38 Jahre Arbeit am Fall

Der hartnäckige Held der Wiesn-Opfer - Rechtsanwalt Werner Dietrich setzt Entschädigung für Betroffene durch 

Die Karusselle stehen, in den Bierzelten ist es still, kein Ausrufer schreit, keine Schaukel ist in Betrieb! Das Oktoberfest ist geschlossen
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Die Karusselle stehen, in den Bierzelten ist es still, kein Ausrufer schreit, keine Schaukel ist in Betrieb! Das Oktoberfest ist geschlossen

Der Rechtsanwalt Werner Dietrich vertritt die Opfer des Bombenattentats auf der Wiesn. Seit die Tat neu ermittelt wurde ist klar - es war ein rechtsextremer Terrorakt

Der Fall seines Lebens: Seit 1982 vertritt Werner Dietrich die Opfer des Bombenattentats auf dem Oktoberfest. Es ist der größte Anschlag der Geschichte Deutschlands. Am Samstag, 26. September, jährt er sich zum 40. Mal. Dem Anwalt aus Sendling-Westpark ist es zu verdanken, dass die Behörden 34 Jahre nach der Tat noch einmal neu ermittelt haben.

Rechtsanwalt Werner Dietrich vertritt die Opfer des Bombenattentats auf dem Oktoberfest.

Seither ist klar: Die Tat war ein rechtsextremer Terrorakt. Deshalb steht den Opfern Entschädigung zu. Bund und Stadt haben bereits in einen Fond eingezahlt, ob sich Freistaat und Wiesn-Wirte daran beteiligen, entscheidet sich in diesen Tagen. Den 40. Gedenktag begeht die Stadt mit Veranstaltungen und der Eröffnung eines neuen Info-Ortes. Was Höhen und Tiefen seiner Arbeit waren und warum ein Einzeltäter außenpolitisch „besser“ erschien, verrät Dietrich im Interview.

Wiesn-Attentat in München: Werner Dietrich (74), Anwalt der Opfer, von A bis Z

Attentat: Während des Attentats packte ich gerade meinen Rucksack für eine sechs Monate lange Reise durch Südamerika. Erst zwei Jahre später haben mich zwei Mandanten aus Giesing kontaktiert.

Bundestagswahl: Neun Tage nach dem Attentat war Bundestagswahl. Heute wissen wir, dass der Täter Gundolf Köhler die Wahl beeinflussen wollte und den Ruf nach einem starken Mann verstärken. 

Chaos war ein weiteres Ziel des Täters: Er wollte, dass man die Linken für die Täter hält.

Druck: Es war nicht allein Verschulden der Behörden, dass schlampig ermittelt wurde. Es wäre Aufgabe der Politik gewesen, Druck auszuüben.  

Einzeltätertheorie: Es herrschte damals stilles Einvernehmen darüber, dass man mit einem psychisch labilen Einzeltäter „besser dran“ sei. Wie hätten unsere Beziehungen zu Israel oder den Ostblockstaaten gelitten, wenn an die Öffentlichkeit gedrungen wäre, dass organisierter Nazi-Terror existiert, der Verhältnisse wie im Dritten Reich schaffen will? 

Fond: Mit der Erkenntnis, dass es ein rechtsextremer Terrorakt war, können die Opfer entschädigt werden. Stadt und Bund zahlen in einen Fond, den ich schon lange fordere. Der Freistaat und die Wiesn-Wirte haben noch nicht zugestimmt.

Geld: Die Wiesn-Wirte verdienen sich eine goldene Nase. Die Opfer waren ihre Kunden, daher sollten sie Entschädigung zahlen. Es war das größte Attentat, das in der Geschichte Deutschlands geschehen ist, mit 211 Verletzten und 13 Toten.

Heute: So viel in der Vergangenheit auch katastrophal schief lief – umso gründlicher haben die Ermittlungsbehörden heute gearbeitet. Sie sind jeder Spur nachgegangen, haben 150 000 Blatt Akten durchgearbeitet. Die Ermittlungen waren ergebnisoffen. Das verdient großes Lob.

Info-Ort: Die Stadt eröffnet zum 40. Jahrestag einen Info-Ort am Mahnmal. Die Wiesn ist dafür ein schwieriger Ort, weil hier gefeiert und getrunken wird. Aber man muss der Opfer und ihrer Angehörigen am Ort des Geschehens gedenken.

Jahre: Ich beschäftige mich seit 38 Jahren mit dem Fall und habe dreimal eine Wiederaufnahme beantragt. Es ist das erste Mal in der Geschichte der BRD, dass zu einem eingestellten Verfahren ganz neu ermittelt wurde.

Köhler: Heute weiß man, dass mindestens ein Bekannter von Köhler wusste, dass er einen Anschlag plante. Und, dass sein Bruder, der Chemiker ist, ihm Kenntnisse vermittelte, mit denen man die Bombe bauen konnte. 

Leider ist die Straftat, dass jener Bekannte Köhler damals nicht angezeigt hat, verjährt.

Mandanten: Meine 16 Mandanten haben durch das Attentat eine leidvolle Lebensgeschichte. 

NSU: Bei den Morden des NSU, in Hanau oder beim OEZ, gab es viele Parallelen – etwa die erste Einschätzung als die Tat eines psychisch kranken Einzeltäters. Aber es gibt einen großen Unterschied. Beim Oktoberfest-Attentat richtete sich das Morden nicht gegen eine religiöse oder ethnische Gruppe. Der Täter wollte einfach so viele Menschen wie möglich töten.

Organisiert: Die Ermittler stehen heute vor neuen, schwierigen Aufgaben. Übers Internet können sich Täter für eine Tat verabreden, sie bilden eine lose Gruppe, die sich danach wieder trennt. Die gewaltbereite, rechtsextreme Szene ist nicht homogen.

Panne: Einer der Tiefpunkte meiner Arbeit an dem Fall war, dass die Bundesstaatsanwaltschaft die Asservate vernichtet hat. Das sind objektiv messbare Beiweise. Etwa waren in Köhlers Auto Stumpen von sechs verschiedenen Zigarettenmarken gelegen. Er lieh sich das Auto von seinem Vater, das er aber immer reinigte, bevor er es zurückgab. Das heißt, sie wurden zeitlich kurz vor der Tat geraucht.

Querulant: Zu Beginn meiner Arbeit wurde ich von vielen als nervig abgetan und nicht ernst genommen. Aber ich wollte meinem juristischen Anspruch gerecht werden und erreichen, dass gründlich ermittelt wird. Jetzt ist mir das gelungen.

Rechter Terror: Die Einstufung der Tat als rechtsex­trem und terroristisch war eine erste Genugtuung für mich und die Opfer. Eine Entschädigung wäre die zweite.

Stadt: OB Dieter Reiter und einige Stadträte haben sich in den vergangenen Jahren darum bemüht, ein würdiges Gedenken zu schaffen. Das ist wichtig und ich bin froh darüber.

Täter: Es gibt keine ausreichenden Beweise für Mittäter. Wir werden es nie erfahren, außer einer sagt am Sterbebett noch aus. Aber darüber können wir nur spekulieren.

Unbekannt: Einige Opfer kann man nicht mehr ausfindig machen. 

Vergessen: Erinnerungskultur ist so wichtig, weil sie den Aufruf an die Lebenden und Nachfahrenden hat, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Man hätte damals wachsam sein müssen und war es nicht. Auch heute müssen wir wachsam sein.

Wiesn: Natürlich war es im Interesse vieler, das Bild des größten Volksfestes der Welt nicht zu zerstören. Man wollte das Attentat vergessen, man wollte, dass die Menschen kommen und Bier trinken.

X-mal habe ich eine Wiederaufnahme des Verfahrens gefordert. Erst mein dritter Antrag wurde berücksichtigt.

Yes, we can: Es macht mir Hoffnung, dass der Fall noch einmal aufgenommen und gründlichst bearbeitet wurde.

Zorn habe ich immer wieder verspürt, wenn ich miterlebt habe, wie die Opfer einfach abgefertigt wurden.

Hanni Kinadeter

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