Interview von A bis Z mit Andrea Dietzel-Krause

200 Jahre Münchner Waisenhaus – Leiterin erklärt ihre Arbeit heute

Das 200. Gründungsfest des Münchner Waisenhauses hätte eigentlich dieses Jahr stattfinden sollen.
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Das 200. Gründungsfest des Münchner Waisenhauses hätte eigentlich dieses Jahr stattfinden sollen.

Das 200. Jubiläum hätte dieses Jahr gefeiert werden sollen. Doch Corona ließ es anders kommen. Die Leiterin Andrea Dietzel-Krause im Hallo-Interview über Herausforderungen gerade zu Corona-Zeiten.

  • 200 Jahre Münchner Waisenhaus können aufgrund von Corona nicht gefeiert werden.
  • Leiterin Andrea Dietzel-Krause im Interview von A bis Z.
  • Besondere Aufgaben und Herausforderungen warten auf das Waisenhaus-Team.
  • Neuhausen – Mit Gründung der Waisenhausstiftung 1819 wurde die Basis für das heutige Münchner Waisenhaus geschaffen, das 1899 in Neuhausen eröffnet wurde. Das 200. Gründungsfest hätte eigentlich dieses Jahr gefeiert werden sollen. 

    Doch Corona machte dem Waisenhaus-Team einen Strich durch die Rechnung. Aktuell leben dort 131 Kinder und Jugendliche, die von 120 Mitarbeitern aus unterschiedlichen Bereichen betreut und versorgt werden. 

    „Die Anforderungen an die Jugendhilfe hängen sehr eng mit den Entwicklungen in der Stadt zusammen“, weiß die Leiterin Andrea Dietzel-Krause (63). So ist das Waisenhaus ein stückweit auch Spiegel der Gesellschaft. 

    Im Hallo-Interview beschreibt die Schwabingerin die Aufgaben ihres Teams gerade auch in Corona-Zeiten und welche Herausforderungen bevorstehen. 

    Dazu zählt die Generalsanierung des Gebäudes an der Waisenhausstraße, mit der sich der Stadtrat heuer befassen soll. 

    Heim-Leiterin Andrea Dietzel-Krause (63) spricht in Hallo über die Aufgaben und Herausforderungen gerade zu Zeiten von Corona.

    Andrea Dietzel-Krause (63) von A bis Z

    Anstalt: Das Waisenhaus hier wurde 1899 mit Mitteln der 1819 gegründeten Waisenhausstiftung gebaut und von den Englischen Fräulein geleitet. Man wollte unter anderem ein bürgerliches Gegenstück zum Schloss schaffen, damit der Adel sieht, dass es auch Armut gibt in München. In der damaligen sogenannten Anstalt wurden 150 Kinder und Jugendliche von fünf Klosterschwestern beaufsichtigt. Es waren mehr Waisen als jetzt. Aber es gab auch damals schon Kinder, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben konnten.

    Bedürfnisse: Unsere Kinder und Jugendlichen haben auch materiell die gleichen Bedürfnisse wie andere Kinder und Jugendliche. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln können wir die Basisversorgung decken. Für die Erfüllung darüber hinaus gehender Wünsche benötigen wir Drittmittel. So können wir Dank großzügiger Spenden z.B. den Mitgliedsbeitrag im Fußballverein oder ein neues Fahrrad finanzieren.

    Corona: Unseren Fachtag zum 200. Jubiläum des Münchner Waisenhauses mussten wir wegen der Coronapandemie leider absagen. Die Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendheime in Coronazeiten zählen für mich zu den "Helden des Alltags". Sie kümmern sich Tag und Nacht um die Kinder. Zusätzlich haben sie auch während der Schulzeiten die Betreuung sichergestellt, obwohl für diese Zeiten üblicherweise kein Personal vorgesehen ist, und selber einen Teil des Schulunterrichts gestaltet. In ihrer Sorge um die Kinder setzten sie damit sogar zusätzlicher Ansteckungsgefahren aus.

    Datenschutz: ist ein sehr großes Thema bei uns, auch schon vor der neuen Verordnung. Für ehemalige Bewohner, die später mehr über ihre Kindheit und Jugend erfahren wollen, haben wir ein Archiv. Es ist wie ein Erinnerungsspeicher für die, die sonst niemanden haben, den sie nach ihrer Vergangenheit fragen könnten. Die Akten dort reichen über 100 Jahre zurück.

    Enge Zusammenarbeit mit den Eltern

    Eltern: Bei uns leben überwiegend Kinder und Jugendliche aus München und dem Umland und die meisten haben noch Eltern. Wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen. Im Durchschnitt liegt die Aufenthaltsdauer bei drei Jahren. Letztendlich gehen die meisten wieder zurück zu ihren Eltern. Nur maximal zwei bis drei Prozent sind elternlos.

    Findlingstraße: Dort stand das Waisenhaus von 1819 bis 1899. Träger war die Waisenhausstiftung. Es bot obdach- und elternlosen Kindern einen geschützten Raum, in dem sie großwerden konnten. 1861 übergab der Magistrat die Leitung den Englischen Fräulein.

    Gesundheit: Wir haben viele sehr belastete, traumatisierte Kinder, die aus besonders schwierigen Situationen kommen. Manchmal haben Eltern psychische Probleme. Viele Kinder haben sich bis zur Trennung eher um die Eltern gekümmert als umgekehrt und machen sich jetzt große Sorgen. Andere Kinder haben Entwicklungsverzögerungen durch Vernachlässigung oder haben körperliche, auch sexuelle Gewalt erfahren.

    Heimfamilie: Das Konzept wurde 1952 eingeführt und war für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlich: weg von den Schlafsälen, hin zu Wohngruppen. Heute gibt es bei uns nach wie vor Wohngruppen mit acht bis neun Kindern. Während früher jeweils zwei Betreuer ständig in den Gruppen gelebt haben, leben die Mitarbeiter heute außerhalb des Hauses und arbeiten im Schichtdienst. Insgesamt haben wir 15 Wohngruppen im Haus, davon zwei teilstationäre.

    „Die Anforderungen an die Jugendhilfe hängen sehr eng mit den Entwicklungen in der Stadt zusammen“

    Interessen: Es ist eine unserer Aufgaben, bei den Kindern und Jugendlichen Interessen zu fördern. Über ihre Interessen lernen die Kinder, in Stresssituationen zu entspannen und mal abzuschalten und mit ihren Ängsten umzugehen. Sie erleben Spaß und glückliche Momente. Wir bieten z.B. ein Tanzprojekt, Schachunterricht oder tiergestützte Therapien an. Wenn sie das Haus verlassen, sollen sie eine Art Werkzeugkasten mitnehmen, mit Tipps und Anleitungen, wie sie mit Ängsten umgehen und entspannen können.

    Jugendhilfe: Die Anforderungen an die Jugendhilfe hängen sehr eng mit den Entwicklungen in der Stadt zusammen. Zur Zeit haben wir einen besonders hohen Bedarf an Schutzstellen für Säuglinge und Kleinkinder. Viele in der Großstadt leben an der Existenzgrenze und haben keine Angehörigen, die helfen könnten. Wir haben unter anderem Kinder von wohnungslosen Müttern oder Müttern mit Depressionen nach der Schwangerschaft.

    Kinderschutzstellen: Davon gibt es im Waisenhaus derzeit zwei Gruppen mit je acht Plätzen für Null- bis Vierjährige und eine mit neun Plätzen für Kinder von vier bis 14 Jahren. Die Kinder werden über das Jugendamt in Obhut genommen und zu uns gebracht. Manchmal drei bis fünf pro Woche.

    Kinder und Jugendliche aus 15 Nationen

    Lernen: Kinder, die wieder in ihre Familien zurückgeführt werden sollen, bleiben in ihren bisherigen Schulen und Kindertagesstätten. Dafür gibt es einen Fahrdienst. Kinder, die erstmal auf unbestimmte Zeit bei uns leben, bekommen Plätze in den jeweiligen Sprengeleinrichtungen hier. Zudem gibt es für die Kinder in den Schutzstellen die „Schule für Kranke“ hier im Haus.

    Migrationshintergrund: Bei uns ist alles bunt gemischt. Schon lange vor der Flüchtlingswelle hatten wir eine ganz interkulturelle Mischung im Haus. Hier leben Kinder und Jugendliche aus derzeit 15 Nationen, im Team sind über zehn Nationen vertreten.

    Neuhausen-Nymphenburg: Der Stadtteilbezug ist mir sehr wichtig. Da ist die Hilfe durch Ehrenamtliche und Sponsoren, wir finden für unsere Jugendlichen Ausbildungsstellen im Stadtteil, haben das wunderbare Projekt „Alt & Jung“ zusammen mit dem ASZ Neuhausen. Deshalb möchten wir diesen Standort erhalten und zukunftsfähig ausbauen. Dazu ist eine Generalsanierung dringend nötig. Der Stadtrat wird nach Möglichkeit in diesem Jahr mit dem Thema befasst werden.

    Orientierungshilfe: zur Berufswahl ist sehr wichtig. Wir möchten dafür das alte Waschhaus sanieren, eine Art Übungswerkstatt und einen Seminarraum einrichten und dort berufsvorbereitende Maßnahmen anbieten. Dabei werden wir auch Firmen und Initiativen aus dem Stadtteil einbinden.

    Auf Unterstützung durch die Stadt angewiesen

    Partizipation: Vor über 100 Jahren war es das erklärte Ziel, die Kinder zu „rechtschaffenen Untertanen“ zu erziehen. Heute ist die demokratische Mitbestimmung der Kinder bei uns im Haus ausdrücklich gewünscht. Dafür haben wir unter anderem unser Parlament für Kinder und Jugendliche. Es hat zum Beispiel erreicht, dass die Kinder von dem selbst verdienten Geld, z.B. aus Ferienjobs, nichts mehr abliefern müssen.

    Quatschen: Die Kinder haben eine sog. Chiller-Lounge, in der sie sich ab 14 Jahren zu bestimmten Zeiten aufhalten dürfen. „Dort quatschen uns keine Erwachsenen rein.“

    Regeln: Natürlich geht es auch bei uns nicht ohne gewisse Regeln. Aber wie in den Familien draußen auch, kann man natürlich über das eine oder andere reden. 

    Stiftung: Wir sind nach wie vor ein Stiftungsheim. Das heißt: Das Gebäude und das Gelände gehören der Waisenhausstiftung. Für die Generalsanierung aber reichen die Stiftungsmittel nicht mehr aus. Wir sind deshalb auf die Unterstützung durch die Stadt angewiesen.

    Traumabewältigung: Wir sind seit zwei Jahren dabei, alle Mitarbeiter im Haus in verschiedenen Kursen traumapädagogisch auszubilden. Für alle Verhaltensweisen unserer Kinder gibt es einen guten Grund. Die Mitarbeiter sollen geschult werden, mit schweren Situationen umzugehen und den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie an einem sicheren Ort leben.

    Die Bezeichnung „Waisenhaus“ irreführend?

    UMF: Der Anteil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge liegt derzeit um die 20 Prozent. Als 2015 tausende unbegleitete Minderjährige nach Deutschland flohen, gab es Zeiten, da haben wir im Waisenhaus-Festsaal Stockbetten aufgestellt und den Pavillonbau auf dem Gelände errichtet, um unbegleitete Minderjährigen unterzubringen .

    Voller Einsatz: Unser ganzes Team leistet ausgezeichnete Arbeit. Leider haben wir Schwierigkeiten, neue Fachkräfte wie Sozialpädagogen und Erzieher zu finden. Man müsste viel mehr für diese Berufe werben. Es ist eine sehr befriedigende, sinnvolle Arbeit.

    Waisen: Die Bezeichnung Waisenhaus ist vielleicht etwas irreführend, weil heute die allermeisten Kinder ja Eltern haben. Der historische Name ist aber wie eine eingeführte Marke, die sehr bekannt ist und an der man im Grunde nichts ändern möchte. Wir haben auch schon öfter über einen Zusatznamen nachgedacht, nur bisher noch keinen geeigneten gefunden.

    X-mal: haben wir bereits darauf hingewiesen, wie wichtig die Generalsanierung für den Fortbestand des Hauses wäre.

    Yoga: Wir schaffen so viel Raum wie möglich für Sport und Bewegung, auch Yoga für Kinder hatten wir schon. In den Außenanlagen kann man Fußball, Volleyball und Basketball spielen, es gibt eine Skate-Rampe, einen großen Spielplatz zum Toben und Wege zum Radeln.

    Zuhause auf Zeit: Die Kinder sind – und das soll auch so sein – nur vorübergehend hier. Sie haben eine große Sehnsucht nach ihrer Familie, auch wenn es dort große Probleme gibt. Unser Ziel ist, den Kindern und den Eltern die Rückkehr zu ermöglichen. Das ist eine sehr ambivalente Situation. Ich denke dabei immer wieder an die Worte einer Jugendlichen, die beim Abschied zu mir sagte: „Es war meine schönste Zeit hier. Aber ich wollte hier nie sein.“

    Ursula Löschau 

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