Alarmierende Zahlen

München in der Schuldenfalle! Im Interview mit einem Finanzexperten

Diese Karte zeigt, wo die Überschuldung in München besonders hoch ist: Am stärksten betroffen sind die Bezirke Milbertshofen und Berg am Laim, am wenigsten Bogenhausen und Schwabing-West.
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Diese Karte zeigt, wo die Überschuldung in München besonders hoch ist: Am stärksten betroffen sind die Bezirke Milbertshofen und Berg am Laim, am wenigsten Bogenhausen und Schwabing-West.

München - Es sind erschreckende Zahlen: Besonders der Mittelstand gerät immer mehr in die Miesen. Hallo sucht nach  Gründen

Philipp Ganzmüller sprach mit Hallo über die Gründe, warum München ganz besonders betroffen ist.

Jeder elfte Münchner steckt in der Schuldenfalle: 109 739 Bürger waren im Jahr 2017 laut dem Schuldner- atlas von Creditreform überschuldet – ein neuer Negativ-Rekord. Als überschuldet gilt jemand, dessen Ausgaben dauerhaft höher sind, als die Einnahmen – der also jeden Monat aufs Neue Minus macht. 2017 gab es 4785 mehr Betroffene als im Vorjahr. Der prozentuale Anstieg liegt bei 4,6 Prozent – und damit deutlich über dem Bundesschnitt (0,9 Prozent). Was die Gründe sind, was man dagegen machen kann, erklärt Philipp Ganzmüller (Foto), geschäftsführender Gesellschafter bei Creditreform im Hallo-Interview.

Herr Ganzmüller, eigentlich ist die Konjunktur in München gut. Warum nimmt die Überschuldung trotzdem zu?

Letztlich liegt es wohl daran, dass die Lebenshaltungskosten in München sehr hoch sind. Viele kommen damit klar, wenn sie einen guten Job und ein intaktes Umfeld haben. Aber wenn dann Schicksalsschläge wie Trennungen oder Krankheiten kommen, wird es eng, gerade in der Mittelschicht.

Wieso gerade hier?

Viele haben sich einen gewissen Status gearbeitet oder ererbt. Wenn dann etwas passiert, möchten sie den Lebensstandard erhalten und sich nicht outen, dass sie sich vieles nicht mehr leisten können.

Besonders häufig sind Männer zwischen 50 und 59 Jahren überschuldet. Wieso gerade diese Gruppe? 

Frauen suchen sich häufiger Hilfe und können dann einen erfolgreichen Neustart hinlegen. In vielen Haushalten gibt es auch immer noch das traditionelle Rollenbild, bei dem der Mann der Ernährer ist und die Verträge eingeht.

Ändert sich das?

Ja, das kippt langsam, zumal es vor allem für Alleinerziehende in München schwierig wird. Die Überschuld­ung bei Frauen steigt schneller als bei Männern.

Welche Folgen hat die Überschuldung?

Unsere Erfahrung ist, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die überschuldet sind, wieder auf die Beine kommt. Selbst wenn es so ist, haben sie Jahre verloren, in denen sie für die Altersvorsorge hätten sparen können. Das wird für viele ein Problem, wenn sie älter werden. Kann der Trend zur Überschuldung aufgehalten werden? Das ist nicht so einfach, weil München eine unglaublich teure Stadt ist. Wichtig wäre, zu verhindern, dass die Miet- und Bodenpreise weiter so rapide steigen, zum Beispiel durch geförderten Wohnungsbau.

Was raten Sie Münchnern, die bereits in der Schuldenfalle stecken? 

Es gibt immer einen Ausweg aus der Spirale – aber nur, wenn man über die Probleme redet. Das wichtigste ist, dass man selbst aktiv wird, Hilfe annimmt und das Gespräch mit den Gläubigern sucht. Das Problem zu ignorieren ist ganz fatal.

Wieso? 

Ein gerichtliches Verfahren ist sehr teuer. Wenn es soweit kommt, ist gleich noch mehr Geld weg. 

Claudia Schuri

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