Derblecken auf dem Nockherberg

Wie der Nockherberg zu Corona-Zeiten abläuft - Fastenprediger Max Schafroth verrät es im Hallo-Interview

Was die Zuschauer erwartet, warum er sich auf dem Land besser informiert und was die Magie vom Nockherberg ausmacht, verrät Maximilian Schafroth hier.
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Was die Zuschauer erwartet, warum er sich auf dem Land besser informiert und was die Magie vom Nockherberg ausmacht, verrät Maximilian Schafroth hier.
  • Marie-Julie Hlawica
    vonMarie-Julie Hlawica
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Wie das Derblecken auf dem Nockherberg unter Corona-Auflagen stattfindet. Hallo hat Kabarettisten Maxi Schafroth gesprochen. Außerdem die größten Skandale & Hingucker der vergangenen Jahre.

Live-Fasten am Nockherberg

Die Predigt, das Singspiel, der Starkbieranstich mit dem hochprozentigen Gerstensaft: Kaum etwas wird im Frühling in München sehnlicher erwartet als der Nockherberg.

Zuletzt gab es das traditionelle satirische Politiker-Derblecken auf offener Bühne am 12. März 2019. Wurde 2020 das Schauspiel in letzter Sekunde Pandemie-bedingt ganz abgesagt, fällt heuer das Live-Spektakel im publikumsgefüllten Festsaal der Paulaner-Brauerei der Pandemie zum zweiten Mal zum Opfer.

Doch man hat eine Lösung gefunden: Der Bayerische Rundfunk überträgt die Salvator-Rede des Fastenpredigers am Freitag, 5. März, live im Fernsehen – ohne Singspiel. Neuland für alle Zuschauer und Beteiligten.

Da war die Salvator-Welt noch in Ordnung: 2019 fand das letzte Singspiel statt. Beim Derblecken überraschte das Münchner Musikantenduo Marianne und Michael.

Denn statt wie seit den 50er-Jahren üblich rund tausend Publikums-Gäste aus Politik und Prominenz im Saal am Isarhochufer willkommen zu heißen, tritt der Allgäuer Kabarettist Maximilian Schafroth solo ans Predigerpult auf die Bühne, begleitet von seinen Sängerknaben.

Das Singspiel mit Schauspieler Stefan Zinner als Markus Söder oder Antonia von Romatowski als Angela Merkel entfällt. Allem zum Trotz steht immerhin das fest: Auch 2021 gibt es Starkbier am Nockherberg.

Fastenprediger Maximilian Schafroth im großen Interview mit Hallo München

Sein Einstand 2019 auf dem Nockherberg als jüngster Redner wurde beklatscht und bejubelt. Dann kam Corona – und sein zweiter Starkbieranstich 2020 fiel dem Lockdown zum Opfer. Heuer gibt der Schauspieler am Freitag, 5. März, somit im dritten Jahr erst zum zweiten Mal den Fastenprediger.

Live im TV – aber ohne Publikum im Saal. Hallo hat den Kabarettisten beim „kreativen Ritual“ im Allgäu erreicht. Was die Zuschauer erwartet, warum er sich auf dem Land besser informiert und was die Magie vom Nockherberg ausmacht, verrät er hier.

Herr Schafroth, eben wurde der Termin zwei Tage nach hinten verlegt. Ist Ihre Rede denn schon fertig?

Ich bin noch am Bauen, aber das Skelett steht. Ich stell mir die Rede immer vor wie einen Christbaum. Wenn das Skelett steht, kommen die Kugeln dran. Ich würd’ sagen, ich bin grad beim Lametta. Man muss ja immer darauf gefasst sein, dass in der Politik noch was passiert, plant ganz final erst am letzten Tag. Ich hab zum Glück gute Berater, Dramaturgen, Kollegen, Freunde. Wenn vor dem Auftritt jemand zurücktritt, sagen die: Maxi, da war noch was.

Wie wird der Nockherberg denn heuer ablaufen?

Mit kleinster Besetzung: das notwendige Team mit großen Hygienemaßnahmen. Es gibt für alle Mitarbeiter Hygieneauflagen, Teststrategien und Abstand. Wir sind vorsichtig. Wenn im Nachhinein alle angesteckt sind, war es das nicht wert.

Aber ohne Publikum auftreten – da fehlt doch was.

Ich glaube man ist mehr bei sich, sieht in der Kameralinse das Publikum. Es ist eine andere Spielhaltung und man darf da als Schauspieler nicht zu eitel sein. Mir ist es wichtig, dem Zuschauer auch am Fernseher die Magie des Nockherbergs, das „Das passiert jetzt live für uns“, rüberzubringen. Auch wenn Digitales nicht leisten kann, was Analoges kann. Eine Umarmung zum Beispiel.

Auch die direkten Reaktionen fallen aus, der Applaus, die Lacher.

Ich hab ja mit mir auf der Bühne die Sängerknaben. Wenn ich bei den Proben sehe, sie haben Tränen in den Augen, dann weiß ich, das ist lustig!

Was ist aus der Rede vom letzten Jahr geworden?

Ich hab sie vor meiner Familie und Freunden im Sommer am Lagerfeuer gehalten – eine Superstimmung! Bei mir ist Privat und Beruf untrennbar. Ich bin ja so ein Flip-Chart-Typ, hab im Wohnzimmer eine Magnet-Wand. Da hing sie noch, neun Din-A4-Seiten, bis Dezember. Dann hab ich alles gelöscht, für die neue Rede!

Treten Sie heuer in der Mönchskutte ans Rednerpult?

Ja wer weiß denn das? Es gibt immer einen Überraschungseffekt. Ich bin ja noch in der Rollenfindung!

Was können die Zuschauer erwarten? Alles Corona?

Ganz ehrlich: Das Wort Corona glaube ich, hab ich gar nicht drin. Die Pandemie schon. Letztes Jahr war Kommunalwahl, heuer die Bundestagswahl. Ich frage mich selbst, bei all dem, was war und kommt: Was würde ich selbst gern hören und was reicht mir, von dem ganzen Schmarrn. Dazu habe ich ein kreatives Ritual: Raus aus dem grünen, bienenfreundlichen München, aufs Land mit seinen Pestiziden und der anderen Politik. Ich mag den Wechsel von Stadt und Land. Das ist eine gute Mischung. Wenn ich wissen will, wie und was die Leute denken, frag’ ich Bauern hier, treffe meinen alten Lehrer in Ottobeuren.

Was ist typisch Schafroth?

Was man von mir nicht hören wird, sind stereotype Mann-Frau Rollenbilder. Es ist eine politische Rede, aber ich bin neutral, nicht käuflich. Ich bin da, um zu kritisieren, aber kein Teil der bayerischen Spezlwirtschaft.

Wie lange werden Sie Fastenprediger sein?

Ehrlich: Es macht mir halt wahnsinnig Spaß! Aber ich mag mich nicht raustragen lassen wie ein verreckter Archäopterix. Ich möcht schon noch selber fliegen können. Es ist wichtig, dass man loslassen kann.

„Mir ist es wichtig, dem Zuschauer auch am Fernseher die Magie des Nockherbergs, rüberzubringen,“ sagt Max Schafroth.

Der Salvator im Lauf der Zeit

Paulaner-Mönch Valentin Stephan Still, genannt Bruder Barnabas, wechselte 1773 als Braumeister in das Kloster Neudeck ob der Au. Seine Bier-Rezeptur gilt bis heute als Basis des „Salvator“-Bieres. Nach ihm wurde die Figur des Nockherberg-Predigers benannt.

• Der Nockherberg

Der Name geht auf die Bankiersfamilie Nockher zurück. Diese besaß im frühen 18. Jahrhundert ein Sommerhaus an der heutigen Straße „Am Nockherberg“.

• Kloster und Mönche

Zu Fuß des Nockherbergs lag das Kloster Neudeck ob der Au. Die Paulaner-Mönche brauten dort in ihrer Klosterbrauerei ab Mitte des 17. Jahrhunderts Bier. Zu Ehren ihres Ordensgründers wurde seit 1651 jedes Jahr im Frühling eine besonders starke Biersorte ausgeschenkt, das „Sankt-Vater-Bier“, der heutige Salvator. Die Rezeptur wurde von Bruder Barnabas verfeinert. Münchner Starkbiere tragen heute alle ein -tor am Namensende.

• Starkbierfest zum Josefstag

17 Tage lang dauert das Starkbierfest rund um den 19. März, Josefi-Tag genannt, zu dem ein extra gebrautes, nahrhaftes, dunkles und hochprozentiges Bier gereicht wird. Diese zweieinhalb Wochen nennt man in Bayern auch „fünfte Jahreszeit“. Das gehaltvolle Bier wird in töneren Krügen, dem Keferloher, ausgeschenkt.

• Die Predigt

Die Fastenpredigt ist eine katholische Predigtreihe der Gottesdienste in der 40-tägigen Fastenzeit bis Ostern. Im Sinn dieser Österlichen Bußzeit soll diese Predigt den Glauben aller Zuhörer intensivieren und ihr Leben stärker am Evangelium orientieren.

Fastenpredigt

Da Flüssigkeit wie Bier die Fastenzeit nicht unterbricht, wurde in dieser Zeit Starkbier gebraut. Bei dessen Anstich 1891 gab es erstmals eine Salvatorrede. Ab 1951 gewann die Starkbierprobe ihre Form einer „Predigt“, in der Politiker „derbleckt“, also in politischer Satire darstellt und so kommentiert werden.

Eine einzige Frau und so viele Mönche

Die Ehre, den Fastenprediger zu geben, wurde vielen Schauspielern zuteil. Das Derblecken nach dem Krieg begann 1951 mit Schauspieler Adolf Gondrell, Walter Sedlmayr (1982-1990) und Bruno Jonas folgten.

Der niederbayerische Kabarettist Django Asül kam 2007 erstmals ohne Kutte aber im Sakko auf die Nockherberg-Bühne, der Nürnberger und Opernsänger Gerd Fischer bereits von 1999 bis 2002.

Zwei vom gleichen Schlag, Volksschauspieler etwa vom Volkstheater bis zum Staatsschauspiel, waren Michael Lerchenberg, der 2008 und 2009 auftrat und dafür die Sigi-Sommer-Medaille erhielt. Auch Volksschauspieler Erich Hallhuber wurde 1997 und 1998 Paulaner-Mönch.

Acht Mal bekam Luise Kinseher als erste und einzige Frau ab 2010 als „Mama Bavaria“ das Wort am Salvator-Pult: Ohne Mönchskutte, dafür mit grün-glänzendem Gewand und viel mütterlichem Rat. 2017 trat sie als weibliches Original ab, sie hatte genug „ermahnt, getröstet, geschimpft“. Die Kabarettistin ging von der Salvator-Bühne mit den Worten, „gute Eltern wissen, wann es Zeit ist, loszulassen.“ 

Acht Mal bekam Luise Kinseher als erste und einzige Frau ab 2010 als „Mama Bavaria“ das Wort am Salvator-Pult.

Skandale und Satire am Nockherberg

Die scharfzüngige Polit-Satire hat so manchen Skandal ins Rollen gebracht. Nicht wenige Redner hängten ihre Kutten mal mehr oder weniger freiwillig nach einem deftigen Salvator-Auftritt als „Bruder Barnabas“ prompt an den Nagel. Etwa der Kabarettist Django Asül, der den damaligen Generalsekretär Söder mit Malaria gleichstellte und so ins starke Kreuzfeuer der Kritik geriet.

Michael Lerchenberg gab seine Rolle als Bruder Barnabas auf, nachdem er FDP-Politiker Guido Westerwelle indirekt mit einem KZ­-­Aufseher verglichen hatte – was wochenlang in den Medien Thema war.

Mama Bavarias Feststellung 2016, CSU-Politikerin Barbara Stamm sei frauenfeindlich, enthob zwar nicht Luise Kinseher ihrer Rolle, doch blieb 2017 Stamm ausdrücklich deshalb dem Nockherberg fern.

Als gewagt könnte man es bezeichnen, dass im Singspiel 2010 Helmut Schleich in die Rolle des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß schlüpfte – zehn Jahre nach dessen Tod. Doch das Wagnis kam hervorragend an!

Helmut Schleich spielte 2010 den CSU-Übervaters Franz Josef Strauß – zehn Jahre nach dessen Tod.

Marie-Julie Hlawica

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