Corona-Folgen für die Uni

„Klausuren sind ein heikles Thema“ – Zum Semesterstart hat Hallo mit dem Vizepräsident der LMU gesprochen

Professor Oliver Jahraus (55), Vizepräsident der LMU, spricht in Hallo über die Auswirkungen von Corona für die Uni.
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Professor Oliver Jahraus (55), Vizepräsident der LMU, spricht in Hallo über die Auswirkungen von Corona für die Uni.

Nächste Woche beginnt das neue Wintersemester der Münchner Universitäten. Hallo hat mit dem Vizepräsident der LMU, Prof. Oliver Jahraus, über die Auswirkungen von Corona auf die Uni gesprochen...

Die Corona-Pandemie hat auch die Münchner Universitäten hart getroffen. „Wir wurden von der Situation überrollt und es war für alle eine große Herausforderung, aber wir haben sie insgesamt sehr gut gemeistert“, sagt Professor Oliver Jahraus.

Der 55-jährige Englschalkinger ist als Vizepräsident der Ludwig-Maximilians-Universität zuständig für die Lehre. Er hat seit 2005 den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Medien inne. „Ich bin ein Gewächs der LMU“, sagt Jahraus, der von 1984 bis 1992 an der Universität studierte und promovierte.

Das vergangene Sommersemester verlief komplett online, für das Wintersemester gab es eigentlich andere Pläne. Aber: „Unsere negative Einschätzung bezüglich der Corona-Entwicklung im Wintersemester ist wahr geworden.“ Wie das Halbjahr nun abläuft und welche Probleme, aber auch Chancen es gibt, verrät er von A bis Z.

Professor Oliver Jahraus (55), Vizepräsident der LMU, von A bis Z

Audimax: Weil es eine feste Bestuhlung gibt und der Raum relativ eng ist, bleiben unter Corona-Bedingungen von den 900 Plätzen, die wir im Audimax haben, 77 übrig.

Beschwerlich: Man kann die Konzepte für Vorlesungen und Seminare nicht einfach eins zu eins für das Online-Semester übersetzen, sondern muss sich viele Gedanken machen.

Chance: Wir müssen die Situation nutzen, um darüber nachzudenken, was gute Lehre ist und wie wir das digitale Medium auch nach Corona effektiv einsetzen können. Das ist eine große Chance.

Digitalisierung: Als ich mein Amt als Vizepräsident antrat, war mein Ziel, dass 15 Prozent der Lehre online stattfindet und jeder Student mindestens eine Online-Veranstaltung durchläuft. Die Entwicklung hat uns durch Corona überholt.

Erstsemester: In diesem Winter fangen 9000 Erstsemester an. Auf sie müssen wir ein besonderes Augenmerk legen. Wir bieten eine Online-Orientierungsveranstaltung und große Zoom-Konferenzen an. Eine Fakultät hat sogar eine Orientierungs-App programmiert.

Filme: Die LMU stellt circa 35 000 Lehrvideos zur Verfügung, die bisher rund 5,4 Millionen Mal heruntergeladen wurden.

Geheimnis für den Erfolg der LMU ist, dass sie dezentral aufgestellt ist. So viele Entscheidungen wie möglich sind an die Fakultäten delegiert. Auf diese Weise können sie sehr spezifisch positive Bedingungen für die Kollegen der jeweiligen Fachrichtung schaffen. 

Hybrid-Semester: Wir hatten im Sommer geplant, virtuelle Anteile und Präsenzunterricht zu verbinden, aber uns wurde schnell klar, dass das nicht funktionieren wird. Das Wintersemester wird überwiegend ein Online-Semester sein.

Internationale Studierende: Wir haben 8000 bis 9000 ausländische Studierende. Wenn Präsenzveranstaltungen stattfinden, erhalten sie von uns eine Bescheinigung, um einreisen zu können. Aber wir haben gehört, dass es nicht gut funktioniert.

Jubel über ein weiteres Online-Semester gibt es nicht, aber wir müssen Corona ernst nehmen und dürfen keine Experimente mit der Gesundheit unserer Studierenden und Dozenten machen. 

Klausuren sind ein heikles Thema, weil die Prüfungsordnungen nicht auf eine Pandemie zugeschnitten sind. Wo es möglich ist, haben wir andere Lösungen gesucht, aber die Staatsexamen mussten wir mit einem ausgefeilten Hygienekonzept als Präsenzveranstaltungen durchführen.

Lehren aus dem Sommersemester haben wir gezogen. Wir haben jetzt einen höheren Anspruch und wollen die Studierenden nicht nur mitnehmen, sondern eine gute digitale Lehre bieten.

Martinsried: Dort befindet sich mit 1000 Plätzen unser größter Vorlesungssaal.

Nobelpreisträger Reinhard Genzel lehrt bei uns als Honorarprofessor. Ich freue mich, dass die LMU wieder einen solchen Erfolg eingefahren hat.

Open-Book-Klausuren und Take-Home-Examen dienen als Ersatz für Klausuren. Sie sind zeitlich befristete Hausarbeiten, bei denen auch Hilfsmittel verwendet werden dürfen.

Präsenzunterricht ist erlaubt, aber ich gehe davon aus, dass er nur in wenigen Ausnahmefällen stattfinden wird. An der medizinischen Fakultät beispielsweise müssen die Studierenden am Patienten arbeiten.

Qualität hat im Sommersemester natürlich gelitten. Aufgrund der Situation konnten wir nicht auf Anhieb die besten Lehrkonzepte umsetzen, aber wir lernen dazu und entwickeln uns rapide.

Regelstudienzeit: Das Sommersemester ist nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet worden. Damit konnten wir Druck aus dem Kessel nehmen. Die Situation ist nicht besser geworden, aber es ist eine politische Entscheidung, ob das auch im Wintersemester gilt.  

Studierende: Wir haben ungefähr 54 000 Studierende, 1400 Studiengänge, 8000 Lehrveranstaltungen pro Semester sowie knapp 800 Professoren und 10 000 Dozenten.

Tracking: Bei Präsenzveranstaltungen müssen wir nachverfolgen, wer wann wo in einem Raum sitzt. Dafür arbeiten wir an elektronischen Lösungen wie einem QR-Code für jeden Sitz.

Unmut über das Sommersemester gab es nur sehr vereinzelt. Natürlich hat nicht alles geklappt, aber insgesamt waren wir beeindruckend erfolgreich. Das war eine große Leistung der Dozenten und Studierenden, die sich darauf eingelassen haben.

Videoaufzeichnung: Bei Klausuren müssen wir kontrollieren, wer sie schreibt und welche Hilfsmittel die Studierenden nutzen. Das können wir nur mithilfe einer Aufzeichnung kontrollieren, die wesentliche Elemente des Datenschutzes und sogar des Grundgesetzes verletzen kann. Das umgehen wir, indem wir eine digitale und zugleich eine konventionelle Klausur anbieten.

Wertschätzung wollen wir auch unseren Erstsemestern entgegenbringen. Der feierliche Empfang im Licht­hof fällt diesmal zwar aus, aber wir haben Videobotschaften, außerdem gibt es eine virtuelle Infomesse für unsere neuen Studierenden und einen Livestream aus dem Harry Klein Club.

X-fach saßen wir zusammen und haben überlegt, wie das Semester ablaufen soll.

Yoga mache ich nicht, aber ein Spaziergang mit den Hunden macht den Kopf frei und schenkt Energie für alle Herausforderungen.

Zoom ist ein grandioses Mittel, um eine Veranstaltung stattfinden zu lassen. Insgesamt haben wir im Sommer rund 250 000 Zoom-Konferenzen angeboten. Aber der Dozent bekommt nicht mit, ob die Studierenden noch aufmerksam sind. Deshalb wollen wir Formen der Interaktion einbauen.

Andreas Schwarzbauer

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