Ohne Neubauten kein Tunnel

Ohne Stadterweiterung kein Lärmschutztunnel ‒ Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk über Bebauung im Nordosten

Im Herbst will Elisabeth Merk dem Stadtrat die Planungen vorlegen.
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Im Herbst will Elisabeth Merk dem Stadtrat die Planungen vorlegen.
  • vonKatrin Hildebrand
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Bis zu acht neue Viertel könnten zwischen Johanneskirchen, Daglfing und Riem entstehen, aber nicht vor 2030. Stadtbaurätin Elisabeth Merk sprach mit Hallo München über die Planung.

Die CSU hat im Stadtrat beantragt, dass es ohne feste Zusage des S8-Tunnels keine Planung für den Nordosten geben sollte.
Ich halte das schlicht nicht für klug. Wir werden nur dann vom Bund einen Tunnel für die S8 glaubhaft fordern können, wenn wir darlegen, dass wir bereit sind, dort zu planen. 
Ohne die neue Bebauung wäre dieser Logik zufolge also gar kein Lärmschutztunnel nötig?
Die Notwendigkeit ist eine andere Frage, aber es wäre schwer begründbar. Das sind sehr teure Infrastrukturprojekte, die sind nur dann zu rechtfertigen, wenn ein größerer Mehrwert für das Gebiet insgesamt besteht.
Wie sollen die neuen Viertel aussehen? Wie die Messestadt oder eher wie alte Stadtteile?
Nicht wie Riem. Da waren die Voraussetzungen andere: eine begrenzte Fläche, auf der vorher der Flughafen lag. Wir haben nun eine andere Situation: Bestandsstrukturen, aber auch Bereiche mit Grün- und Freiflächen. Wir stellen uns die Neubaustruktur sehr abwechslungsreich vor, ähnlich wie am Ackermannbogen, im Prinz-Eugen-Park oder Domagkpark. 
Mit kleinem Gewerbe statt monströsen Einkaufszentren?
Da Arbeiten von zu Hause heute nicht mehr ganz unrealistisch ist, wären viertelinterne Arbeitsräume fürs Home Office in den neuen Quartieren die Lösung. Wenn die Leute dort, wo sie wohnen, teilweise auch arbeiten, sind kleinteilige Gewerbestrukturen im Wohngebiet möglich. Dann gibt es nicht nur den Nahversorger, sondern auch Läden und Cafés. Diese können dann auch überleben. 
Der Plan für die Neubaugebiete im Münchner Nordosten.
Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Inwieweit werden diese Aspekte in den neuen Quartieren realisiert?
Das ist für mich keine Frage, es muss CO2-neutrales Bauen sein, das ist gar nicht anders vorstellbar. Ich gehe davon aus, dass wir in fünf bis zehn Jahren, also den Zeiträumen, bis wir erste Grundsteinlegungen haben, da auch einen Riesenschritt weiter sind. Wie wir dieses Stadtquartier energetisch versorgen, wird gerade noch erörtert. Kühlung wird unter anderem ein Thema sein in den neuen urbanen Stadtvierteln. Da sind Bachläufe und der geplante See sehr interessant. In den nächsten eineinhalb Jahren wird es einen Leitfaden zum C02-neutralen Bauen und der klimagerechten Stadt geben. Die Viertel im Nordosten sind wahrscheinlich die erste große städtebauliche Erweiterung, die dem Rechnung trägt. 
Neuesten Informationen zufolge, verhandeln Sie mit dem Freistaat Bayern auch über die Olympiareitanlage. Soll sie etwa den neuen Vierteln geopfert werden, wo doch dort auch Veranstaltungen und internationale Turniere stattfinden?
Das ist vielleicht missverständlich rübergekommen. Wir wollen den Reitsport dort draußen halten. Was aber stimmt: Natürlich sind wir mit dem Freistaat als Vertreter der öffentlichen Hand und einem der großen Grundstückseigentümer in dem Gebiet darüber im Gespräch, wie die Flächen, die ihm gehören, in diese gesamte Entwicklung mit einfließen können. Was am Ende mit diesen Flächen passiert, ist eine Frage des weiteren Prozesses. In der Wettbewerbsauslobung ist es so formuliert und auch der Stadtrat hat beschlossen, dass der Reitsport dort weiter erhalten bleiben soll. Es kann natürlich sein, dass man Flächen anders organisiert, dass man andere Zuschnitte findet. Wir haben ja oft auch an anderer Stelle in der Stadt Situationen, wo etwas verlagert wird. Wobei die Reitsportanlage selber sehr interessant ist. 
Wenn eines Tages alle Flächen entwickelt sind: Ist dann Schluss mit Neubauten und Dauerzuzug von Gewerbe?
Wir sind nicht die ersten, die sich diese Fragen stellen. Schon 1910 war das Thema. Das kann man im Archiv des Planungsreferats nachlesen. Es gibt langfristige Prognosen für die Bundesrepublik, die besagen, dass die Bevölkerung wahrscheinlich schrumpfen wird. Aber sie wird nicht an allen Orten gleichermaßen schrumpfen. Daher ist die Vorgehensweise, wie wir sie bei diesem Projekt nun planen, nämlich in einzelnen Abschnitten vorzugehen, sinnvoll. Wir sind nicht wie bei der Messestadt Riem darauf angewiesen, alles zu realisieren, weil sonst etwas fehlt. Wir wollen diesmal einzelne Einheiten schaffen, die in sich schlüssig und tragfähig sind und gut für sich existieren können, wenn nach zwei Bauabschnitten keine weiteren kommen. Wenn es jedoch weitergeht, sollen sie gut mit weiteren Einheiten kooperieren können. Für heute gilt außerdem: Wir erleben Umstrukturierungen im Büromarkt, beim Online-Handel und Reisen. Dadurch werden in Zukunft in den Städten Produktionstätten und Hotels wegfallen. Die können wir in Wohnquartiere umwandeln. Man wird beispielsweise bald nicht mehr wegen ein paar Stunden Konferenz irgendwohin fliegen, aus Gründen der Zeitökonomie und der Ökologie. Dadurch wird sich auch die Stadtstruktur ändern.

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