Über Herausforderungen und Chancen

Vom Ballett zum Football ‒ Trainerin der Munich Cowboys leitet als europaweit erste Frau ein Profi-Männerteam

Munich Cowboys Cheftrainerin Nadine Nurasyid im Hallo-Interview.
+
Munich Cowboys Cheftrainerin Nadine Nurasyid im Hallo-Interview.
  • Benedikt Strobach
    VonBenedikt Strobach
    schließen

Sie ist die erste ihrer Art: Nadine Nurasyid ist die europaweit erste weibliche Cheftrainerin einer American Football Mannschaft. Die Trainerin der Munich Cowboys über ihren Job und die NFL...

In der Nacht von Sonntag, 13., auf Montag, 14. Februar, fliegt beim Super Bowl, dem größten Sportereignis der Welt und Finale der National Football League (NFL), das „Ei“ zum letzten Mal in der Saison in Amerika. In Deutschland nimmt hingegen die Vorbereitung auf die im Mai startende Football-Spielzeit Fahrt auf. Besonderes Highlight: Offenbar hat sich die NFL nun entschieden, sowohl 2022 als auch 2024 ein Spiel in München auszurichten.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Die Munich Cowboys, Münchens Vertreter in der obersten deutschen Spielklasse „German Football League“ (GFL), sorgen nun für ein europaweites Novum. Sie sind die erste Profi-Herrenmannschaft, die von einer Frau gecoacht wird: Nadine Nurasyid.

In Hallo spricht die 35-jährige Münchnerin von A bis Z über Herausforderungen und Chancen für Frauen im Männersport, ihren Wechsel von Ballett zu Football, mögliche Gewinner des Super Bowl und wie ein Spieler versehentlich ihren Instagram-Namen festlegte.

Nadine Nurasyid (35), Cheftrainerin der Munich Cowboys, von A bis Z

Auftakt für die neue Saison ist am 21. Mai. Wir haben Saarland, Frankfurt und Marburg in unserer Staffel – drei weite Auswärtsreisen.

Ballett habe ich zwölf Jahre lang getanzt, bis ich 14 war. Zum Football bin ich erst mit 27 gekommen. Das ist schon ein Kurswechsel. Die größte Ähnlichkeit zwischen beidem ist wohl der Wille, gut zu sein.

Cincinnati: Ich habe erst kürzlich erfahren, dass Cincinnati eine Partnerstadt von München ist. Trotzdem glaube ich nicht, dass die dort beheimateten Bengals den Super Bowl holen. Die LA Rams um Matthew Stafford sind zu stark.

Defensive Back war früher meine Position als Spielerin im Damen-Team der Cowboys. Ich musste also vor allem weite Pässe der Gegner verhindern. Auch habe ich als Wide Receiver in der Offensive gespielt. Das ist in Frauen-Teams nicht unüblich. Als Trainerin habe ich 2018 die Straubinger Defensive übernommen, bevor es 2019 nach München zurückging.

Ehrenamt? Nein, der Posten als „Head Coach“ ist mein Hauptberuf. Ich arbeite zudem als Athletiktrainerin für Hobby- und Profisportler und als Sporttherapeutin in einer Praxis.

Familie: Bei den Cowboys sind viele Personen mehr als nur Kollegen. Hier stehen alle hinter mir. Manche Spieler haben mich im Herbst sogar als „Head Coach“ vorgeschlagen.

Gelegentlich schreiben mich Spieler aus den USA, die wir für ein Video-Interview einladen, als „Mr. Nurasyid“ an. Im Anruf blicke ich dann immer wieder in überraschte Gesichter.

Head Coach: Ich sehe meine Position als Chance für Frauen im Männersport. Football ist da toleranter als andere Sportarten. Wir haben aber ein quantitatives Problem, weil sich zu wenig Frauen als Herren-Trainerinnen bewerben.

Instagram: Hier heiße ich „they_call_me_coach_mama“. Diesen Namen hat mir ein Spieler ungewollt gegeben. Bei einer Besprechung nannte er mich „Coach Mama“ statt „Coach Nadine“. Seitdem witzeln wir darüber.

Jugend: Junge Spieler haben kein Problem damit, von einer Frau trainiert zu werden. Das merke ich in Gesprächen mit ihnen. Der Generationenwechsel wird die Einstellung zu Cheftrainerinnen im Männersport positiv beeinflussen.

Kader: Aus 180 Spielern besteht der Kader für unsere erste und zweite Mannschaft. Etwa 70 davon kommen für die GFL infrage.

Lieber habe ich von Mai bis September Saison und nicht im Winter, wie in Amerika. Ich bin eindeutig ein Sommermensch. Bei minus 16 Grad in Green Bay an der Seitenlinie – das wäre nichts für mich. Auch gefällt mir unser Liga-System besser als das in den USA.

München ist meine Heimat. Ich komme aus Sendling, wohne in Großhadern. Ich liebe es, an der Isar zu radeln und im Olympiapark zu sporteln.

Nationalteam: Ich bin auch als Assistentin des Special Team Coaches bei der deutschen Nationalmannschaft tätig. Das sorgt aber für keine Überschneidungen mit der Vereinssaison.

Oberstes Ziel für die kommende Saison ist ein Heimsieg in der K.O.-Runde, den Playoffs. Dafür müssen wir uns durch eine gute Hauptrunde das Heimrecht im Dantestadion erspielen.

Pandemie-technisch sind wir gut organisiert. Es gab bisher keine großen Corona-Ausbrüche bei den Cowboys. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Quarterback: Unser ehemaliger Spielmacher Justin Sottilare wird ab dieser Saison unser Offensiv-Trainer. Derzeit suchen wir also einen neuen Quarterback. Dafür führen wir gerade mehrere Gespräche mit Spielern aus Amerika.

Raten würde ich angehenden Trainerinnen im Männerbereich, dass sie keine Angst vor männlicher Konkurrenz haben sollen. Oft ist es die Furcht, gegen Männer in „ihrer Domäne“ anzutreten, die viele Frauen an ihren keineswegs schlechteren Fähigkeiten zweifeln lässt.

Super Bowl schaue ich natürlich. Leider schaffe ich es oft nicht bis zur Halbzeit ohne einzuschlafen. Dieses Jahr muss ich aber wach bleiben. Mit Eminem, Dr. Dre, Snoop Dogg, Mary J. Blige und Kendrick Lamar darf ich die Halbzeitshow als „Hip Hop“-Fan nicht verpassen.

Trainer: Garren Holley war jahrelang mein Mentor bei den Cowboys. Auch mein Freund ist für meinen Werdegang wichtig. Durch ihn bin ich zum Football gekommen.

US-Coach: Ich denke nicht, dass ich einmal in der NFL lande. Wobei dort bereits mehr Frauen in den Coaching-Teams vertreten sind als hier.

Verbale Kommunikation ist bei uns immens wichtig. Wir sind nicht wie in Amerika verkabelt, sondern müssen viel gestikulieren und schreien. Da leidet die Stimme bei Spieltagen schon mal.

Wünschen würde ich mir mehr öffentliche Fürsprache pro Frauen als Cheftrainerinnen, auch sport­übergreifend. Nick Saban von der University of Alabama macht sich etwa stark dafür. Es würde sehr helfen, wenn auch weitere bekannte Trainer oder Spieler sich positionieren würden.

X-mal wurde ich schon mit der Frage konfrontiert, ob ich wirklich Football-Trainerin bin. „Also das mit den Männern?“ Solche Kommentare ignoriere ich mittlerweile.

Yards oder die Entfernung, aus der ich ein Field Goal schießen kann? Das habe ich nie probiert. Aber ich denke, früher hätte ich es aus 25 Yards, also fast 23 Metern, geschafft durch die Stangen zu kicken. Heute schaffe ich das nicht mehr.

Zeit für Hobbies bleibt mir während der Saison kaum. Ich habe dann 70-Stunden-Wochen. Ein bisschen ist es wie die Klausurenphase im Studium: Man ist gestresst, schläft weniger und ernährt sich anders.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

Meistgelesen

Sebastian Bezzel: Was er vom Eberhofer noch alles lernen kann
INTERVIEWS
Sebastian Bezzel: Was er vom Eberhofer noch alles lernen kann
Sebastian Bezzel: Was er vom Eberhofer noch alles lernen kann
Kinder- und Jugendärzte am Rand der Belastungsgrenze
INTERVIEWS
Kinder- und Jugendärzte am Rand der Belastungsgrenze
Kinder- und Jugendärzte am Rand der Belastungsgrenze
Reinhold Messner: „Für mich gilt – kein künstlicher Sauerstoff. “
INTERVIEWS
Reinhold Messner: „Für mich gilt – kein künstlicher Sauerstoff. “
Reinhold Messner: „Für mich gilt – kein künstlicher Sauerstoff. “
Vivian Paul: Der Zirkus – Ihr Bruder, Zuhause und Erbstück
INTERVIEWS
Vivian Paul: Der Zirkus – Ihr Bruder, Zuhause und Erbstück
Vivian Paul: Der Zirkus – Ihr Bruder, Zuhause und Erbstück

Kommentare