Wohnungsamt-Chef im Interview

München: Versteckter Leerstand und 30000 fehlende Sozialwohnungen

Gerhard Mayer (58), Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration, im Gespräch mit Hallo von A bis Z.
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Gerhard Mayer (58), Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration, im Gespräch mit Hallo von A bis Z.
  • Marie-Julie Hlawica
    vonMarie-Julie Hlawica
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München: Trotz Corona will Gerhard Mayer ein offenes Ohr für alle haben: Hallo hat mit dem Chef des Wohnungsamts über die Brennpunkte der Stadt gesprochen.

Gerhard Mayer (58) ist als studierter Betriebswirt nicht nur seit gut einem Jahr Chef des Münchner Amts für Wohnen und Migration, er kennt die Landeshauptstadt mit ihrem ständigen Wandel und ihren Problemen seit seiner Geburt.

Früher, erinnert sich der Leiter für städtischen Wohnraum, gab es 20 anstatt heute 100 Bewerber für eine freie Wohnung. Er selbst hatte immer Glück, stand nie suchend auf der Straße: „Ich bekam auch als junges Paar mit meiner Frau und den Kindern immer die Wunschwohnung, auf die wir uns beworben hatten!“

Zuletzt hat der ehemalige Chef des Kreisjugendrings vor einem Jahr gesucht, ist von seinem Heimatviertel, der Schwanthalerhöhe, nach Laim gezogen. Beruflich leitet er jetzt aus der Franziskaner Straße in Haidhausen die Geschicke des Wohnungsamtes.

Wo er früh Verantwortung übernommen hat, warum er nicht nur den städtischen Wohnungsbau, sondern auch den Ausbau des 60er-Stadions befürwortet und wie er an Münchner Vermieter appelliert, beantwortet Gerhard Mayer im Hallo-Interview.

Gerhard Mayer (58), seit einem Jahr Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration, im A-Z

Angriffe kenne ich, was mich betrifft, in anonymer, brieflicher Form. Bei bedrohten Mitarbeitern schalten wir die Polizei ein, stellen Strafanzeige. Ich nehme das Problem sehr ernst, bekomme jeden einzelnen Fall mit.

Bezirkssausschuss: Dort war ich fast 20 Jahre lang im Viertel Schwanthalerhöhe. Mit meiner Stadtratskandidatur 2014 habe ich die BA-Tätigkeit niedergelegt, es soll ja keinen Interessenskonflikt geben. Das gilt für die Amtsleitung genauso.

Corona heißt nicht, dass wir Wohnungslose in der Zeit nicht versorgen. Bei eingeschränktem Parteienverkehr, gibt es auch im harten Lockdown offene Türen. Asylbewerber, die noch kein Konto haben, können direkt im Amt ihr Geld abholen, Menschen die die Wohnung verlieren, Unterkunft bekommen. 

Demut habe ich vor meiner neuen Aufgabe, ob und wie ich den Menschen weiterhelfen kann. Mein Blick gilt denen, die eine Wohnung verlieren und weder ein noch aus wissen.

Empathisch bin ich. So bedauere ich sehr, dass es zu wenig freie Unterkünfte in München gibt. Es gibt knapp 90 000 sogenannte Sozial-Wohnungen, bräuchten 100 000, um allen dauerhaft zu helfen.

Fußball, da mache ich kein Geheimnis draus: ich bin ein 60er. Mein Herz blutet, weil die Spiele ohne Fans stattfinden und ich eine Dauerkarte mit Stehplatz in der Westkurve hätte. Ich bin für den schnellen Stadionausbau, denn das Grünwalder Stadion ist das meistbespielte in Deutschland!

Getthos gibt es zum Glück nicht in München, keine No-go-Areas, wie wir sie aus anderen Städten kennen. Der ehemalige OB Hans-Jochen Vogel hat in den 60er Jahren gut auf die richtige Mischung in den Vierteln geachtet.

Herbergsvater – das sind für mich die Hausleiter der einzelnen Unterkünfte, die eine große Verantwortung tragen und für ihre Bewohner oft Mutter und Vater zugleich sind.

Idole habe ich keine. Mich beeindrucken Menschen wie Frère Roger, der den Begegnungsort Taizé in Frankreich gründete. Ich war schon dort. 

Jugendarbeit ist immer wichtig – ich war in meiner Pfarrei St. Georg Gruppen- und Pfarrjugendleiter, schließlich Diözesanleiter der Katholischen Jungen Gemeinde der Erzdiözese. 

KJR: Der Kreisjugendring, war folgerichtig für mich jahrelang meine berufliche Heimat. Jugendarbeit, Jugendangebote, Jugendverbände – was da passiert, betrifft die Zukunft der Stadt.

Ladenhüter? So eine Wohnung gibt es nicht in München. Ich habe den Anspruch, dass alle, die eine Wohnung benötigen, auch eine finden. Dazu müssen mehr geförderte Wohnungen gebaut werden.

Mitarbeiter gibt es insgesamt 1200 beim Münchner Amt für Wohnen und Migration. Diesen gebührt mein besonderer Dank. Sie haben gezeigt, was Verwaltung im Zuge einer solchen Pandemie leisten kann, um den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen.

Niemals möchte ich wieder ein Oktoberfest-Attentat erleben. Ich besuche jedes Jahr die Gedenkveranstaltung.

Obdachlos muss in München niemand sein. Dazu gibt es die „Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit“. Von Montag bis Freitag ist unsere Bettenzentrale auf der Suche nach Unterkünften, am Wochenende wird auch keiner geräumt.

Partner: So sehe ich die Stadt. Nicht nur, dass München meine Heimatstadt ist, sondern ich finde, es gibt hier gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden ein gutes soziales Netz für alle Bewohner.

Quadratmeter: Die Wohnfläche für Wohnungssuchende ergibt sich immer aus deren aktuellen Haushaltssituation. Für eine geförderte Wohnung werden in einem automatisierten Verfahren die fünf Mietparteien mit der höchsten Dringlichkeit vorgeschlagen, dann entscheidet der Vermieter.

Ruhe vom Job habe ich, wenn ich in den Bergen Skifahren bin – was heuer leider ausfällt.

Serviced Apartments gelten als Gewerbe – der Leerstand dort zählt offiziell nicht als Wohnraum, wie auch bei Hotels. Wir appellieren offen an alle, uns geeignete Objekte zu vermieten, gerne für einen längeren Zeitraum.

Teamarbeit wird bei uns großgeschrieben. Das Amt für Wohnen und Migration will das Problem wuppen, die enge Kooperation mit dem Jobcenter oder dem Jugendamt gehört dazu.

Unmöglich ist es leider, die Wohnungsnot schnell zu lösen. Wir bräuchten 30 000 Wohnungen mehr, zusätzlich zu den knapp 90 000 verfügbaren geförderten Wohnungen in Münchenr. Mindestens. 

Vorhaben: Ich möchte in den Abteilungen des Amts für Wohnen und Migration hospitieren. Ich mache mir gern selbst ein Bild der Arbeit vor Ort und verschaffe mir einen eigenen Überblick. Das kam bisher wegen Corona zu kurz. 

Wo ein Wille, da ist ein Weg. Ich übernehme gerne Verantwortung. Momentan vermitteln wir in München 3200 Wohnungen pro Jahr, mein Minimal-Ziel ist es, die 4000er-Marke zu erreichen.

X  für ein U vormachen lasse ich mir nicht so leicht, auch nicht in der Kommunalpolitik. Ich bin 1998 bei den Grünen ausgeschieden, habe mir Zeit gelassen und mich erst 2000 für den Eintritt in die SPD entschieden.

Yes we can! Nämlich in München innerhalb von Stunden reagieren und wohnungslosen Menschen eine Unterkunft vermitteln. 

Zimmerausstattung: Sie ist in einer Notunterkunft bewusst spartanisch, entspricht den Hygienevorschriften: mit einem Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und einer weißen Wand, die für viele kahl wirkt. Eigene Möbel sind nicht erlaubt, denn die Unterkunft soll tatsächlich nur ein Übergang sein.

Marie-Julie Hlawica

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