Im Gespräch mit Hallo München

Stadtdekan Dr. Bernhard Liess und Monsignore Klaus Peter Franzl: „Christliche Werte verbieten Hassparolen“

Dr. Bernhard Liess (re. im Gespräch mit Klaus Peter Franzl) über die Pläne der Landeskirche für die Weihnachtsgottesdienste in Corona-Zeiten.
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Dr. Bernhard Liess (re. im Gespräch mit Klaus Peter Franzl) über die Pläne der Landeskirche für die Weihnachtsgottesdienste in Corona-Zeiten.

Die evangelische und die katholische Kirche in München haben zwei neue Gesichter. Was die beiden über Herausforderungen der Gesellschaft, Rassismus und Corona-Konzepte denken, im Interview.

Sie sind beide seit dem 1. September im Amt. Wo sehen Sie ihre großen Herausforderungen für die Kirchen in Münchens Mitte?
Liess: Hier gibt es Gemeinden, deren Mitglieder innerhalb von sechs Jahren durch Zu- und Wegzug einmal durchzirkuliert sind. Die Kirchen, die zentral liegen, wie St. Markus oder St. Matthäus, werden tagsüber von vielen Menschen besucht, die aus dem Alltagsgewusel in die Kirchenräume kommen, um Ruhe zu finden. Das ist eine Chance, die man nutzen muss. Da läuft viel über Musik und über Spiritualität.
Franzl: Auf dem Gebiet der Dompfarrei wohnen nur rund 300 Leute darunter viele Geistliche. Die Zahl derer, an die sich unsere kirchlichen Angebote hier richten, ist aber um ein Vielfaches größer. Darum ist unsere Idee, die Innenstadtgemeinden mit ihren unterschiedlichen Profilen deutlicher zu profilieren.
Bei uns in Heilig Geist am Viktualienmarkt geht zum Beispiel sehr viel über Kunstprojekte. St. Michael ist der Ort in München für Kirchenmusik.
Wir müssen da Schwerpunkte setzen und uns keine Konkurrenz machen. Und wichtig ist in Kontakt zu kommen – auch mit Institutionen wie der Polizei, der Politik, den Kunstschaffenden und der ganzen Stadtgesellschaft. Da ist noch Luft nach oben.
Was sehen Sie als wichtig für Münchens Gesellschaft an? 
Franzl: Die wichtigste Frage ist: Hat unsere Stadtgesellschaft die Nöte der Menschen im Blick? Gibt es einen würdigen Umgang mit Obdachlosen, statt sie zu vertreiben? Wie gehen wir mit Alleinerziehenden mit Kindern um, die kaum ihre Miete bezahlen können? Mit Behinderten, die nicht mehr aus ihrer Wohnung kommen?
Liess: Und neben dem genannten die nicht sichtbare Armut. Wir haben soviele Menschen, denen man ihre Nöte auf den ersten Blick nicht ansieht. Da kann die Caritas oder die Diakonie viel beitragen diesen Blick zu schärfen. Es gibt Menschen, die sich schämen, dass sie sich das Leben in München nicht mehr leisten können.
Ich sehe es an meinen eigenen Kindern, was für Kosten auf einen zukommen, wenn ein Schuljahr beginnt. Mit welcher Selbstverständlichkeit hohe Summen eingefordert werden. Wie kann ich den Anschein wahren, dass ich dazugehöre, wenn mir der soziale Boden unter den Füßen wegrutscht?
Franzl: Wir als kirchliche Träger schaffen Angebote, um Notleidende zu unterstützen - die Beratungsstelle Münchner Insel, die Caritas, die Diakonie -, aber wir werden die Probleme nicht lösen können. Unsere Aufgabe ist vor allem, Solidarität einzufordern und aufzurütteln. Unsere Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit denen umgeht, die am Rand stehen: Den Schwachen, Armen, Alten, Kranken...
Und mit denen, die Hass, Rassismus und Antisemitismus verbreiten…
Liess: Der Anteil der Bevölkerung, die antisemitisch eingestellt ist, hat sich zu den 50er-Jahren nicht wesentlich verändert: 15 bis 20 Prozent. Neu ist die Unverfrorenheit, mit der sich Antisemitismus äußert. Der schreckliche Ausdruck „Das wird man doch mal sagen dürfen“ erlaubt eine Ungeniertheit, Hassparolen zu äußern. Gerade auch im digitalen Bereich.
Da muss man aufstehen und protestieren und sich nicht an den schleichenden Verfall des Umgangstons gewöhnen. Ob es Antisemitismus ist, Rassismus, Islamophobie oder Homophobie.
Franzl: Ich kann es schwer ertragen, wenn jemand das christliche Abendland beschwört und gleichzeitig Hassparolen verbreitet. Wenn es um christliche Werte geht, dann verbietet sich das. Mir ist zudem wichtig, dass wir Christen nach außen hin Zeichen setzen für ein konstruktives Miteinander mit den anderen Religionen.
Wie stellen Sie sich ökumenisch auf?
Liess: Den Austausch kann man verstärken. Das ist wirklich wichtig. Vielen Menschen, die möglicherweise dem Christentum entfremdet sind, aber doch noch eine spirituelle Sehnsucht haben, sind Konfessionen erst einmal egal. Aber wenn sie spüren da gibt es ein spirituelles Angebot in einem Kirchenraum, das mich anspricht, ist für beide viel gewonnen. Die Niederschwelligkeit in eine Kirche reinzugehen an einem zentralen Ort, die muss man noch stärker forcieren.
Sehen Sie es als Ihre Aufgabe wieder mehr Menschen für den Eintritt zu gewinnen?
Liess: Wir missionieren nicht krampfhaft Leute. Wir haben als Kirche eine Botschaft, die existenziell relevant für Menschen ist. Wir spüren nach wie vor in der Gesellschaft, dass diese Fragen „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wozu bin ich da“ Menschen umtreiben.
Und wir haben darauf Antworten, wenn auch nicht immer einfache.
Es ist schön, wenn wir mehr Mitglieder haben und es mehr Kirchensteuer gibt. Aber das eigentliche Ziel ist es, dass Menschen ein erfülltes Leben führen können und merken, sie haben in Gott einen Halt oder ein Fundament...
Franzl: Das unterschreibe ich. So wie jeder Mensch ein soziales Wesen ist, so ist jeder Mensch auch ein religiöses Wesen. Ich sehne mich nach Glück, ich sehne mich nach Liebe, ich sehne mich nach Dingen, die ich mir nicht selber geben kann. Wenn diese Sehnsucht ins Leere läuft, ist das Dauerstress.
Unser Gegenüber, von dem ich hoffe, dass es meine Sehnsucht erfüllen kann, ist Gott. Das hilft in manchen Situationen Leben zu bewältigen, wo es nichts mehr schönzureden gibt, wo es nur noch darum geht, den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren.
Corona hat die Gesellschaft im Griff. Der Landeskirchenrat hat beschlossen, dass die Gemeinden für ihre Weihnachtsgottesdienste besondere Orte – wenn möglich an der frischen Luft – suchen. Wo steht man da in München?
Franzl: Der Frauenplatz und Marienplatz wären wunderschön. Aber dort dürften nach aktuell geltenden Corona-Schutzbestimmungen nur 200 Leute teilnehmen – und es würden wohl Tausende kommen. Wir planen, in Heilig Geist und St. Peter mehr Gottesdienste anzubieten und im Dom die Gottesdienste zu streamen, wie wir es bereits seit Monaten täglich tun.
Seit Mitte März hatten wir 1,75 Millionen Zugriffe. Natürlich ist eine Übertragung nicht dasselbe wie ein gemeinschaftlicher Gottesdienst, aber wir müssen das Risiko minimieren. Es wäre verheerend, wenn eine Kirche zum „Hotspot“ wird.
Deswegen schließe ich auch aus, dass wir wie sonst am 11.11. mit 2000 Kindern vom Marienplatz nach St. Michael ziehen. Wir versuchen stattdessen, den Heiligen Martin zu den Kindern zu bringen.
Liess: Um etwas zu organisieren, führen wir gerade Gespräche mit der Stadt München und der Staatsregierung. Auf jeden Fall wird man die Gottesdienst-Frequenz erhöhen, eine mögliche Idee wäre jede Stunde einen kurzen Gottesdienst anzubieten. Und wir überlegen Plätze, wo wir im Freien feiern könnten.
Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass öffentliche Plätze unkomplizierter zur Verfügung gestellt werden. Dass es nicht heißt, der Sportplatz einer Schule ist ein weltanschaulich neutraler Platz, da darf kein Gottesdienst stattfinden. Da sollte es liberalere Regelungen geben, dass unter Einhaltung der Hygienevorschriften dort ein Gottesdienst stattfinden kann.
Was wünschen Sie sich gegenseitig für ihre neuen Aufgaben?
Franzl: Viel Kreativität, den Mut, auch unpopuläre Dinge anzusprechen und eine große Portion Gottvertrauen.
Liess: Gelassenheit, Glaubenszuversicht, dass wir merken, wir sind mehr als das, was wir hier schaffen. Eine gute Portion Humor und dass wir uns selbst nicht so ernst nehmen. 

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