„Täter schaffen Gelegenheit“

Ein Mann gegen den Missbrauch

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Schrecken im Schatten des Kreuzes: 2010 stellten Gutachterin Marion Westpfahl (links) und Kardinal Reinhard Marx einen eigenen Missbrauchs-Bericht für die Erzdiözese München-Freising vor.

München – Verleugnen, versetzen, vertuschen – so schien lange die Taktik der Kirche bei sexuellem Missbrauch zu sein – Peter Bartlechner will das ändern und findet im Hallo-Interview deutliche Worte

Der Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche betrifft auch die Erzdiözese München-Freising. Nun will diese Stellung zur Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz nehmen, die 2018 veröffentlicht wurde. Peter Bartlechner, Sozialpädagoge und Präventionsbeauftragter der Erzdiözese, spricht am Donnerstag, 21. März, von 19 bis 20.30 Uhr zum Thema und will sich den Fragen des Publikums stellen. Die öffentliche Veranstaltung findet im Hansa Haus, Brienner Straße 39, statt. 

Vorab hat der 52-Jährige Hallo im Interview verraten, was seine große Hoffnung ist, was sich ändern muss und wann man hellhörig werden sollte.

von Hanni Kinadeter

Peter Bartlechner, Sozialpädagoge und Präventionsbeauftragter der Erzdiözese nimmt im Namen der Erzdiözese Stellung zu den Ergebnissen der Missbrauchsstudie.

Herr Bartlechner, laut einer Auswertung der Erzdiözese zum Missbrauch sind im Raum München zwischen 1945 und 2009 etwa 270 Geistliche „auffällig“ geworden. Wie wollen sie solche Übergriffe künftig verhindern?
Die große Hoffnung der Präventionsarbeit ist es, dass wir Priester, Ehrenamtliche, Hausmeister, Messner und Sekretärinnen bestmöglich schulen und sensibilisieren, damit es gar nicht erst zu einem Missbrauchsfall kommt. Seit der Gründung der Präventionsstelle 2012 melden sich Menschen viel eher, wenn ihnen etwas merkwürdig erscheint.

Was ist denn ein Hinweis?
In unseren Schulungen decken wir unter anderem Täterstrategien auf. Hellhörig werden sollte man, wenn ein Pfarrer einen Ministranten bevorzugt, ihm Geschenke macht oder ihm stark schmeichelt. Andere Täter wiederum erpressen ihre Opfer eher. Was ganz wichtig ist: Täter schaffen bewusst Gelegenheiten, die es zu verhindern gilt.

Wie wollen Sie das erreichen?
Meine Kolleginnen und ich fahren zu den Pfarrverbänden und erstellen Schutzkonzepte sowie einen Verhaltenskodex – etwa, wie Schwimmunterricht künftig gestaltet werden soll, also, dass Eltern miteinbezogen werden. Oder dass man einen Ministranten nicht als Dankeschön in die Pizzeria einladen darf, sondern, dass es eine offizielle Feier mit Ehrung gibt.

Die Missbrauchsstudie besagt, dass das Pflichtzölibat eine der Ursachen für Missbrauch ist. Was ändert die Kirche künftig?
Klar ist ein zölibatäres Leben schwer, aber ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass das die entscheidende Ursache ist. Denken Sie an die vielen Täter, die im Darknetz Kinderpornos schauen und im realen Leben verheiratet sind und nicht den Zölibat leben. Ich finde auch, dass man die Missbrauchsstudie, die die evangelische Kirche in Auftrag gegeben hat, abwarten sollte. Dort gibt es ebenfalls kein Zölibat. Ändern sollte sich aber die Haltung zur Homosexualität, denn sie macht Führungskräfte erpressbar – nach dem Motto „Wenn du erzählst, dass ich Kinder anfasse, weiß morgen jeder, dass du schwul bist.“

Opfer erhalten von der Diözese 5000 Euro als Entschädigung

Etliche Priester, die Kinder missbraucht haben, sind in der Vergangenheit nicht aus ihren Ämtern entfernt, sondern versetzt worden.
Das ist Wahnsinn! Sie sind im Schnitt 4,4-mal versetzt worden. Wenn es heute eindeutige Hinweise gibt, ist völlig klar, dass man diesen Geistlichen nicht mehr in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzen kann. Da bedarf es auch keines Urteils. Da kommt die Kirche ihrer Fürsorgepflicht inzwischen nach. Früher ging es oft darum, die Institution Kirche zu schützen – das hat sich eindeutig verschoben. Jetzt gilt der Schutz den betroffenen Opfern.

Wie werden sie entschädigt?
Durch die „Anerkennung des Leids“ – ich finde das unsäglich, aber so heißt es im Fachjargon. Sie erhalten 5000 Euro und bekommen in jeder Hinsicht Unterstützung. Das ist aber so eine Sache: Nicht alle wünschen sich dann überhaupt noch Unterstützung von der Kirche.

Wie ging es Ihnen, als im Herbst bekannt wurde, dass ein Münchner Diakon eine 15-Jährige vergewaltigt hat?
Für mich und meine Kolleginnen von der Präventionsstelle ist das ein Desaster. Wir kämpfen darum, dass so etwas nicht mehr geschieht – und dann das. Was mir dann hilft, sind die Gespräche mit Betroffenen, meistens sind das ältere Damen oder Herren, die ihre Erlebnisse schildern. Da weiß ich: Deswegen machen wir das, um solche Fälle in der Zukunft zu verhindern und um zu erfahren, wie so etwas geschehen konnte.

Die Missbrauchsfälle im Erzbistum

Im Auftrag des Erzbistums München und Freising wertete die Gutachterin und frühere Richterin Marion Westpfahl Personalakten von den Jahren zwischen 1945 und 2009 aus, um Missbrauchsfälle aufzudecken. 

Der Bericht, den sie 2010 vorstellte, war schockierend: 159 Priester sind demnach „auffällig“ gewesen, verurteilt wegen sexuellen Übergriffen wurden von diesen nur 26. „Auffällig“ verhalten haben sich in dem Zeitraum zusätzlich 15 Diakone, 96 Religionslehrer und sechs Menschen, die keine Kleriker waren – die Fälle von Ettal sind da nicht miteingerechnet. 

Hinzukommt, dass die Taten nicht richtig dokumentiert worden waren, im Gegenteil – vieles wurde vertuscht oder verfälscht. Opfer wurden ignoriert, die Kirche als Institution geschützt, auch mit Tätern. Nicht nur in Bayern ist sexueller Missbrauch in der Kirche ein anhaltendes Problem.

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