Uli Oesterle im Gespräch mit Hallo München

Ein Comic für den Papa

Uli Oesterle hat sich für seine Graphic Novel „Vatermilch“ vom echten Leben inspirieren lassen.
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Uli Oesterle hat sich für seine Graphic Novel „Vatermilch“ vom echten Leben inspirieren lassen.

„Vatermilch“ von Uli Oesterle zeigt das glamouröse München der 70er. Aber auch die Schattenseiten: In der Graphic Novel begibt sich der Illustrator auf die Spuren seines alkoholkranken und obdachlosen Vaters.

  • Uli Oesterle arbeitet seit mehr als 20 Jahren als professioneller Illustrator.
  • Im "Vatermilch" widmet er sich dem Schicksal seines alkoholkranken und obdachlosen Vaters.
  • Das Graphic Novel zeigt das glamouröse München der 70er – aber auch die Schattenseiten.

Herr Oesterle, in „Vatermilch“ erzählen Sie eine persönliche Geschichte – unter anderem von der Obdachlosigkeit Ihres Vaters. War es schwer, sich so zu öffnen? 

Ich bin an die Geschichte rangegangen wie ein Autor, der sich fiktiven Figuren nähert: Die Kerngeschichte, der Unfall, den der „Held“ Rufus Himmelstoss verursacht, ist erfunden. Aber: Mein Vater war Alkoholiker, er ist verschwunden, als ich sieben Jahre alt war, er litt unter dem Korsakow-Syndrom (eine Form der Gedächtnisstörung, Anm. d. Red.). Das alles entspricht der Wahrheit. Wie nahe das mir geht, ist eine zwiespältige Frage. 

Inwiefern?

Mein Vater war weg, bis er 2010 gestorben ist. Natürlich habe ich als Jugendlicher darunter gelitten, aber später hat man sein eigenes Leben. Als mich die Nachricht über seinen Tod erreichte, ist mir das alles näher gegangen, als ich es für möglich gehalten habe.

Sie haben selbst im Rahmen einer Kunstaktion drei Tage auf der Straße verbracht. 

Ich habe am Text geschrieben, als ich davon hörte und habe mich sofort gemeldet. Am 6. Oktober 2016 um 21 Uhr sind wir los. Wir hatten nichts bei uns, außer den Klamotten, die wir an hatten. Es waren die ersten nasskalten Tage. Es hatte zwei Grad in der Nacht und wir mussten erst mal einen Schlafplatz suchen.

Haben Sie nachher vieles in „Vatermilch“ ändern müssen? 

Den Speisesaal einer Suppenküche habe ich zum Beispiel riesig skizziert gehabt. In Wahrheit ist sie winzig, die Stühle stehen eng, man muss sich durchquetschen, überall stehen Tüten am Boden. Jeder Platz ist besetzt, die Leute haben Angst um ihr weniges Hab und Gut, sie schlafen am Tisch ein. Das musste ich umarbeiten, um es richtig zeigen zu können.

Zur Authentizität tragen auch Münchner Schauplätze aus den 70er-Jahren bei... 

Ja, aber es war nicht mein Anspruch, alles genau abzubilden, wie es war. Es gibt eine Szene, in der die Paul-Heyse-Unterführung zu sehen ist. Es war schwierig zu recherchieren, wie sie 1975 ausgesehen hat. Dazu findet man im Internet nichts. Im Stadtarchiv wurde ich dann fündig. Die große Werbung für Metzeler Reifen, daran lässt sich die Unterführung gut erkennen. Aber ein klarer Unterschied, den ich hineingeschmuggelt habe, ist diese Nische, in der Obdachlose schliefen. Die gab es erst später.

Auch das Nobellokal Tantris oder die Disco „Schwabylon“ kommen vor. 

Das Schwabylon hat nicht lange gestanden, leider. Aber die Architektur ist ein wunderbares Symbol für das München der 70er-Jahre. Es war glamouröser, es gab eine Discokultur. Das wollte ich zeigen.

Unter anderem auch im „Yellow Submarine“. 

Von dieser Disco gab es ein paar Fotos und ein paar Detailbilder, daran konnte ich mich orientieren. Ich hab sie sogar noch selbst besucht. Da hieß sie allerdings Hamlet.

ZUR PERSON 

Uli Oesterle wurde 1966 in Karlsruhe geboren und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als professioneller Illustrator. 1995 mitbegründete er die Ateliergemeinschaft „Die Artillerie“ in der Elisabethstraße – nicht weit von den Schauplätzen seiner Graphic Novel „Vatermilch“. 

In der Graphic Novel begibt sich Uli Oesterle auf die Spuren seines alkoholkranken und obdachlosen Vaters.

Darin widmet sich Oesterle einem Herzensthema, das ans Herz geht: dem Schicksal seines alkoholkranken und obdachlosen Vaters. „Durch ihn habe ich Obdachlosigkeit immer schon mit anderen Augen gesehen“, erzählt Oesterle, selbst Vater von drei Kindern, im Interview.

von SEBASTIAN OBERMEIR

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