Der Sicherheits-Weltmeister

Zum Abschied – Münchens Polizeipräsident im Hallo-Interview: Sein Unfall und seine schwierigsten Einsätze

Polizeipräsident Hubertus Andrä im Gespräch mit Hallo München.
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Polizeipräsident Hubertus Andrä im Gespräch mit Hallo München.

Hubertus Andrä´s Ära als Münchens Polizeipräsident geht zu Ende. Im Hallo-Interview verrät er, was er als schwierigste Momente seiner Karriere empfunden hat und was für Herausforderungen auf seinen Nachfolger Thomas Hampel warten...

Seine letzten Monate als Präsident der Münchner Polizei hatte sich Hubertus Andrä anders vorgestellt: „Ich wollte vor meinem Abschied so gerne noch einmal eine Fußball-EM in München verantworten und dann noch einmal die Wiesn.“

Beides wurde abgesagt wegen Corona, stattdessen war Andrä mit einem Drogen-Skandal in den eigenen Reihen konfrontiert und geriet in die Schlagzeilen, als er mit seinem Auto auf der A94 in ein verunglücktes Fahrzeug prallte und sich überschlug.

„Aber mein kleines Maskottchen, ein Bär, der angeschnallt auf der Rückbank sitzt, saß dort immer noch – er und der liebe Gott haben gute Dienste geleistet“, betont Andrä, der als 18-Jähriger mit im Auto saß, als sein Vater bei einem Unfall tödlich verunglückte.

Doch dem Mann, der seit 2013 Chef der Münchner Polizei ist, geht es seelisch und körperlich hervorragend, versichert er: „Ich bin fit für die Rente.“ Das muss er auch sein – zwei seiner drei Enkelkinder fangen gerade mit dem Radlfahren an. „Das ist für mich mein Joggen.“

Und der 64-Jährige kann sich jetzt guten Gewissens auf mehr Zeit mit seiner Familie freuen. „Es gibt weltweit keine Stadt in dieser Größenordnung, die sicherer ist als München.“ Was nicht heißt, dass es für seinen Nachfolger Thomas Hampel nichts zu tun gebe.

Wo er dessen erste große Herausforderung sieht, was er als schwierigste Momente seiner Karriere empfunden hat und wie er zu einer Rassismus-Studie in der Polizei steht, verrät Andrä im Hallo-Interview.

Polizeipräsident Hubertus Andrä (64) von A bis Z

Abschied: Am 30. Oktober werde ich vom Innenminister im Schloss Nymphenburg verabschiedet. Passenderweise im Hubertussaal. Das hatte ich vorgeschlagen, ich finde das eine wunderschöne Location.

Bedroht werden: Was wir feststellen ist, dass es immer wieder zu Solidarisierungseffekten gegen unsere Beamte kommt - von Leuten, die mit dem Vorfall überhaupt nichts zu tun haben. Die glauben, sie müssen dem, der gerade festgenommen wird, zu Hilfe kommen, und dann die Polizeibeamten angehen. Insofern müssen wir uns auch manchmal mit enstprechenden Maßnahmen durchsetzen.

Corona: Unser größtes Ziel war, die Funktionsfähigkeit der Polizei aufrechtzuerhalten. Wir haben den Dienstbetrieb so organisiert, dass sich die ablösenden Schichten nicht begegnen. Und wir haben Millionenbeträge investiert in Schutzausstattung, Plexiglasscheiben, Masken, Desinfektionsmittel.Von unseren 7000 Leuten hatten wir insgesamt 45 Erkrankte. Das zeigt, dass die Maßnahmen gut gegriffen haben.

Drogen-Skandal: Die Frage, die wir uns gestellt haben: Hätten wir das in irgendeiner Form erkennen müssen? Aber ein Vorgesetzter hat natürlich keinen Zugriff auf das Freizeitverhalten seiner Mitarbeiter. Damit werden wir uns noch intensiv beschäftigen müssen.

Fest steht: Die Kollegen, die gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen haben, müssen mit aller Härte des Strafrechts und auch des Disziplinarrechts rechnen. Ich kann nicht auf der anderen Seite Recht und Ordnung vertreten und auf der anderen Seite selbst Straftaten begehen. Das ist inakzeptabel.

Erfolg: Ein Erfolgsbaustein meiner Karriere ist, dass meine Mannschaft immer offen und ehrlich mit mir war. Sie haben auch im Einsatz mal gesagt, „Das sehe ich kritisch“ nicht nur „Wenn der Chef das sagt, dann machen wir das so“. Das ist das Entscheidende.

Fahrradtote: 2019 kamen acht Fahrradfahrer in Münchens ums Leben. Fahrradfahrer sind teilweise schon sehr risikobereit. Mittlerweile ist es auch ein Geschwindigkeitsthema, weil die E-Bikes so zunehmen.

Graf Koks: So heißt die Schildkröte meiner Familie, die sich gerade für den Winterschlaf vergraben hat. Dann ist es immer die Zeit auf die Winterreifen zu wechseln. Und wenn er wieder aufwacht, müssen wir die Sommerreifen aufziehen.

Harte Linie: Man braucht eine konsequente Linie. Es gibt Grenzen, die man nicht verschieben darf. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg wurde gesagt, das mit der Roten Flora muss man beenden. Die gibt es heute noch. In München und in Bayern gibt es kein Haus, das länger als 24 Stunden besetzt ist. Da haben wir eine klare Marschrichtung.

Image: Die große Masse der Bevölkerung ist mit der bayerischen Polizei sehr zufrieden. Wir haben Zustimmungswerte wie kaum eine andere Berufsgruppe. Man nimmt immer sehr selektiv die wahr, die laut schreien. Dass wir in der Corona-Krise jetzt für ein bestimmtes Klientel die Spaßverderber sind, ist klar.

Jahre im Dienst: Im September sind es 45 Jahre im Dienst gewesen. Ich bin 1975 eingetreten, damals bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei.

Kriseninterventionsteam: Wir haben ein Netzwerk für Beamte, die etwas Schreckliches erlebt haben. Die unmittelbaren Vorgesetzten, den zentralen psychologischen Dienst und die Polizeiseelsorge. Es wird mittlerweile auch mehr in Anspruch genommen, die Einstellung von Kollegen und Vorgesetzten hat sich da geändert. Früher hieß es oft: Ein Polizeibeamter muss sowas aushalten – nein, muss er nicht. Es ist keine Schande, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht.

Löwengrube und Ettstraße sind das Herzstück und Symbol für die Münchner Polizei. Das imposante Gebäude – ein ehemaliges Kloster – ist nicht nur durch die Polizeiserien bundesweit bekannt. Allerdings ist ein Gebäude in dieser Größe und in diesem Alter eine ständige Baustelle. Man ist nie fertig.

Memoiren: Ich habe nicht vor ein Buch zu schreiben. Obwohl ich viele Erfahrungen sammeln konnte, was schwierigste Einsätze angeht. Ich war in Kaprun als die Gletscherseilbahn ausgebrannt ist, war Einsatzleiter beim Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall. Die größte Herausforderung waren die Einsätze, wo es keine Vorbereitung geben konnte. Wie beim Amoklauf in Bad Reichenhall 1999. Damals hatte sich in Deutschland die Polizei mit Amokläufen noch nicht beschäftigt.

Nachfolger: Ich kenne den Kollegen Thomas Hampel schon seit vielen Jahren. Wir werden uns austauschen und ich beantworte gerne alle Fragen. Aber er muss selbst Schwerpunkte setzen. Sein erstes großes Thema wird sein, wie man das zusätzliche Personal aufteilt.

OEZ-Attentat: Eine extrem anstrengende, fordernde Nacht. Das war eine der schwierigsten Situationen meiner Karriere. Es mussten viele komplexe Entscheidungen schnell getroffen werden, wie die Einstellung des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Im Nachgang kann man trefflich diskutieren, ob das richtig oder falsch war, aber in dem Moment musste eine schnelle Entscheidung her.

Polizeiarbeit: Die größte Veränderung in der Polizeiarbeit brachte die technische Ausstattung mit sich: Handy, Bodycams, Computer... Durch die neue Technik gibt es viel mehr Möglichkeiten, Spuren zu finden. Die Ermittlungsakte war früher ein Ordner, heute sind es zwölf. Weil die Ermittlungen viel aufwändiger sind.

Quote: In München liegt die Aufklärungsquote von Verbrechen bei 62,7 Prozent. Wir sind Weltmeister im Punkto Sicherheit. Es gibt weltweit keine Stadt in dieser Größenordnung, die sicherer ist.

Rassimus? Wir kontrollieren nicht nach Hautfarbe, nur nach Lageerkenntnissen an bestimmten Örtlichkeiten – und zwar alle, unabhängig ob weiß, grün, blau, rot oder schwarz, männlich oder weiblich. Da spielt selektive Wahrnehmung eine große Rolle. Man merkt sich eher, wenn die Polizei einen dunkelhäutigen kontrolliert. Die Rasissmus-Studie, die jetzt in aller Munde, muss wenn breiter angelegt werden – auf die gesamte Gesellschaft. Warum nur auf die Polizei bezogen? Ich halte es nicht für zielführend, eine Berufsgruppe raus zu nehmen.

Sicherheitswacht: Ein Teil unserer Gesamtkonzeption. Mich stört sehr, wenn gelegentlich von „Blockwarten“ gesprochen wird. Das sind Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren, Ansprechnpartner für die Bevölkerung sind und Sachverhalte lösen, wo nicht immer gleich die Polizei kommen müssen. Beispielsweise wenn ein Spielplatz für bis 14-Jährige von Älteren in Beschlag genommen wird. Manchmal vergessen die Kritiker, dass auch bei der Feuerwehr oder im Rettungsdienst oder bei der Bergwacht Sicherheit von Ehrenamtlichen geleistet wird.

Twitter: Wir sind jetzt zusätzlich zu Facebook und Twitter auch auf Instagram unterwegs, einfach um auch ansprechbar zu sein. Die junge Generation informiert sich dort. Und gerade beim OEZ-Attentat hat es auch einen großen Wert gehabt, dass wir die Leute direkt erreichen konnten mit unseren Warnhinweisen.

Uniform: Unsere Beamten haben jetzt auch eine neue moderne Fahrradbekleidung, die gerade sukzessive ausgeliefert wird. Viele Dienststellen haben jetzt eine Radstreife. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Beamtem, die mit dem Rad unterwegs sind, bei den Fahrradfahrern eine höhere Akzeptanz haben als wenn sie mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs sind.

Verfassungsschutz: 2012/2013 war ich der erste Leiter der neuen Abteilung Verfassungsschutz im Innenministerium und konnte die Neuausrichtung mitgestalten. Die Zusammenarbeit mit der Polizei hier in München funktioniert herausragend. Der Verfassungsschutz hat aus den NSU-Vorfällen sehr intensiv gelernt und gemeinsame Abwehrzentren eingerichtet. Aber oft geht eines unter: Es gibt zahlreiche Anschläge, die vereitelt worden sind, weil unsere Sicherheitsarchitektur und die Nachrichtendienste funktioniert haben.

Weiterentwickeln: Die neue Technik beispielsweise autonomes Fahren stellt uns vor viele Fragen. Was bedeutet das, wenn es zu einer Kollision kommt? Was brauchen wir bei der Unfallaufnahme? Kann das noch jeder Beamte machen oder brauchen wir einen Spezialisten, der dann die Technik auslesen kann?

X-viele Überstunden: Bis 2025 werden 600 Menschen mehr bei der Polizei München arbeiten als heute. Damit sind wir dann gut aufgestellt. Aber bis dahin wird es wieder neue Herausforderungen geben. Es darf keinen Stillstand geben.

YX-Chromosom: Als ich 1975 zur Polizei kam, waren Frauen in der Polizei noch kein Thema. Die ersten wurden 1990 eingestellt. Früher sind wir zum Essen marschiert, heute gehen die Kollegen teilweise händchenhaltend.

Zusammenarbeit mit dem Rathaus: Ich habe ein sehr konstruktives, offenes Verhältnis zum KVR und der Stadt. Natürlich gibt es jetzt politisch andere Ansätze, aber man muss auch immer sehen, was man aufs Spiel setzt, wenn man was verändert. Die Sicherheit, die München vermittelt, ist für die Wirtschaft ein ganz entscheidender Faktor.

Maren Kowitz

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