Sten Nadolny im Gespräch mit Hallo München

„Schreibende Söhne sind unglaublich verrucht“

+
„Immer wieder habe ich ziemlich schwer mit den Erwartungen gekämpft, die dieses Buch geweckt hat.“

Der Vorlass von Sten Nadonly geht jetzt an die Monacensia. Darunter auch das Manuskipt seines Bestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“.

Mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“ schrieb er sich an die Spitze der Bestseller-Listen. Damit folgte er dem Beispiel seiner Eltern. Dieses literarische Erbe wird nun in München verewigt: Sein Vorlass und die Nachlässe seiner Eltern gehen an die Monacensia. Ein Gespräch über Fußstapfen, Erwartungen und zeitlose Achtsamkeit. von Sebastian Obermeir

Herr Nadolny, Ihr Vorlass sowie die Nachlässe Ihrer Eltern gehen jetzt an die Monacensia. Darin enthalten: Manuskripte, Korrespondenzen, Schnappschüsse, Erinnerungen. Wovon konnten Sie sich besonders schwer trennen?
Wenn es mir sehr schwer gefallen ist, habe ich mich nicht davon getrennt. Zwar habe ich kein Problem damit, Dinge aus meinem Leben preiszugeben. Aber es gab Persönliches, das ich nicht in den Vorlass geben wollte. Liebesbriefe zum Beispiel. Wenn die Person, an die sie gerichtet waren, noch lebt, wäre mir es unangenehm, sie öffentlich zu machen. 

Ist der Vorlass eine Art, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen?
Das Sortieren ist durchaus eine melancholische Arbeit. Immer wieder fallen einem Dinge und Begegnungen mit Menschen ein, liest mit Tränen in den Augen davon, und vielleicht erkennt man auch mal, dass man jemanden schlecht behandelt hat und im Unrecht war. 

Ursprünglich wollten Sie nicht den Beruf Ihrer Eltern ergreifen. Wie kam es, dass Sie dennoch Schriftsteller wurden?
Ich wollte eine Reise machen, um meine Freiheit auszuprobieren. Also bin ich einen Monat lang mit der Bahn herumgefahren und habe meine Eindrücke aufgeschrieben. Selbsterforschung mit wissenschaftlichem Charakter. Aber ich spürte schnell, dass es mir nicht gelang, wissenschaftlich zu formulieren. So wurde ein literarisches Tagebuch daraus. 

Ihr Debüt...
Ich habe es meiner Mutter gezeigt und sie meinte, das sollte man an einen Verlag senden. Übrigens begann ihre Karriere ähnlich: Sie schrieb für meinen Vater die Geschichte unseres Hauses auf. Der meinte: Das ist so gut, jemand muss es drucken. Es hat zwar zehn Anläufe bei verschiedenen Verlagen gebraucht, schließlich wurde es aber zum Bestseller. 

Das mit den Fußstapfen haben Sie dann doch ernst genommen.
Ich meinte zu meiner Mutter aber: Mami, schreibende Söhne sind unglaublich verrucht. Also hat sie es unter einem Pseudonym ihrem Verlag vorgeschlagen. Sie sagten: Da haben Sie einen talentierten Kollegen, könnten wir seine Adresse haben? Da wurde es schon schwierig. Ich bin noch unter falschem Namen nach München gereist, bin aber recht schnell aufgeflogen. 

Der große Wurf gelang mit dem nächsten Buch, „Die Entdeckung der Langsamkeit“, für das Sie vor allem bekannt sind. Ist das auch ein Nachteil?
Ich bin glücklich, es geschrieben zu haben. Immer wieder habe ich ziemlich schwer mit den Erwartungen gekämpft, die dieses Buch geweckt hat. Vor allem weil ich jemand bin, der stets etwas Neues schaffen will. Das Leben ist nicht so schön, wenn man dauernd den gleichen Stiefel trägt. Darunter habe ich ein wenig gelitten, habe aber auch große Genugtuung mit meinen anderen Büchern erfahren. 

Warum wurde „Die Langsamkeit“ eigentlich nicht verfilmt?
Obwohl Bestseller Produzenten anziehen, hat es sich nie ergeben. Es ist schwer, einen Menschen zu zeigen, der in seiner Langsamkeit im Film nicht langweilig wirkt. Ein Roman hat dabei andere Möglichkeiten. Dazu kam das Finanzierungsproblem: Polarexpeditionen, Reisen um die Welt, das ist teuer. Und drittens war da noch ein kritischer Autor, der manches mal gesagt hat: Wenn das so werden soll, mache ich nicht mit. Im Moment ist aber etwas im Gange, was vielversprechend ist. 

Seit das Buch 1983 erschien, ist die Welt noch schnelllebiger geworden. Der Roman scheint daher aktueller denn je.
Nicht aber in dem Sinn, dass man die Globalisierung und die Schnelllebigkeit zurückdrehen sollte. Das wäre Schmarrn, weil es gar nicht geht. Aber dass man sich die Zeit herausnehmen, ja klauen sollte, die man für sich selbst und gegenüber der Welt braucht. Im Sinne dieser Langsamkeit, heute sagt man meist eher Achtsamkeit, wie ein Mensch mit sich und seiner Umwelt umgeht, ist das Buch für mich auch heute aktuell.

Zur Person

„Wir sind schon ein bisschen eine bayerische Familie“, sagt der 1942 geborene Sten Nadolny im Interview. „Ich bin in Chieming am Chiemsee aufgewachsen und bin mit Bayern sehr verbunden.“ 

Die Nadolnys sind aber nicht nur eine bayerische, sie sind ebenso eine Schriftsteller-Familie: Mutter Isabella Nadolny wurde mit Familienromanen erfolgreich, Vater Burkhard Nadolny war Autor im Umfeld der Gruppe 47. Sten Nadolny gelang der literarische Durchbruch mit seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Bücher, zuletzt die Romane „Das Glück des Zauberers“ und „Weitlings Sommerfrische“, in dem er autobiografische Elemente seiner Kindheit am Chiemsee verarbeitet. 

Heute lebt Nadonly mit seiner Frau in Berlin. Ein Teil der Literaten-Familie wird aber immer in Bayern bleiben: Die Monacensia im Hildebrandhaus hat den Vorlass von Sten Nadolny und die Nachlässe seiner Eltern erworben.

Gewinnen Sie 5 Buchpakete von Sten Nadolny in unserer Verlosung.

Weitere aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen:

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Wortwitz und Tiefe funktioniert auf Deutsch
Wortwitz und Tiefe funktioniert auf Deutsch
„Ich hoffe, ich vertrete den Joseph würdig“
„Ich hoffe, ich vertrete den Joseph würdig“

Kommentare