Hallo im Gespräch mit Hans-Peter Schmalzl

Polizeipsychologe über die Herausforderungen seiner Arbeit im Hallo-Interview

Noch nicht ganz im Ruhestand angekommen: Polizeipsychologe Dr. Hans-Peter Schmalzl.
+
Noch nicht ganz im Ruhestand angekommen: Polizeipsychologe Dr. Hans-Peter Schmalzl.
  • Marie-Julie Hlawica
    vonMarie-Julie Hlawica
    schließen

Von Maskenverweigerern bis zur Selbstkontrolle: die Aufgaben des zentralen Psychologischen Diensts (ZPD) der Polizei. Polizeipsychologe Hans-Peter Schmalzl spricht in Hallo darüber.

München - Bei der Strafverfolgung kommt der Psychologie seit Jahrzehnten eine immer größere Bedeutung zu. Wenige wissen das besser als Dr. Hans-Peter Schmalzl (65).

Nach 37 Jahren im Dienst hat der Neuhauser die Leitung des Zentralen Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei (ZPD) jetzt an seinen Nachfolger Ulrich Rothdauscher übergeben.

Wie sich die Arbeit des ZPD in der Trautenwolfstraße in Schwabing seitdem – nicht nur personell – verändert hat und was junge Polizisten oft erst lernen müssen, hat der verheiratete Vater eines erwachsenen Sohnes Hallo erzählt.

Herr Dr. Schmalzl, wo erreiche ich Sie denn, so frisch im Ruhestand?

Zuhause, ich räume auf! 37 Jahre im Beruf – da ist einiges zusammengekommen, viele Akten und Bücher. Vieles ist schon im Schredder in der Ettstraße gelandet, aber manches sortiere ich nochmal durch.

Fehlt Ihnen die tägliche Arbeit als Polizeipsychologe?

Bisher nicht. Ich habe schon vor zwei Jahren gemerkt, dass es für mich in Ordnung ist, zu gehen. Morgens in Ruhe rasieren und frühstücken, ohne beim Zeitunglesen oder den Nachrichten im Radio zu wissen: Gleich ist man in Krisensituationen gefragt. Allzeit bereit zu sein das fehlt mir nicht.

Stimmt denn die Darstellung Ihrer Arbeit, wie wir es aus dem Fernsehen kennen? Der Psychologe wird hinzugezogen, der Täter gibt auf.

Nein, das ist nicht richtig. Wenn wir hinzugezogen werden, ist meist ein größerer Einsatz schon angelaufen, und es gibt es eine Verhandlungsgruppe, in die wir integriert werden. Unsere Aufgabe vom ZPD ist es dann, ein Gespür für den Täter und für die Gesamtsituation zu bekommen, um daraus zusammen mit der Verhandlungsgruppe eine Gesprächsstrategie zu entwickeln. Die Verhandlungen selbst können stundenlang dauern und sind beileibe nicht immer erfolgreich.

Erinnern Sie sich an Ereignisse, die Sie mit in den Ruhestand begleiten?

Wenn Beamte ums Leben kamen oder selbst mit ihrer Dienstwaffe töten mussten oder als ich einer Mutter die Nachricht überbrachte, dass ihr Exmann soeben der gemeinsamen zweijährigen Tochter und dann sich selbst das Leben genommen hat.

Angriffe auf Beamte nehmen zu

Gewöhnt man sich in 37 Jahren an solche Situationen?

Nein, es ist doch jeder Fall, jede Begegnung anders, da gibt es keine Routine. Gerade die Überbringung einer Todesnachricht fällt unterschiedlich und manchmal sehr überraschend aus. Überhaupt verhalten sich Menschen in Extremsituation keineswegs gleich. Das ist für einen Psychologen natürlich ein besonders spannendes Terrain.

Als Sie 1983 anfingen, waren Sie der dritte Polizeipsychologe im ZPD, der eingestellt wurde.

Es hat sich viel getan. Heute sind es zehn Psychologen, davon sechs Frauen. Dazu kommen acht weitere Polizeibeamte im Team, zwei Schreibkräfte.

Was hat sich durch Ihre Arbeit geändert?

Es dreht sich viel um die Professionalisierung des Berufes. Welche Kompetenzen braucht ein Streifenpolizist heute im Einsatz, um ständig wachsende Anforderungen, Routine, aber auch Extreme zu bewältigen? Deeskalation durch Kommunikation ist ein Schwerpunkt. Gerade bei der zunehmenden Zahl von Angriffen auf Beamte, von Beleidigung, aber auch körperlicher oder bewaffneter Art, etwa wenn der Angreifer unter Drogen oder Alkohol steht, psychisch krank ist oder sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet. Am gefährlichsten ist eine Kombination solcher Faktoren.

Was speziell ist anders?

Zu meiner Anfangszeit etwa musste ein Polizeibeamter selten Rechenschaft ablegen, wie er eine brenzlige Situation, einen häuslichen Streit, eine Schlägerei löst. Heute zählt die bürgerfreundliche, kommunikative Konfliktbewältigungskompetenz. Nicht zuletzt wird heute das absolut korrekte, rechtlich legitimierte Verhalten von allen Seiten überwacht. Da wird mit Handys gefilmt, es gibt Bodycams der Beamten.

Das heißt?

Unser ZPD-Kerngeschäft ist es, Kollegen zu einer allseitigen Professionalität zu verhelfen. Das betrifft auch die Frage: Wo sind Grenzen, was ist erlaubt, also die Frage nach dem Selbstverständnis der Polizei, nach ihren Werten und ihrer gesellschaftlichen Rolle.

Zwischen Dankbarkeit und Gewalt

Was kommt auf junge Beamte zu?

Viele Anwärter können sich den Dienst auf der Straße nur vage vorstellen, sind dann überrascht, dass sie es mit dem gesamten Spektrum menschlicher Existenz zu tun bekommen, dass sie nicht nur helfen, verwarnen oder verfolgen, sondern Menschen begegnen, die verzweifelt sind oder aggressiv, dass sie von tiefer Dankbarkeit bis zur lebensbedrohlicher Gewalttätigkeit alles erleben.

Haben sich die Aufgaben des ZPD also zu früher verändert?

Früher war das Demonstrationsgeschehen ein großes Thema, beispielsweise die Anti-Atomkraft-Bewegung in den 80er-Jahren. Heute im Zeichen der Corona-Pandemie erleben Beamte Spannungsfelder mit Leuten, die ungeniert Partys feiern oder grundsätzlich Masken verweigern. Und dann stellt sich nicht erst nach Washington die Frage, wie man polizeilicherseits mit einem radikalisierten Mob oder mit Extremismus allgemein umgeht. Auch der ZPD muss sich da um Antworten bemühen.

Haben Sie persönliche Zukunftspläne?

Jetzt reizt es mich, ein Buch zu schreiben. Bisher habe ich ja eher fachliche Aufsätze verfasst, mit exakten Quellennachweisen und Zitatzwang. Jetzt hätte ich Zeit für einen ganz saloppen Roman oder einen populärwissenschaftlichen Text – mit autobiografischen Zügen.

Das alles leistet der ZPD

Der Zentrale Psychologische Dienst kann von allen Polizeibeamten in Bayern in Anspruch genommen werden – bei akuten Einsätzen, etwa Geiselnahmen oder Amoklagen, dienstlichen wie privaten Problemstellungen.

So kann der ZPD bei Akutlagen zur Aufnahme und Täterkontakt gerufen werden, Beamten aber auch Einzelgesprächen und längere Betreuung anbieten. 1964 gegründet stehen heute 21 ZPD-Mitarbeiter den 5664 Beamten zur Seite, so das Polizeipräsidium München. 

M.J. Hlawica

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
Florian Paul (36), Radverkehrsbeauftragter der Stadt München, von A bis Z
Florian Paul (36), Radverkehrsbeauftragter der Stadt München, von A bis Z
Müll-Mythen: Abfallwirtschaftsbetrieb-Expertin klärt die wichtigsten Fragen der Hallo-Leser
Müll-Mythen: Abfallwirtschaftsbetrieb-Expertin klärt die wichtigsten Fragen der Hallo-Leser

Kommentare