Diese Entwicklungen erwarten München in der Zukunft

„Dritte Startbahn? Ein Muss!“

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Im ifo-Institut im Bogenhauser Herzogpark arbeiten über 230 Menschen, die von München aus weltweite Wirtschaftsentwicklungen erforschen.

München – Kinderbetreuung, Mietpreisbremse, Nachverdichtung, Verkehrsentwicklung: Zum 70. des ifo-Instituts spricht dessen Leiter Professor Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest über die Zukunft Münchens

In der ehemaligen Villa des Schriftstellers Alfred Walter Heymel im Bogenhauser Herzogpark arbeiten heute im ifo-Institut über 230 Menschen, die von München aus weltweite Wirtschaftsentwicklungen erforschen. Am 24. Januar wird das Institut 70 – gefeiert wird aber erst im Sommer. Ob wir an der Isar auch weiter im Wohlstand leben, wie sich die Automobilkrise auf München auswirkt und wo die „Weltstadt mit Herz“ noch an sich arbeiten kann – Hallo hat den Leiter des Institutes, Professor Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest (50), getroffen und dazu befragt.

Herr Fuest, wie beurteilen Sie den Standort München?
München ist ein ausgezeichneter Standort: Die Stadt ist sehr wirtschaftsstark, hat die meisten Dax-Konzerne in Deutschland, ist international bekannt und gut erreichbar.

Laut aktuellen Erhebungen flaut die Konjunktur ab. Was bedeutet das für unsere Stadt?
Man muss unterscheiden zwischen kurzfristigen Schwankungen und dem Langfrist-Trend. Konjunktur ist kurzfristig, das geht mal hinauf und mal herunter. Langfristig ist München einer der erfolgreichsten Standorte in Deutschland. Es gibt nicht viele Städte, die sich so gut entwickelt haben in den letzten Jahrzehnten. Ob es wirklich gut läuft, hängt aber auch von politischen Entscheidungen ab – etwa zur Höhe der Gewerbesteuer, Bauland-Ausweisung oder Infrastrukturfragen.

„Kinderbetreuung enorm wichtig bei Suche nach Fachkräften“

Der studierte Volkswirt Clemens Fuest leitet das Institut im Herzogpark seit knapp drei Jahren. Er wird zu den besten zehn Ökonomen gezählt – weltweit!

Was braucht München?
Bezahlbaren Wohnraum und einen Ausbau der Infrastruktur. Ein Beispiel ist der Flughafen und der Streit über eine dritte Startbahn. Es gibt einen intensiven Wettbewerb von führenden europäischen Flughäfen. Ohne dritte Startbahn wird München über kurz oder lang in die zweite Liga absteigen, daran führt kein Weg vorbei. Man braucht Verkehrsverbindungen, wenn sich eine Stadt entwickeln soll. Wichtig ist aber auch bezahlbarer Wohnraum und eine gute Versorgung bis hin zu Einrichtungen der Kinderbetreuung. Wie sollen Unternehmen wie Siemens beste Mitarbeiter anziehen, wenn diese sich keine Wohnung für ihre Familie leisten können und keine Kinderbetreuung finden.

Wie entwickelt sich das Einkommen in München?
Wir haben untersucht, was mit den Löhnen passiert wenn eine Stadt die Gewerbesteuer erhöht. Das Ergebnis: Je stärker die Gewerbesteuer steigt, desto niedriger sind die gezahlten Löhne.

„Mietpreisbremsen verknappen Wohnraum nur noch mehr“

Wird München noch teurer?
Man muss damit rechnen, dass sich Wohnen weiter verteuert. Die Politik sollte darauf nicht mit Mietpreisbremsen reagieren, die den Wohnraum nur noch mehr verknappen, sondern mit einer Politik, die dafür sorgt, dass mehr Wohnungen angeboten werden. Verkehrsverbindungen ins Umland helfen, den Druck auf den Wohnungsmarkt in der Stadt zu mildern. Den Leuten hier geht es sehr gut, das verhindert schnelle Veränderung. Ich fahre einmal im Jahr mit meiner Frau, die aus Kolumbien kommt, in ihre Heimat. Wenn wir wieder zurückkommen, denke ich mir oft: München hat keine Probleme. Wenn man sich umsieht auf der Welt – unsere Kinder sind unglaublich privilegiert. Unsere Zukunftsangst ist überzogen. Wir sind in Deutschland Weltmeister im Klagen auf hohem Niveau.

Wie wirkt sich die Krise der Auto-Hersteller auf die Stadt aus?
Die Auto-Industrie ist sehr wichtig für München und Bayern. Sowohl die Unternehmen als auch die Politik haben die Aufgabe dafür zu sorgen, dass diese wichtige Branche in Deutschland eine Zukunft hat. Aber es gibt nicht nur die Auto-Industrie. München ist in Deutschland so etwas wie die Hauptstadt der Digitalisierung. Da sind die Zukunftsaussichten gut, wenn die Weichen richtig gestellt werden. München ist der stärkste Wissenschaftsstandort mit der Ludwig-Maximilians-Universität, der Technischen Universität und vielen Forschungsinstituten und forschenden Unternehmen. Es gibt eine tolle Start-up-Szene, die solider und professioneller ist, als die in Berlin.

Was sind die Ziele des ifo-Instituts für die kommenden Jahre?
Im Kern muss die Mischung aus exzellenter wissenschaftlicher Arbeit und wirtschaftspolitischer Relevanz stehen. Glaubwürdigkeit und Transparenz spielen eine wachsende Rolle. Es muss möglich sein, wissenschaftliche Studien, die wir erstellen, nachzuvollziehen und die Ergebnisse zu reproduzieren. Wichtig ist außerdem der Ausbau unseres europäischen und internationalen Profils.

Marie-Julie Hlawica

Was macht eigentlich das ifo-Institut?

Das Süddeutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die Informations- und Forschungsstelle für Wirtschaftsbeobachtung (ifo) des Statistischen Landesamtes wurden am 24. Januar 1949 zum ifo-Institut zusammengelegt. Mitgründer war Ludwig Erhard. 

Das ifo verfolgt fünf Ziele: Forschung, Förderung junger Wissenschaftler, Beratung von Unternehmen, die öffentliche Teilnahme an Debatten und Information und Service. „Wir wollen nicht nur die Politik und die öffentliche Debatte erreichen, sondern auch Schulen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft“, erklärt Fuest. 

Aktuell hat das Institut 230 Mitarbeiter, darunter 60 Doktoranden.

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