Von A bis Z

Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger - Zwischen Erbe und eigenen Wegen

Die Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger aus München.
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Die Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger.

Vor zehn Jahren rief Fritz Wickenhäuser den Verein Südliches Bahnhofsviertel ins Leben – wie seine Tochter Kathrin das Vermächtnis weiterführt, lesen Sie im Interview von A bis Z.

Mit dem Südlichen Bahnhofsviertel ist die Familie Wickenhäuser seit mehr als hundert Jahren verbunden, erst als Autohändler, dann als Hoteliers.

Kathrin Wickenhäuser-Egger führt heute ein Familienunternehmen in vierter Generation: Sie betreibt das Hotel Cristal an der Schwanthalerstraße und das Hotel Dolomit an der Goethestraße, außerdem ist sie Wirtin der Münchner Stubn an der Bayerstraße und engagiert sich ehrenamtlich für Azubis.

Ihr Vater Fritz Wickenhäuser, der heuer im März verstarb, gründete am 18. Oktober 2010 den Verein Südliches Bahnhofsviertel. „Auch das wird ein großes Erbe für mich“, sagt Wickenhäuser-Egger.

Wie sie dieses bewahren will, lesen Sie im Interview von A bis Z. Mit ihrem Mann, den drei Kindern und Labradoodle Sepp lebt die 40-Jährige im Isartal.

Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger (41) im Interview von A bis Z

Alkoholverbot: Ich bin eine absolute Befürworterin des Verbots am Hauptbahnhof. Ich bin mir aber bewusst, dass das Problem eigentlich nur verlagert wird. Trinkerstuben, in denen die Menschen unter Betreuung konsumieren dürfen, finde ich sehr sinnvoll.

Baurecht im Bahnhofsviertel ist ein Problem. Wir brauchen dringend eine Öffnung, damit hier auch Wohnungen gebaut werden dürfen. Das ist für die Lebensqualität im Viertel sehr wichtig. 

Cristal: Dabei handelt es sich um eine Wortschöpfung meiner verstorbenen Mutter. Sie hat immer gerne Modezeitschriften gelesen und ist über das Wort gestolpert.

Drogen: Der Bahnhof ist ohne Frage ein Umschlagplatz. Der Verein „Prop“, der unter anderem den Drogennotdienst und die Notschlafstelle betreibt, leistet sehr gute Arbeit. Man darf die Kranken nicht stigmatisieren. Auch in diesem Fall wären Konsumräume sehr wichtig. 

Erbe: Mein Vater war eine große Persönlichkeit und ein großes Vorbild. Er hat mir viel beigebracht. Freundlichkeit, Bescheidenheit, aber auch, dass man nicht wegschauen darf.

Familie ist das oberste Gut. Erst danach kommt der Betrieb und dann das Ehrenamt. Das war auch für meinen Vater immer so. Für meine drei Kinder war er ein lieber Opa.

Grün: Davon haben wir im Quartier definitiv zu wenig. Die Schwanthalerstraße ist gruselig, von Aufenthaltsqualität kann man nicht reden. 

Hotel: Als wir angefangen haben, waren wir eines der ersten. Heute ist die Hoteldichte nirgendwo so groß wie hier. Alleine in unseren beiden Häusern haben wir 400 Betten.

IHK: Seit zehn Jahren bin ich Vize-Präsidentin und engagiere mich für junge Leute mit prekärem Hintergrund. Meine Eltern haben sich übrigens bei der IHK kennengelernt.

Job: Ich liebe meine Arbeit und bin froh, dass ich meinen Mann dabei immer an meiner Seite habe. Ich bin der Bauch-, er der Zahlen-Mensch. 

Kommunaler Außendienst: Im Moment ist es schwierig, weil alle am Gärtnerplatz sind. Das macht sich bemerkbar, es wird mehr gebettelt, Drogen werden auf der Straße konsumiert. Wir brauchen den Kommunalen Außendienst hier, er trägt sehr zum Sicherheitsgefühl der Menschen bei.

Ludwigsvorstadt: Der BA hatte unsere Freischankfläche erst abgelehnt. Offenbar dachten die, es handelt sich um die hundertste in der Isarvorstadt. Dabei sind wir ja gar nicht im hippen Gärtnerplatzviertel (lacht). Ich habe schon das Gefühl, dass die Ludwigsvorstadt etwas vernachlässigt wird. 

Münchner Stubn: Das Wirtshaus an der Bayerstraße haben wir 2015 eröffnet. Im November machen wir das „Strada del Goethe“ an der Ecke zur Schwanthalerstraße auf. Zunächst wollten wir, dass die bayerische Gemütlichkeit im Multikulti-Viertel nicht zu kurz kommt. Mit dem neuen Konzept zeigen wir, dass München nicht umsonst die nördlichste Stadt Italiens ist. Gastronomie im Viertel ist wichtig, um auch schwierige Ecken im Griff zu haben.

Neuer Hauptbahnhof: Ich freue mich, wenn er irgendwann mal fertig wird und es dann eine vernünftige Wegeführung gibt. Schade, dass alles so lange gedauert hat. 

Opel: Anfangs wurden an der Schwanthalerstraße 36 Motorräder verkauft. 1972 trat mein Vater in das Geschäft seiner Eltern ein, zu dem Zeitpunkt war es das Autohaus Opel Wickenhäuser. 1986 hat er es in das heutige Hotel Cristal umgewandelt.

Prostitution: Sex wird trotz Sperrbezirk immer wieder angeboten – auch deshalb muss der Kommunale Außendienst erhalten werden.

Quirlig ist das Bahnhofsviertel. Ich liebe diese unbändige Mischung aus jungen Backpackern, türkischen Friseuren und allen anderen. Man braucht gar nicht Fernsehschauen, man muss nur raus gehen.

Respekt muss man sich erarbeiten, ganz egal, welchen Namen man trägt. Ich wurde früher von meinem Gegenüber nicht unbedingt ernst genommen. Aber es war gut, dass mein Vater mich zu Terminen immer mitgenommen hat. Hätte mein älterer Bruder die Nachfolge antreten wollen, hätte er es wahrscheinlich leichter gehabt...

Sanierung des Deutschen Theaters: Dafür hatte sich mein Vater immer stark gemacht. Außerdem war er für eine Reduktion der Gewerbesteuer. Als Christian Ude das Theater wieder eröffnet hat, meinte er: Jetzt sind Sie glücklich wegen der Sanierung, gell? Aber das war so teuer, da können wir die Steuer nicht mehr senken! (lacht)

Trauer: Am 18. Oktober wird der Verein zehn Jahre alt. Nach Feiern ist mir nicht so zumute. Ich möchte erst mal den ersten Todestag abwarten. 

Urgroßmutter: Hilda Wickenhäuser war sehr fortschrittlich für ihre Zeit. Sie war eine der ersten Bergrennfahrerinnen – und erfolgreich. Mit ihrer Mitgift wurde der Standort Schwanthalerstraße gekauft. 

Verein: Noch müssen wir einen neuen Vorstand wählen, die letzten Monate waren für alle schwierig. Ich denke, dass ich den Vorsitz übernehmen werde. Mein Vater hat den Verein sehr in Alleinregie geführt, ich werde das etwas anders machen. Unsere Generation hat mehr Gemeinschaftscharakter. Jeder kann einen Schwerpunktbereich übernehmen. 

Weihnachtsbaum: Er gilt als Symbol für das friedliche Zusammenleben von so vielen Nationen im Viertel. Jedes Jahr wird er gemeinsam an der Goethestraße aufgestellt.

Xylophon spielen kann ich nicht. Aber meine Großeltern väterlicherseits waren ursprünglich Dirigent und Opernsängerin.  

Yacht: Luxusobjekte haben wir nicht. Mit der Familie gehen wir in die Natur zum Bergwandern oder Skifahren. 

Zukunft: Corona hat vieles auf Start gesetzt. Gerne wollen wir gastronomisch weiter machen und strecken unsere Fühler aus – auch außerhalb des Bahnhofsviertels. 

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