„Aber man ist nie aus der Firma raus“

Münchens berühmtester Pfarrer wird 60: Rainer Maria Schießler geht in den Vorruhestand

Münchens bekanntester Pfarrer Rainer Maria Schießler von A-Z bei Hallo.
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Münchens bekanntester Pfarrer Rainer Maria Schießler von A-Z bei Hallo.

60 Jahre: einen runden Geburtstag feiert dieses Jahr Münchens berühmtester Pfarrer. Was ihn zornig macht, wozu er dringend eine Scheune sucht und wie er sich auf seinen Ruhestand vorbereitet, verrät er Hallo...

Er hat nicht nur den schönsten Arbeitsplatz der Welt, er ist auch Münchens bekanntester Gottesdiener: Pfarrer Rainer Maria Schießler (59) hat seine Gemeinde St. Maximilian an der Isar, direkt an der Wittelsbacher Brücke, mitten in der Stadt – seit 1993 ist er dort Pfarrer.

Zusätzlich leitete er zeitweise bis zu diesem Sommer die Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt. Weil der Unermüdliche immer neue Ideen hat, ist er weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Ob als streitbarer Gottesdiener, unermüdlicher Wiesn-Kellner oder erfolgreicher Buchautor.

Am 7. Oktober wird der gebürtige Münchner 60. Wie er seinen runden Geburtstag feiert, was ihn zornig macht, wozu er dringend eine Scheune sucht und wie er sich auf seinen Ruhestand vorbereitet, verrät er Hallo München von A bis Z.

Pfarrer Rainer Maria Schießler (59) von A bis Z

Applaus gibt es in der Kirche, wie im Theater: Er kommt spontan, wenn die Zuhörer von der Predigt begeistert sind. 

Botschaft Gottes ist so klar: Das ist für mich das Bild des gütigen Vaters. Das ist kein Ferngespräch, kein Dialog. Es ist eine Dauerschaltung. Ich spüre immer seine Nähe. 

Choreograf: Ich bewege gerne Menschen, aktiv zu werden, sich zu engagieren, mitzumachen, zu handeln. Sonst wäre ich vielleicht Polizist geworden.

Dame des Hauses ist mein Hund Pia. Sie ist eine französische Bulldogge, seit eineinhalb Jahren hier. Sie war ein Fall für den Tierschutz, weil sie in Rumänien zur Zucht missbraucht wurde.

Erreichbar bin ich immer. Da-sein ist mein Auftrag. Unsere Pfarrei hat keinen Anrufbeantworter, der sagt, wann das Pfarrbüro besetzt ist, sondern eine Rufumleitung zu mir oder unserem Vikar. „Ich bin da für dich“, die Botschaft ist besonders in Krisenzeiten wichtig.

Freiheit habe ich in der katholischen Kirche immer erlebt. Ich sehe sie als meinen Werkraum, hier kann ich gestalten, statt verwalten. Ich habe mich nie an die Kandare gespannt gefühlt.

Geburtstag: Ich werde 60, leider! Es ist eine Zahl, ein Verein, eine Krankheit?! Aber: besser 60 werden als mit 59 sterben. Ich bin vier Tage zuvor in Venedig. Am 7. Oktober feiere ich hier eine Messe, danach setze ich mich mit denen, die kommen zusammen und trink ein Glas Wein! Materielle Geschenke brauche ich keine. Ideelle, die die Beziehung zwischen mir und einem anderen ausdrücken, die freuen mich. 

HimmelHergottSakrament: Nein, ich fluche nicht. So wurde es mir von meinen Eltern beigebracht. Trotzdem setzt sich der Titel meines Buches, das jetzt verfilmt wird, aus drei wichtigen Worten zusammen: Himmel, zu spüren auf Erden. Der Herrgott, der will, dass wir glücklich sind. Das Sakrament – den Glauben mitzubekommen.

Ich mag... Kasperltheater. Das letzte Krippenspiel haben wir als Kasperltheater gemacht. Ein voller Erfolg – das war cool!

Jerusalem ist für mich die Stadt des Friedens, da hab ich das Gefühl, ich bin daheim. Das erste Mal war ich 1996 im heiligen Land. Der Ölberg, die Gerüche, die Küche, die Geschichte von Gottes Sohn. Jesus ist da. Seitdem bin ich einmal im Jahr in Jerusalem.

Kirche kämpft um jedes Mitglied: Wir sind am Aussterben, die Austritte stapeln sich. Ich biete jedem ein Gespräch an, einmal, zweimal, öfter. Aber kein Verhör. Weil sich heute jeder online abmelden kann, haben wir auch eine Online-Anmeldung.

Laim: Da bin ich aufgewachsen, in der Veit-Stoß-Straße 58. Ins Glockenbachviertel bin ich als Pfarrer vor 28 Jahren gekommen. Es hat sich viel geändert, die Familien werden weniger. Schade, wenn sich der Nachwuchs sein Heimat-Viertel, in das er geboren wurde, nicht mehr leisten kann, weil nur junge, hippe, geldige Leute hier sind.

Mantelalbe: Das ist mein übliches, leichtes Priestergewand und die Stola. Den Talar ziehe ich nicht so gerne an, er ist schwer, das fühlt sich an wie Gefangen-sein. Im Viertel erkennt man mich auch so: mit Shorts und T-Shirt.

Nötig wäre eine Scheune oder Lagerhalle. Wegen Corona haben wir die Bänke in der Kirche abgebaut, durch 160 Stühle ersetzt. Jeder kann den Stuhl rücken, wie er mag. Aber die Bänke stehen noch in der Kirche.

Oktoberfest: Da war ich 16 Mal als Schankkellner im Schottenhamel-Zelt. Ärger gab es beim ersten Mal – ich hätte vorher offiziell die Diözese fragen sollen.

Primizspruch begleitet mich seit meiner Priesterweihe am 27. Juni 1987: „Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ Mein Leitsatz aus dem Johannesbrief gilt bis heute.

Querulant: So sehe ich mich nicht. Ich will ja nicht opportunieren, das Wort Gottes verändern. Schon den Täuflingen gebe ich mit: Glaube macht keine Angst. Sei leicht in dieser Welt, sei ein Erleuchteter!

Ruhestand: Gibt’s nicht für einen Pfarrer. Man ist nicht „aus der Firma raus“. Es gibt viel, wo man gebraucht wird. 

Schauspieler bin ich nur bei uns im Jedermann als „Glaube“ auf der Pfarrbühne. Als Pfarrer muss man aber das Talent mitbringen, gern mit Menschen zusammen zu sein. Und die Botschaft Gottes, das Evangelium, lebendig erzählen wollen.

Tod kommt zu seiner Zeit, ist nicht vorhersehbar, Gott kann ihn nicht verhindern. Aber der Tod ist kein Abschied. Den Menschen, den du liebst, verlierst Du dadurch nicht.

Urspruch der Kirche: Das „Amen“. Das heißt einfach auf Bairisch: recht hast.

Vorruhestand ist jetzt. Ich habe eine halbe Stelle seit im März unser neuer Vikar kam. Das macht es mir möglich, mich mehr um die Katholische Erzieher Gemeinschaft zu kümmern, in deren Beirat ich bin.

Weinen ist ein intimer Akt. Das mache ich für mich. Wenn ich ein kleines Kind beerdige, dann frage ich Gott schon: Warum hat das Zwergerl keine Chance, frage: Was fällt dir ein, was mutest du uns zu? Aber er hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Der Mensch hält viel aus.

X-mal verkünde ich gerne die Menschlichkeit, die die Kirche zu geben hat. 

Youngsters: Nicht nur katholische Kinder sind bei uns in der Pfarrei willkommen. Die Türe ist offen für jeden.

Zornig machen mich anonyme Briefe, hier in die Pfarrei oder an den Bischof. Wer ein Problem mit mir hat, soll mit mir reden. Wütend macht mich Denunziantentum, etwas schlecht machen, ohne sich selbst offen zu zeigen.

Marie-Julie Hlawica

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