Diagnose: Hitzschlag

Expertin erklärt: Wie die Klimakrise unsere Gesundheit bedroht – Was die Münchner tun können

Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin an der TU München verrät in Hallo, wie stark unsere Gesundheit von unserem Planeten abhängt.
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Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin an der TU München verrät in Hallo, wie stark unsere Gesundheit von unserem Planeten abhängt.
  • Sabina Kläsener
    VonSabina Kläsener
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Der Klimawandel sorgt für Hitzewellen und neue Krankheiten, die unsere Gesundheit bedrohen. City Life hat sich mit einer Umweltmedizinerin unterhalten. Im Interview spricht sie über die Auswirkungen und was man tun kann.

„Unser Wohl hängt ab von dem unseres Planeten“: Zu diesem Schluss kommen Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin am Helmholtz Zentrum München , und Wissenschaftsjournalistin Katja Trippel im Buch „Überhitzt“. Allergien nehmen zu, neue Erreger und Überträgertiere breiten sich aus, Hitzewellen bedrohen das Leben von Kindern und Älteren.

Auch an der Psyche gehen die Veränderungen nicht spurlos vorbei. Und nicht erst in Zukunft: Der Hitzesommer 2003 war die tödlichste Naturkatastrophe der vergangenen 100 Jahre in Europa. Zwischen Beton, Asphalt und Autos kann der Hitzeinsel-­Effekt eintreten, wenn weder Wind noch Bäume für Abkühlung sorgen.

Bis zu zehn Grad heißer als in schattigen Stadtparks kann es dort werden. Eine Lösung: klimaresiliente Städte dank beispielsweise Bäumen, am besten welche mit geringem Allergierisiko wie Kirschen, um sowohl Hitze als auch Allergien Einhalt zu gebieten. In City Life erklärt Claudia Traidl-Hoffmann, warum manche immer noch keinen Handlungsbedarf sehen.

Frau Traidl-Hoffmann, ist der gesundheitliche Faktor zu wenig im Fokus in der Diskussion über die Klimaentwicklung?

Das ist der Punkt. Es wird über Eisbären gesprochen, über schmelzendes Polareis, über Inseln, die bei steigendem Meeresspiegel im Wasser verschwinden. Das ist alles weit weg. Der Mensch ist aber so ausgerichtet, dass er nur wegrennt, wenn eine Gefahr direkt vor ihm steht. Der Klimawandel beeinflusst nicht nur, sondern bedroht unsere Gesundheit. Die WHO sagt, dass er die größte Herausforderung für unsere Gesundheit und unsere Existenz ist.

Sie beschreiben im Buch die Auswirkungen, die man schon jetzt spürt. Wird es jetzt so unangenehm, dass es bei jedem ankommt, dass etwas getan werden muss?

Offensichtlich noch nicht unangenehm genug. Es gibt immer noch viele, die sagen: „Ist doch schön, dass es jetzt so warm ist!“ Steter Tropfen höhlt zwar den Stein, aber der Prozess ist immer noch zu langsam. Wir haben keine Zeit mehr. Viele Experten sagen, es ist bereits fünf nach zwölf. Ich denke, Hoffnung für Verbesserungen gibt es immer, aber wir müssen wirklich was tun. Wenn wir die Erde als Patient ansehen, dann haben wir die Diagnose. Wir müssen jetzt therapieren und wissen ja, wo wir dabei ansetzen müssen.

Zum Beispiel?

München: Wir wissen wie hoch die Schadstoffbelastung am Luise-Kiesselbach-Platz ist. Wir wissen auch, dass das Kind, das ganz nah an der befahrenen Straße lebt, aufgrund der Schadstoffe eine erhöhte Wahrscheinlichkeit hat, eine Neurodermitis und eine Allergie zu entwickeln. Die Schadstoffe schädigen unsere Münchner Kinder und treiben den Klimawandel an. Das Schöne: wenn wir die Schadstoffe durch vernünftige Verkehrsplanung, mehr Grün, besseren ÖPNV, bessere Fahrradwege, kurz: nachhaltig gute Städteplanung, reduzieren, dann können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, ein doppelter Gewinn.

Die Grünen sind seit gut einem Jahr stärkste Partei im Stadtrat. Werden die Weichen gestellt?

Natürlich kümmern sich die Grünen um grüne Städte, aber das Thema Klimawandel ist ein Thema, das wir nicht auf eine Partei begrenzen dürfen, es ist überparteilich. Jede Partei muss es angehen. Es wird vermutlich das Thema des Wahlkampfes in diesem Jahr. Wer es besser kann, dass wird das jeweilige Programm zeigen.

Was ist Ihr Rat an Menschen, die etwas tun möchten?

Der Klimawandel wird nicht final in Deutschland gestoppt. Gleichzeitig können wir aber viel erreichen. Was wir für das Klima tun, ist auch gut für uns: z.B. wenn wir uns durch aktive Mobilität fortbewegen, und eben nicht mit dem Auto zum Bäcker fahren, sondern mit dem Rad. Gesunde Ernährung ist ein weiterer Punkt: fleischarm, es muss gar nicht fleischlos sein. Nachhaltige Tierhaltung ist ja auch etwas Gutes! Man muss Zusammenhänge differenziert betrachten. Fleischarme Ernährung ist gut für mich, weil ich schlank bleibe und gesünder altern kann.

Und in anderen Bereichen?

Die Finanzplanung ist ein weiteres Beispiel: Man kann in CO2-neutrale Sektoren investieren. Das gehen wir jetzt im Gesundheitssektor an. Wir Ärzte haben unsere eigene Ruhestandsversorgung,. Hier versuchen wir, dass Gelder dort nicht gerade in Bitcoin angelegt werden, in Erdgas oder Erdöl, sondern, dass sie nachhaltige Unternehmen unterstützen.

Eine Ansicht lautet: Der Markt regelt alles. Mein Eindruck ist, dann muss der Verbraucher zeigen, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten größer wird und die nach Fleischkonsum geringer, also dass von Verbraucherseite aus der Wandel angestoßen werden muss.

Wir alle, jeder Verbraucher muss das mit fördern. Müssen wir in Bitcoin investieren? Auch wenn das lukrativ ist. Der Bitcoin produziert so viel CO2, das ist unfassbar. Jeder muss was tun und gleichzeitig muss die Politik was tun. Wir in München alleine können die Welt nicht retten, aber wir können den Anfang machen. Es geht auch immer um die Leuchtturmfunktion.

Wie ordnen Sie die Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht ein?

Das ist sicherlich ein Erdbeben gewesen, aber eher ein positives. Frau Merkel hat gesagt, wie kann ich zufrieden sein mit unseren Entscheidungen, wenn das Bundesverfassungsgericht mir Hausaufgaben aufgibt. Sie hat selber eingesehen, dass hier nachgebessert werden muss. Es ist eine Entscheidung, die ihres gleichen sucht und die den Themen Klimawandel, gesundes Altern und eine gute Zukunft für die Kinder eine ganz zentrale Rolle zuspricht.

Die Hauptreferenz in Ihrem Buch zum Thema Hitze ist der Sommer 2003. Mich lässt das ein Stück weit verzweifeln, wie viel Zeit seitdem vergangen ist, in der man etwas hätte tun können. Im Buch haben Sie auch andere Wissenschaftler gefragt, wie deren Grundstimmung ist. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Meine Stimmung ist wirklich gut, weil ich jeden Tag mehr Kollegen an meiner Seite sehe, die mit mir den Weg gehen. 40 Leute forschen mit mir in meinem Institut. Ich sehe viele, die sich bewegen, auch das Bundesministerium für Forschung, die Ärztekammer hat das Thema in den Fortbildungskatalog aufgenommen. Ich habe kürzlich die erste Fortbildung der bayerischen Ärztekammer geleitet. Es passiert gerade so viel. Was bringt es jetzt zurückzuschauen, hätte, hätte...Wir müssen nach vorne gucken und in die Aktion gehen. Ich bin sowieso ein positiver Mensch. Ich sehe auch viele Punkte, wo ich was tun kann: meine Patienten vernünftig behandeln, mir viel Zeit nehmen für sie, eine Klimasprechstunde machen.

Hat der Begriff Nachhaltigkeit eine andere Bedeutung, inhaltlich wie in der Gewichtung, bekommen?

Ja absolut. Der nachhaltigste Mensch, den ich kenne, ist meine Mutter. Wie sie spült, wie sie mit Klamotten umgeht: sie hat ein Paar Turnschuhe… Diese Denkweise, sie ist Jahrgang 1935, ist unfassbar nachhaltig. Wir müssten uns ein bisschen was von der Generation abschauen. Von allem ein bisschen weniger: weniger verbrauchen, weniger wegschmeißen. Wenn ich einkaufen gehe, wirklich eine Logistik walten lassen. Das rufe ich mir auch selbst zu, ich muss ja auch jeden Tag ein Stück nachhaltiger werden.

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