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Auffangstation für Reptilien: Zwischen Traumjob, einprägsamen Schicksalen und Tierquälerei  

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Von: Kassandra Fischer

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Dr. Markus Baur ist Tierarzt und Leiter der Münchner Reptilienauffangstation.
Dr. Markus Baur ist Tierarzt und Leiter der Münchner Reptilien-Auffangstation. © Kassandra Fischer

Was für einige wie ein Horrorfilm klingt, ist für Markus Baur der Arbeitsplatz. In der Auffangstation für Reptilien kümmert er sich um Schlange, Echse und Co.

Sein Büro teilt er sich mit giftigen Vipern und schnappenden Schildkröten – für den Tierarzt und Exoten-Experten Markus Baur dennoch der perfekte Arbeitsplatz. Er leitet die Münchner Auffangstation für Reptilien, hat sie sozusagen mit aufgebaut. Jährlich werden dort über 1000 Neuzugänge aufgenommen, von Kriechtieren über Amphibien bis hin zu exotischen Säugetieren. Viele werden von ihren Besitzern abgegeben, ausgesetzt oder sind entlaufen. Immer wieder landen auch beschlagnahmte Schützlinge in der Auffangstation.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

In Absprache mit dem Tierheim nimmt die Einrichtung mit Hauptsitz an der Kaulbachstraße in Schwabing alle möglichen Exoten auf: von Nasen- und Waschbären über Affen bis hin zu Krokodilen. Dort werden die Schützlinge, wenn nötig, aufgepäppelt und soweit möglich auch weitervermittelt. Was für Voraussetzungen es dafür gibt, welche besonders schlimmen Schicksale Baur bereits begegnet sind und welche Zukunftspläne es gibt.

Tierarzt Dr. Markus Baur (55), Leiter der Münchner Auffangstation für Reptilien, von A bis Z

Auffangstation: Hinter jedem Tier, das in den Tierschutz kommt, steckt ein Problem: Der Besitzer ist krank, verstorben oder hat keine Lust mehr. Dem Tier geht es dort schlecht oder es ist ausgebüxt.

Beratungen bieten wir jederzeit auch für diejenigen, die noch keine Erfahrungen in der Tierhaltung haben. 

Corona merken wir massiv. Wir können keine Schulungen oder Führungen mehr machen. Dadurch fällt ein großer Teil unserer Einnahmen weg. 

Daheim: Tiere, die bei uns landen, kommen primär aus München und Umgebung, wir arbeiten aber auch überregional.

Erinnerung: Einmal hat jemand seinen Goldfisch im Fischbrunnen am Rathaus ausgesetzt. 

Fundtiere: Am häufigsten sind das Schmuckschildkröten. Viele setzen die zum Beispiel im Westpark oder auf Friedhöfen aus – mit der falschen Idee, sie so in die glorreiche Freiheit zu entlassen. Das Klima tötet sie aber. 

Gefahrentiere kommen häufig aus Beschlagnahmungen. Denn in Bayern ist es verboten, bestimmte gefährliche Tiere wie giftige Schlangen oder Skorpione zu halten. Für eine Erlaubnis sind eine sichere Unterbringung, Fachkunde, berechtigtes Interesse und ein weißes Führungszeugnis nötig. Das ist schwer bis unmöglich für eine Privatperson. In Riem haben wir 2021 unsere neue Gefahrentieranlage eingeweiht. Dort leben unter anderem etwa 100 Giftschlangen. 

Helfen kann man am besten durch Spenden. Das fließt in Gehege, Futter oder in Personalkosten – also die Arbeit am Tier. Bei einer Tierabgabe erwarte ich außerdem eine Spende, sodass zumindest die Laborkosten gedeckt sind. Unsere Ehrenamtlichen sind primär wichtig in der Verwaltung, Paten-Betreuung oder bei Führungen. 

Interesse an unseren Tiere gibt es täglich. Beliebt sind zum Beispiel Landschildkröten. Viele suchen nach einer bestimmten Art. Das finde ich gut, es heißt nämlich, Leute haben sich Gedanken gemacht.

Jubiläum 2021: Zum 20-jährigen Bestehen wollten wir eigentlich feiern und auch unsere neu bezogene Gefahrentieranlage einweihen. Corona hat uns da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es wäre toll, wenn wir das noch nachholen können – zur Not zum 25. 

Krokodilraum: Fünf Brillenkaimane leben derzeit bei uns in der Kaulbachstraße bis wir einen neuen Besitzer gefunden haben. Dafür gibt es ein etwa 30 Quadratmeter großes Becken mit 10 000 Liter Wasser. Das ist einer meiner Lieblingsräume, weil dort viele Pflanzen wuchern. Aber die Luftfeuchtigkeit ist natürlich nicht gut für die Wände.

Lieblingstiere: Das wäre unter anderem Eugenie, eine Geierschildkröte, die seit den ersten Tagen hier ist. Den Namen hat sie, weil sie mich an eine alte Dame aus meiner Zivi-Zeit erinnert. Privat habe ich fünf Katzen und um die 60 Schildkröten, mit denen ich mir meine Wohnung teile. 

Mittelfristig will ich auch mehr über heimische Reptilien und Amphibien aufklären. Außerdem würde ich gerne an Schulen oder in der Jugendarbeit aktiv werden, auch den Tierschutz kindgerecht aufarbeiten. 

Neubau: In Neufahrn bei Freising sollen alle unsere Standorte mittelfristig zusammengeführt werden. Wir stecken mitten in der Planungsphase. Zehn Millionen Euro soll das Vorhaben kosten. 90 Prozent davon fördert der Freistaat, den Rest müssen wir aufbringen – definitiv eine Herausforderung.

Online: Viele Bilder unserer Tiere stellen wir ins Internet. Unser Instagram-Account ist noch jung, viel läuft derzeit über Facebook.

Paten haben wir derzeit rund 430 Stück. Sie haben die Möglichkeit, den Tieren einen Namen zu geben und werden jährlich eingeladen, uns zu besuchen. 

Quälerei hat viele Aspekte. Eine falsche Haltung führt ebenfalls zum Leiden von Tieren. Wir hatte es aber auch schon mit einem „Animal Hoarder“ (Anm. d. Red.: Jemand der Tiere in einer großen Anzahl hält, sie aber nicht angemessen versorgt) zu tun. Die Tiere waren bis aufs Skelett abgemagert oder bereits verfault.

Rettung: Tragisch ist die Geschichte vom Husarenaffen Alfred, der in einem kleinen Verschlag im Keller gehalten wurde. Er hatte abgeschnittene Eckzähne, konnte kaum noch fressen und war total verängstigt. Aus Verzweiflung hat er sich zehn Zentimeter vom Schwanz abgebissen. Inzwischen geht es ihm wieder gut und wir suchen nach einem Platz für ihn.

Sorgenkinder sind unsere Schildkröten mit Herpesviren. Dabei leben sie damit normal und stecken den Menschen nicht an. Manche nehmen zwar bewusst solche Tiere, aber leider viel zu wenig, weil sie keiner haben will. 

Team: Wir haben 20 feste Mitarbeiter, darunter Tierärzte und -pfleger, zwei Azubis, aber auch Teilzeit-Biologen sowie Reinigungskräfte.

Unfälle: Ein Krokodil-Biss am Schienbein, am linken Unterarm der einer Python und an der rechten Hand der einer Cobra – da war ich sogar auf der Intensivstation. Insgesamt passiert aber relativ wenig. Wir gehen nicht zu gefährlichen Tieren rein, wenn es nicht nötig ist. 

Voraussetzung für eine Vermittlung klärt ein Fragebogen auf unserer Homepage. Wir geben aber auch Anregungen mit und Interessenten müssen persönlich herkommen. 

Wunsch: Ich wünsche mir, dass die Leute mehr über Tiere wissen. Denn für sinnvollen Tierschutz muss ich sie verstehen. Wissen schützt Tiere – das ist unser Motto.

X-Mal am Tag schwanke ich zwischen: Es ist zum Davonlaufen und ich bin super stolz, was ich und meine Kollegen da geschafft haben.

Youtube: Wir zeigen in Videos, wie Vermittlungen ablaufen oder was für eine Tieraufnahme alles nötig ist.

Zurück bei ihren Besitzern landen nur fünf bis zehn Prozent der Findlinge. Insgesamt verlassen uns aber etwa 75 Prozent der Tiere wieder.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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