Schach-Großmeister Stefan Kindermann von A bis Z

Großmeister Stefan Kindermann aus Schwabing: „Schach ist ein Boxkampf“

Der Schwabinger Schach-Großmeister Stefan Kindermann im Porträt von A bis Z.
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Der Schwabinger Schach-Großmeister Stefan Kindermann im Porträt von A bis Z.
  • Romy Ebert-Adeikis
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Schach-Großmeister Stefan Kindermann aus Schwabing im Porträt: die aktuelle Schach-WM in Dubai und warum das Schachspielen für Jung und Alt sinnvoll ist.

Die Schachwelt schaut auf Dubai: Noch bis Mittwoch, 15. Dezember, kämpft der Norweger Magnus Carlsen, Weltmeister seit 2013, gegen den russischen Spieler Jan Nepomnjaschtschi um seinen Titel.

Die insgesamt 14 Partien besonders im Blick hat Stefan Kindermann: Der Schwabinger, der seit 1988 Schach-Großmeister ist, analysiert für die Süddeutsche Zeitung alle WM-Spiele. Von 1978 bis 1996 selbst Profispieler, leitet er heute die Münchener Schachakademie (MSA) und ist Vorstandsvorsitzender der Schachstiftung. Wie diese benachteiligte Kinder fördert und wieso der 61-Jährige Führungskräften Intuition lehrt, verrät er von A bis Z

Akademie: Unsere Schachakademie wurde 2005 gegründet. Wir bieten Trainings für alle Alters- und Leistungsstufen an. Ein Schwerpunkt liegt auf Schul- und Ferienkursen für Kinder. Aber wir arbeiten auch mit der Pfennigparade oder Alten- und Servicezentren zusammen. Dort können Senioren über das Schach auch neue soziale Kontakte knüpfen.

Benachteiligte Kinder unterstützt die von meinem Freund Roman Krulich 2007 gegründete Schachstiftung – dieses Schuljahr im Raum München etwa 1300. Unsere Trainer kommen einmal wöchentlich zu Brennpunktschulen und arbeiten dort mit den Kindern nach einem eigenen didaktischen Konzept. Das finanzieren wir durch Spenden.

Coach: Zusammen mit Robert von Weizsäcker habe ich ein Strategiemodell „Königsplan“ entwickelt, das jedem beim Treffen von Entscheidungen helfen kann. Den stelle ich als Speaker und Trainer etwa bei großen Unternehmen oder der Bayerischen Staatskanzlei vor.

Deutschland hat einige starke Großmeister, aber ist nicht Weltspitze. Die größten Hoffnungen liegen auf dem erst 17-jährigen Vincent Keymer. Ihm traue ich einen Platz unter den Top 20 der Welt zu.

Elo-Zahl drückt die Spielerstärke aus und wird anhand von Spielergebnissen berechnet. Mein Bestwert lag bei 2585 Punkten. 1995 war ich damit Nummer 70 der Weltrangliste. Heute ist das nicht mehr viel wert.

Frauen im Schach sind leider immer noch unterrepräsentiert. Unsere Stiftung hat jetzt das Projekt „Powergirls“ gestartet. Damit fördern wir talentierte Mädchen, indem wir Turnierteilnahmen oder Trainer finanzieren.

Gehirnjogging: Zahlreiche Studien zeigen, dass Schach Kindern bei Mathematik, Lesen aber auch sozialen Kompetenzen hilft. Es schult etwa die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Außerdem ist Schach eine gute Demenzprophylaxe, weil es viele Gehirnregionen gleichzeitig anspricht.

Hybrid: Weil man Schach sowohl am Brett als auch am Computer spielen kann, hat es in der Pandemie ein Revival erlebt. Ich habe erst vergangenes Jahr das erste Mal online gespielt – bei den österreichischen Blitzmeisterschaften. Und bin Vizemeister geworden.

Intelligente Intuition ist eines meiner Lieblingsthemen als Speaker. Die Ratio trainieren wir von klein auf, zum Beispiel in der Schule. Aber die Intuition ist oft ziemlich vernachlässigt, vor allem bei Führungskräften.

Jung: Mit sechs Jahren habe ich Schach spielen gelernt, war erst nicht so interessiert. Mit elf wurde ich von einem Klassenkameraden – er hieß passenderweise Königsbauer – geschlagen und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich konnte schon damals nicht gut verlieren.

Kinderbuch: Als meine Tochter geboren wurde, habe ich ein Kinderbuch über Schach geschrieben mit dem kleinen weißen Bauern als Helden. Leider spielt meine Tochter trotzdem bis heute nicht. Schluchz.

Liga: Die deutsche Schachbundesliga ist die stärkste der Welt. Viele Vereine setzen internationale Spieler ein. Das ist bei meinem Team, dem MSA Zugzwang, anders. Wir spielen aktuell zweite Liga, wollen aber wieder aufsteigen.

Meine Lieblingsfigur ist der Bauer, weil er sich als Einziger – wenn er das ganze Brett überquert hat – zu einer anderen Figur entwickeln kann.

Norm: 1988 habe ich die Norm für den Schach-Großmeister erfüllt, der höchste Titel nach der Weltmeisterschaft. Damals gab es etwa 500 Großmeister, heute sind es viel mehr, bestimmt 1500.

Oesterreich: Ich bin gebürtiger Wiener und als Kind nach München gekommen. Viele Jahre habe ich für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Aber nachdem ich 1996 als Profi aufgehört habe, war ich dafür nicht mehr stark genug und bin nach Österreich gewechselt.

Passion: Ich liebe das Klettern – ob in der Boulderhalle am Ostbahnhof oder in den Bergen am Klettersteig.

Queens Gambit: Die Netflix-Serie hat vor kurzem einen Schach-Hype ausgelöst. Sie ist qualitativ sehr hochwertig, extrem stylish. Schach wurde endlich mal sexy dargestellt! Und im Gegensatz zu vielen anderen Filmen mit Schachelementen, kann man sie auch als Profi anschauen, ohne Bauchweh zu bekommen.

Remis gehen viele klassische Partien aus, weil das Niveau so hoch ist, die Spieler sich monatelang vorbereiten. Da passieren wenig grobe Fehler. Aber das heißt nicht, dass nichts passiert! Es ist vergleichbar mit dem Abtasten in den ersten Runden eines Top-Boxkampfes.

Spiel der Könige: Schach ist ein Abbild des nordindischen Heeres vor 1500 Jahren, es enthält alle Kampfeinheiten der Truppe damals. „Tschaturanga“ diente damals als Strategietraining für Krieger.

Trainer: Ich hatte meinen ersten Trainer erst, als ich schon Schachprofi war. Davor habe ich mir alles autodidaktisch beigebracht.

Ungeduld beim Schachspielen kenne ich nicht. Im Gegenteil: Ich würde mir oft noch mehr Zeit wünschen.

Verdienst: Bis Mitte der 90er-Jahre konnte man als Schachprofi ganz ordentlich leben. Heute verdienen die Top 20 der Welt sehr gut. Allein bei der WM winkt ein Preisgeld von zwei Millionen Dollar. 

WM: Bisher hatten alle Spiele ein sehr hohes Niveau, die sechste war eine epische Schlacht, die als bislang längste WM-Partie in die Historie eingehen wird. Die Niederlage hat den Herausforderer erschüttert. Ich glaube an Carlsens Sieg: Er verbindet sein Schach-Genie mit unglaublicher Wikinger-Kämpfermentalität.

X ist in der Schachnotation das Zeichen für das Schlagen einer Figur. Die Notation ist wie eine Musikpartitur. Kenner können damit Werke der großen Meister nachvollziehen – ein ästhetischer Genuss.

Yin und Yang stehen in meinem Strategiemodell „Königsplan“ für Ratio und Intuition, die richtig verbunden sein sollten. Wie beim Schach: Bei 1084 Möglichkeiten auf dem Brett – das ist mehr als es Atome in der uns bekannten Welt gibt – geht es nicht ohne Intuition.

Zukunft: Heute sind die stärksten Schachspieler Computer. Mit deren Hilfe kann heute jeder Laie sofort den besten Zug herausfinden. Der Mythos des Großmeisters hat darunter gelitten. Sie haben das Spiel aber auch bereichert. 

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