symbolischer Betrag sein. Man kann nicht beziffern, was es für einen Menschen bedeutet, Opfer von sexuellen Übergriffen geworden zu sein.

Wie viele Verdachtsfälle bearbeiten Sie?
Aktuell gehen wir 20 Fällen nach. Die Verdachtsfälle erreichen uns meist direkt über die Betroffenen.

Warum ist das so?
Die Präsenz des Themas ist ein Grund. Die Deutsche Bischofskonferenz hat Leitlinien erarbeitet und ermutigt Menschen auch zu berichten, was sie erlebt haben.

„Ich lasse Dinge an mich ran, aber nicht in mich hinein“

Wie gehen Sie mit den Fällen persönlich um? Geht es Ihnen nahe?
Ich habe in den 20 Jahren bei der Arbeit mit Betroffenen im Kinderschutz-Zentrum München gelernt, die Dinge an mich ran, aber nicht in mich hinein zulassen. Wenn es einem zu nahe geht, kann man niemandem helfen. Dennoch: Es ist erschütternd, was Menschen erlebt haben.

Was kann das Erzbistum tun, damit es nicht mehr dazu kommt?
Das Erzbistum ist bereits sehr engagiert. Es schult seine Mitarbeiter, es gibt Fortbildungen. Es ist wichtig, die Sensibilität zu erhöhen. Das Bewusstsein für die Grenzen der Kinder und Jugendlichen muss gestärkt werden.

Welche sind das?
Betreuer sollten zum Beispiel nicht ohne zu klopfen in ein Kinderzimmer gehen, wenn die Tür geschlossen ist. Dass man nicht mit Kindern duscht, ist eine klarere Grenze. Bei Körperkontakt, zum Beispiel, wenn man ein Kind tröstet, muss man sehr achtsam sein und sich gut überlegen, wie das fürs Kind gerade hilfreich ist und auch erkennen wie das Kind darauf reagiert. Bei Jugendlichen geht es auch darum, wie man etwas thematisiert. Wenn Jugendliche etwa untereinander über Sexualität sprechen, kann der Erwachsene nicht auf derselben Ebene mitreden. Er sollte es mit klaren Grenzen, sachlich und fachlich machen.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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