Münchens Müll im Blick

So könnten Münchner weniger Abfall erzeugen ‒ Umwelt-Experte klärt in Hallo auf

Helmut Schmidt (68), Vorstand der Münchner Umweltakademie, im Gespräch mit Hallo München von A bis Z.
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Helmut Schmidt (68), Vorstand der Münchner Umweltakademie, im Gespräch mit Hallo München von A bis Z.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Erst AWM, jetzt Umweltakademie: Experte Helmut Schmidt kennt die Abfallsorgen Münchens so gut wie kein Anderer. Wo die Stadt noch mehr anpacken muss.

„Wenn alle Menschen so leben würden wie wir in Deutschland, bräuchten wir 3,2 Erden, um den globalen Ressourcenbedarf zu decken.“

Derjenige, der das sagt, ist Helmut Schmidt, bis 2017 tätig für den Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM). Seither ist der Aubinger im Vorstand der Münchner Umwelt­akademie, zuständig für „Ressourcen & Circular Economy“.

Mit ihren Aktivitäten will die Akademie dazu beitragen, dass die Bevölkerung weniger Lebensmittel verschwendet, verpackungsarm einkauft und dabei vor allem Plastik vermeidet, auf langlebige, reparier- und recyclebare Produkte achtet sowie lernt, mehr zu genießen und weniger zu konsumieren.

Schmidt sagt: „Unser Lebensstil geht zulasten der Menschen im globalen Süden, künftiger Generationen und der Natur. Um den ökologischen Fußabdruck deutlich zu reduzieren, braucht es neben einer Energie-, Mobilitäts- und Agrarwende auch eine Konsum- und Ressourcenwende.“ Was er von Mülltrennung und vom deutschen Verpackungswahn hält, erklärt er hier von A bis Z.

Helmut Schmidt (68), Vorstand der Münchner Umweltakademie, von A bis Z

Alarmierende Zahlen: Die Zahl der Einwegverpackungen ist durch Corona explosionsartig gestiegen. In München haben wir aber immer noch weniger als in Hamburg oder Berlin.

Beruf Müllmann: Sie dürfen kein Trinkgeld annehmen, weil sie für einen städtischen Betrieb arbeiten. Es gab falsche Müllmänner und Streit, weil das Geld nicht fair aufgeteilt wurde. Mittlerweile sind Wertgutscheine bis zu 25 Euro erlaubt.

Corona hat uns die Problematik von Einweg-To-Go-Verpackungen für Speisen nochmals drastisch vor Augen geführt. Die Abfallmengen haben bei den Kunststoffverpackungen, die nicht zu recyceln sind, deutlich zugenommen. Mittlerweile müssen Gaststätten ab 2022 auch Mehrwegbehältnisse für Speisen anbieten.

Diebstahl in Wertstoffhöfen: Ursprünglich war die Mitnahme von Gegenständen erlaubt. Aber es gab teilweise Schlägereien. Wir haben uns deshalb umorganisiert und verkaufen jetzt die noch brauchbaren Waren in Halle 2 in Pasing.

Essensabfälle sind ein echtes Problem. Bundesweit sind das pro Person und Jahr 82 Kilo. Es werden zu große Mengen gekauft und die Ware ist zu billig.

Foodsharing wird eine Nische bleiben. Aber es ist immer noch besser, als die Lebensmittel in die Mülltonne zu werfen.

Großlappen war Münchens erste Mülldeponie. Von 1964 bis 1987 wurden dort 14 Millionen Kubikmeter Müll abgelagert. Ein großer Erfolg für uns ist, dass wir die Mengen um 99 Prozent reduzieren konnten. Jetzt dürfen dort nur noch Asbest-Zement und nicht brennbare Materialien lagern.

Hexabromcyclododecan ist ein Flammschutzmittel für Styroporplatten und trägt dazu bei, dass sie im Brandfall nicht schlagartig brennen. Rein rechtlich gesehen gehört es damit zum Sondermüll.

Idealsituation wäre, wenn die Leute bewusster einkaufen würden und Produkte besser zu recyclen wären.

Jubel: Ein schöner Erfolg war für uns zuletzt der „Umwelt-Einstein“, ein Quiz für Kinder zum Thema Nachhaltigkeit. Vergangenes Jahr haben 400 Schüler im Raum München daran teilgenommen. 

Kaugummis in den U- und S-Bahnen sind sehr ärgerlich. Sie werden mittels Vereisung entfernt, was relativ aufwändig ist. 

Langweilig wird es mir nicht. Ich arbeite aktiv im Vorstand der Umweltakademie und bin als Berater in der Politik gefragt, habe zwei Enkel, die Spaß machen und genieße es, unter der Woche wandern zu gehen.

Müllflut: In den 90er-Jahren hatten wir wegen der Müllflut das Motto: „München jagt die Müllsau“. Im Mittelalter gab es Müllschweine, die um die Häuser gerannt sind und alles aufgefressen haben. Das geht heute natürlich nicht mehr. Der AWM hat mittlerweile 180 Müllfahrzeuge, Ende des vergangenen Jahres wurde sogar ein elektrischer Lastwagen in Betrieb genommen.

Nordpol: Vor einiger Zeit wurde dort auch Mikroplastik entdeckt – in Regionen, die nie besiedelt waren.

Ökologie: Meine Wahlentscheidungen sind ökologisch ausgerichtet und ich berate die grün-rote Regierungskoalition im Rathaus. Die Umwelt ist mir schon seit 50 Jahren ein großes Anliegen.

Plastik: Jährlich landen bis zu zwölf Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren. 90 Prozent davon gelangen über zehn asiatische Flüsse dahin. Deshalb habe ich große Probleme damit, wenn Plastik zum angeblichen Recyclen nach Asien exportiert wird.

Qualität: Nur hochwertige Recyclingprodukte erzeugen eine Nachfrage am Markt. Das ist insbesondere bei den Kunststoffabfällen ein großes Problem.

Reparieren ist heutzutage schwierig, da die Geräte nicht reparaturfreundlich konstruiert sind. Die EU-Kommission will deshalb die ­Ökodesign-Richtlinien erweitern und eine Reparaturfähigkeit einführen.

Schadstoffe sollten in Müllverbrennungsanlagen energetisch verwertet werden.

Trennen ist sehr sinnvoll, weil Metalle, Glas, Papier und Textilien gut recyclebar sind. Leider trifft das für 70 Prozent der Kunststoffverpackungen nicht zu. Weshalb hier die Vermeidung im Vordergrund stehen muss.

Umweltsünden: Wir bräuchten 3,2 Erden, wenn alle so leben und konsumieren würden wie wir. Und oft ist die Rohstoffgewinnung mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden. Klima- und Artenschutz sind unsere größten Herausforderungen. 

Verpackungswahn: Darin ist Deutschland Weltmeister. Wir haben einen Verbrauch von 227 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Die Politik tut zu wenig, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Wertstoffinseln schauen teilweise scheußlich aus. Die Stadt versucht bei unzureichenden Leerungen, Sanktionen zu erteilen.

X-mal habe ich Vorträge zum Thema „Recycling-Märchen“ und „Quotenzauber“ gehalten. Die Leute sind immer wieder erstaunt, wenn sie die Fakten hören.

Yoghurtbecher: Wer glaubt, auswaschen hilft, irrt. Aus einem alten Yoghurtbecher ist noch nie ein neuer entstanden, da es sich um einen typischen Verbund-Wertstoff handelt, der nicht zu recyclen ist.

Zukunft: Ich wünsche mir, dass wir durch bewusstere Lebensweise weniger Abfall erzeugen. Der Restmüll könnte in München um zwei Drittel reduziert werden. Wir müssen einfach bewusster einkaufen.

Claudia Theurer

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