Sylvia Stierstorfer von A bis Z

Sudetendeutscher Tag in München: Bayerns Aussiedlerbeauftragte im Interview 

Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene:  Sylvia Stierstorfer.
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Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene: Sylvia Stierstorfer.
  • VonKatrin Hildebrand
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Anlässlich des Sudetendeutschen Tags hat Hallo die Aussiedlerbeauftragte Bayerns interviewt. Was sie über Tradition, Europapolitik und Sprachunterricht denkt.

Es ist 26 Jahre her, dass der Sudetendeutsche Tag in München stattfand. Nun ist es wieder so weit. Von Freitag, 16. Juli, bis Sonntag, 18. Juli, bilden der Gasteig und das nahegelegene Sudetendeutsche Museum an der Hochstraße die Zentren des Treffens.

Zu den wichtigsten Punkten der Veranstaltung zählt die Verleihung des Europäischen Karlspreises der Sudetendeutschen an den ehemaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman.

Mit dabei sein wird auch Sylvia Stierstorfer, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene. Teile ihrer Familie stammen aus dem Sudetenland, sie selbst ist Oberpfälzerin. Das Amt der Beauftragten bekleidet sie seit März 2018. Außerdem sitzt sie seit 2003 für die CSU im Bayerischen Landtag.

Anlässlich des Sudetendeutschen Tags erklärt sie, warum es eine Aussiedlerbeauftragte gibt, erzählt von ihren Großeltern im Sudetenland und erklärt, was ihr persönlich Heimat bedeutet. 

Sylvia Stierstorfer (58), Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, von A bis Z

Aussiedler sind etwa die Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen oder die Deutschen aus Russland, also deutsche Minderheiten im östlichen Europa. Sie kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik, die Spätaussiedler nach dem Fall der Sowjetunion und der Berliner Mauer.

Beauftragte bin ich seit März 2018. Es geht um die Anerkennung und Wertschätzung der Betroffenen, der Aussiedler, Spätaussiedler und Vertriebenen. Jeder vierte Bürger hier hat Wurzeln im östlichen Europa. Ich befasse mich auch mit der Anerkennung von Rentenansprüchen und Berufsabschlüssen.

Corona: Leider konnten wir Veranstaltungen, etwa das für 2020 geplante „Jugendforum“ für junge Nachkommen der Heimatvertriebenen und junge Aussiedler, in der geplanten Form nicht mehr umsetzen.

Demokratie: Aufklärung über die NS-Zeit und die Vertreibung als eine ihrer Folgen trägt auch dazu bei, die heutige Demokratie zu stärken. Nur eine starke Demokratie ist gegen ein Erstarken extremer Gruppierungen gewappnet. 

Ehrenamt: Ich bin in vielen Bereichen ehrenamtlich engagiert, als Beauftragte erhalte ich eine Aufwandsentschädigung, die versteuert werden muss.

Fremdsprachen: Ich spreche Englisch, leider keine andere Fremdsprache. Mein Opa dagegen, der im Sudetenland lebte, hat Tschech-isch sehr gut verstanden und auch ein bisschen gesprochen. 

Geschäftsstelle: Sie ist im Sozialministerium in der Winzererstraße. 

Heimat bedeutet für mich eigentlich alles. Ob das die Gegend oder das Haus ist, wo man wohnt, ob das die Freunde sind, das Essen, die Kultur, das Umfeld. Man vergisst die Heimat nie, auch wenn man sie jahrzehntelang verlassen hat.

Identität: Oftmals ist die Identität mit der Heimat verknüpft. Viele Menschen verbinden ihre Identität aber auch mit den Zielen, nach denen sie ihr Leben ausrichten.

Judentum: Einige wenige Aussiedler oder Vertriebene sind Juden oder haben jüdische Wurzeln. Es gibt gleichwohl eine enge Zusammenarbeit mit dem Beauftragten für jüdisches Leben in Bayern.

Konservatismus: Meine Oma, die vertrieben wurde, hat geglaubt, sie komme eines Tages zurück in ihre Heimat. Dem war natürlich nicht so. Aber dieses Festhalten trägt dazu bei, dass man die alten, vermeintlich verlorenen Traditionen bewahrt. 

Landtagsabgeordnete bin ich seit 2003 für den Landkreis Regensburg.

Museum: Das Sudetendeutsche Museum an der Hochstraße 8 konnte vergangenes Jahr im Herbst gerade noch eröffnet werden, dann war es sofort wieder Corona-bedingt geschlossen. Nun ist es wieder geöffnet und kann bis Ende Juli sogar bei freiem Eintritt besucht werden.

Nationalsozialismus: Es ist wichtig, sich diesem schwierigen Thema zu stellen. Denn man lernt aus der Geschichte. Und ich hoffe, dass wir alle aus diesem Teil der Geschichte lernen. Deshalb gehe ich in die Schulen, um mich mit den Schülern damit auseinanderzusetzen. Es gibt Vertriebene, die Schlimmes erlebt haben und sehr unter dem Verlust ihrer Heimat leiden. Ich kann ihre Verbitterung verstehen, auch wenn ich mir wünschte, dass sie zu Verständigung bereit wären. Und dann gibt es Leute, die das Leid der Vertriebenen für sich politisch instrumentalisieren, obwohl sie selbst nicht betroffen sind.

Ostbayern: Ich komme aus einer kleinen Gemeinde in der Oberpfalz. Das Familiäre dort vermisse ich manchmal schon in München.

Posener Straße: Überall in Bayern wurden nach dem Krieg Vertriebene angesiedelt und es wurden vielerorts Straßen nach ihren früheren Wohnorten benannt. In Bogenhausen gibt es etwa die Posener Straße. 

Quelle der Inspiration: Wenn man eine Leidenschaft für etwas hat, kommen die Ideen von selbst.

Religion: Ich bin römisch-katholisch. Für mich ist der Glaube schon ein Anker.

Sudetendeutscher Tag: Wichtigstes Großereignis der Sudetendeutschen, normal mit Ständen der einzelnen Heimatortsgemeinschaften, die Gebiete, in denen Vertriebene und ihre Vorfahren lebten, repräsentieren. Er sollte an Pfingsten in Hof stattfinden, doch nun gibt es eine abgespeckte Version in München wegen der besseren Erreichbarkeit. Markus Söder wird als Schirmherr da sein, wenn dem ehemaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman der Karlspreis verliehen wird.  

Tschechisch: Viele Tschechen lernen und können Deutsch. Daher glaube ich, es wäre für uns wichtig, wenn im Gegenzug mehr Deutsche Tschechisch lernen. Ab Herbst werden nun auf gemeinsame Initiative mit der tschechischen Generalkonsulin Tschechischkurse für Münchner Schüler im Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in Bogenhausen angeboten.

Ueberparteilich: Alle Landsmannschaften der Vertriebenen sind überparteilich. Sie gliedern sich nach Regionen, nicht nach politischer Überzeugung.

Versöhnung: Ohne Versöhnung zwischen Vertriebenen und den Menschen, die heute in ihrer verlorenen Heimat leben, kommen wir nicht weiter. Aber wir sind in vielen Bereichen auf einem guten Weg.

Wurzeln: Meine liegen im Sudetenland, in Blattnitz, Landkreis Mies, nahe der Stadt Pilsen.

X-mal wurde ich gefragt, ob man mich als Beauftragte braucht. Man braucht mich für die Wertschätzung der Leistungen der Vertriebenen und Aussiedler, die Würdigung ihres Schicksals, und dafür, deutlich zu machen, dass Vertriebenenpolitik keine Sache der Vergangenheit ist, sondern gelebte Verständigungspolitik.

Young: Viele der Enkel- oder Urenkelgeneration fragen – wo liegen die Wurzeln meiner Geschichte? Wir organisieren Schüleraustausche mit Osteuropa. Diese Begegnungen sind wichtiger Teil der Europapolitik.

Zeitzeugen: Ich bereite gerade eine Podcastreihe mit Zeitzeugeninterviews vor. Insgesamt sollen es 60 Gespräche werden.

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