Christian Springer im Hallo-Interview

„Ohne die Bühne kann ich nicht sein“ - Münchner Kabarettist im Gespräch mit Hallo

Christian Springer im Hallo-München-Interview.
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Christian Springer im Hallo-München-Interview.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Münchner Kabarettist Christian Springer spricht im Hallo-Interview über sein Projekt „Ein Lied für Beirut“ und darüber, was sein Antrieb in dieser Zeit ist.

Oktober-Premiere abgesagt, die Rückkehr auf die Bühne ist erst für Juni geplant – kein Grund untätig zu sein, findet der Münchner Kabarettist. Gemeinsam mit Künstlern aus dem Libanon und Mitgliedern der Bayerischen Staatsoper unterstützt er mit seinem Projekt „Ein Lied für Beirut“ die Opfer der Explosion von vor sechs Monaten.

Herr Springer, wann waren Sie das letzte Mal in Beirut?

Vor einem Vierteljahr. Aber das hat auch mit Corona im Libanon zu tun. Da blutet mir schon das Herz. Aber ich kann ruhig schlafen, weil ich vor Ort tolle Teams habe.

Können Sie Ihre Büroräume in Beirut wieder nutzen, die durch die Explosion am Hafen im August stark beschädigt wurden?

In diesem Haus habe ich mehrere Räume gemietet. Sie wären seit ein paar Tagen wieder bewohnbar. Die Fenster sind wieder drin, aber die Einrichtung ist komplett zerstört. Ins Bett kann ich mich nicht legen, weil noch tausende von Scherben drin stecken. Da wäre ich ja ein libanesischer Fakir. Wir haben dort im Haus Konzerte gegeben. Von einem Kristalllüster habe ich mir als Erinnerung einen Stein mitgenommen. Ich habe geheult. Aber mein Motto ist: „Arschbacken z’samm, weiter geht’s!“

„Die Fenster sind wieder drin. Ins Bett kann ich mich aber nicht legen, weil noch tausende Scherben drin stecken.“ Christian Springer über die Räumlichkeiten seines Vereins Orienthelfer in Beirut.

Sie haben gerade die Aktion „Ein Lied für Beirut“ gestartet. Wie ist es entstanden und wessen Idee war es?

Ein guter Freund von mir ist der libanesische Star-Tenor Bechara Moufarrej. Von den Bergen über Beirut hat er die schreckliche Explosion am Hafen mitgekriegt. Er erzählte mir, er habe ein Lied für den Wiederaufbau, aber keine Konzerthalle und kein Orchester mehr. Ich habe dann in München ein Räderwerk in Gang gesetzt und alle Mitglieder der Oper waren kooperativ sofort dabei, so dass wir den Tenor und Dirigenten einfliegen lassen konnten, um dieses Lied einzuspielen.

Wie ging es dann weiter?

Alle haben für das Musikvideo „Lied für Beirut“ umsonst gespielt. Fünf Sitzreihen mussten in der Staatsoper raus, weil der Orchestergraben zu klein war. Für mich hat sich ein Kreis geschlossen, weil ich als Bub im Kinderchor der Oper war. Das war ein echtes Erlebnis. Im Libanon wird dieses nicht kommerzielle Projekt auf allen Kanälen gespielt – die Erlöse gehen direkt an die Orienthelfer. Und von uns an die Opfer der Explosion. Das ist großartig in einer Zeit, in der alles brachliegt. Ein Projekt über 3000 Kilometer Distanz, um Menschen zu helfen. Ich bin absolut allergisch, wenn Leute sagen: „Man kann ja nix tun.“

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Kommen Hilfslieferungen in Beirut noch an?

Wir erreichen alle Menschen. Nur ist es jetzt ein bisschen komplizierter. Aber wir können immer noch Geld überweisen. In Beirut haben sie ja den kompletten Lockdown, 24 Stunden Ausgangssperre, alle Läden sind geschlossen. Mitarbeiter und Partner haben Corona.

Macht es denn noch Spaß, Kabarett zu spielen? Haben Sie eine „Gerade-jetzt-erst-Recht“-Haltung?

Ohne Bühne kann ich nicht sein. Mein Antrieb ist das Schreiben. Für die Demokratie, gegen die AfD. Die Zivilgesellschaft ist unsere moralische Komponente. Dieter Hildebrandt hat sich ein Leben lang gegen Rechts eingesetzt. Dieses Vermächtnis müssen wir weitertragen.

Warum kommt der wachsende Rechtspopulismus scheinbar vor allem aus dem Osten?

Wir haben die Menschen aus der DDR nach der Wiedervereinigung ratlos zurückgelassen und ihnen nur kistenweise Bananen für eine Mark das Stück verkauft. Ekelhaft! Wir müssen aber auch vor der eigenen Haustüre kehren: Im Bayerischen Landtag sitzen ja auch AfDler. Das müssen wir in Zukunft mit allen Kräften verhindern.

Haben Sie auch den Corona-Blues?

Nein, bei mir ist es Rock’n’Roll, kein Blues. Es gibt so viel zu tun. Nächstes Jahr gedenken wir der 50 Jahre Olympische Spiele in München und dem grausamen Attentat, dieses Jahr 75 Jahre Entnazifizierungsprozesse...

ZUR PERSON

Der gebürtige Haidhauser hatte seine ersten Bühnenauftritte in den 70er-Jahren im Nationaltheater als Mitglied des Kinderchores. 1983 gründete er zusammen mit Helmut Schleich das Kabarett „Fernrohr“. Von 1997 bis 2012 war er Autor für „Ottis Schlachthof“.

Als Autor und Darsteller war er von 1999 bis 2001 beim Paulaner Starkbieranstich auf dem Nockherberg. 2008 schrieb er seine erste Fastenpredigt für den neuen Bruder Barnabas, Michael Lerchenberg.

2010 erklärten die beiden schließlich ihren Rücktritt, nachdem sie wegen eines KZ-Vergleichs in Zusammenhang mit Guido Westerwelles Äußerungen zum Sozialstaat und den Umgang mit Hartz-IV-Empfängern in ihrer Fastenpredigt angegangen wurden.

Seit neun Jahren moderiert der 54-jährige Berg-am-Laimer zusammen mit Michael Altinger den „Schlachthof“. 2012 gründete er den Verein Orienthelfer, um im Libanon Flüchtlingen und Einheimischen zu helfen.

CLAUDIA THEURER

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