Der Münchenstift-Geschäftsführer im Gespräch mit Hallo München

Siegfried Benker: „Niemand sollte ein schlechtes Gewissen haben“

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Siegfried Benker, seit 2014 Geschäftsführer der Münchenstift GmbH.

Kein Personal, keine Zeit, keine Lobby: Das Thema Pflege sorgt häufig für Negativ-Schlagzeilen.  Siegfried Benker, Geschäftsführer von Münchenstift, räumt mit Vorurteilen auf – übt aber auch Selbstkritik

Siegfried Benker ist seit 2014 als Geschäftsführer der Münchenstift GmbH verantwortlich für 14 unterschiedliche Einrichtungen und Dienstleistungsbereiche. Neben Kurzzeitpflege, ambulanter Versorgung und einer Fachstelle für pflegende Angehörige gehören dazu auch neun Häuser, in denen 2100 Bewohner vollstationär gepflegt werden.
Hallo hat den 61-jährigen Münchner zur aktuellen Pflegesituation in unserer Stadt befragt. 
von Marie-Julie Hlawica

Herr Benker, eine neue Studie spricht von der zunehmenden Erschöpfung pflegender Angehöriger.
Die Politik bewirbt die Pflege mit der Idee ‚ambulant vor stationär‘. Dabei sollen beide Themen gleich gewichtet werden. Denn immer mehr Angehörige pflegen zwar so lange wie möglich zuhause – können aber die Pflegesituation kaum bewältigen und werden selbst zum Pflegefall. Manche bringen ihre erkrankten Angehörigen – deren Pflege sie zuvor jahrelang geleistet haben – sogar erst im palliativen Stadium zu uns.

Wie kann man Angehörige mehr unterstützen?
Man muss die ambulante Pflege stärken. Es muss politisch vermehrt über ambulante sowie stationäre Pflege diskutiert werden. Niemand sollte ein schlechtes Gewissen haben, wenn er Pflege nicht mehr leisten kann und Hilfe benötigt. Gerade alte Ehepaare sind schwer zu trennen, aber dem der pflegt, fehlt die Kraft. Wünschenswert wäre aber, dass Patienten früher in stationäre Betreuung kämen. Und es werden im Laufe der Jahre demografisch immer mehr Pflegefälle werden, mit höherem Pflegebedarf.

„München erwartet in Zukunft ein höherer Pflegebedarf“

Schlechtes Gewissen bei den Pflegenden trifft oft auf Vorwürfe der zu Pflegenden, wenn man die Pflege in fremde Hände gibt. Wie nimmt man Betroffenen die Angst vor einem Heim?
Alle Beteiligten sollten, soweit dies möglich ist, in die Suche nach dem geeigneten Pflegeangebot eingebunden sein. Alle Optionen – ob ambulant oder stationär – zu prüfen, schafft bei allen die Sicherheit, dass verantwortlich gehandelt wird und die Bedürfnisse der Betroffenen im Zentrum stehen.
Wichtig ist auch, sich selbst ein Bild zu verschaffen, Häuser zu besuchen, mit Bewohnern und Mitarbeitenden zu sprechen, Vergleiche anzustellen. In unseren Häusern hängen nicht nur die Benotungen, sondern die kompletten Prüfberichte des MDK in den Foyers aus. Daraus geht hervor, wie es um die pflegerische Qualität im Haus bestellt ist. Transparenz schafft Vertrauen.

Das Thema Pflege sorgt häufig für Negativ-Schlagzeilen. Und das, obwohl München in Zukunft einen deutlich höheren Pflegebedarf erwartet.

Wie gut ist die Versorgung Heim/ Kurzzeitpflege in München im bayernweiten Vergleich?
In München ist die Situation aus Sicht Pflegeplatzsuchender angespannter als im Rest Bayerns. Die Belegungsquote liegt bei uns zum Beispiel Jahr für Jahr bei über 99 Prozent.

Wie lange wartet man in einer Großstadt München auf einen Pflegeplatz?
In der Regel werden Pflegeplätze – insbesondere nach Krankenhausaufenthalten mit Hilfe der Sozialdienste dort – sehr kurzfristig gesucht, das heißt ein Platz muss häufig innerhalb von Tagen gefunden werden. In den klassischen Pflegewohnbereichen ist das in München in der Regel möglich, auch die Münchenstift kann mit neun Häusern in der Stadt meist kurzfristig helfen, sofern keine weiteren, einschränkenden Wünsche wie eine bestimmte Ausstattung, ein bestimmter Anbieter oder Stadtteil bestehen.
Bei Sonderwohnformen wie zum Beispiel in beschützenden Bereichen oder im Wohnbereich für Wachkoma-Patienten kann es aber auch schon einmal länger dauern, bis ein Platz verfügbar ist. All dies gilt gleichermaßen für Kurzzeit- wie für Langzeitpflegeplätze.

„Ideal wären zwölf statt aktuell bis zu 50 stationäre Bewohner pro Wohngruppe“

Sind Heime die bessere Lösung im Vergleich zu ambulanter Pflege?
Das Bild der Heime wird oft medial und politisch schlecht dargestellt. Wir haben in unseren Häusern Wohngruppen mit bis zu 50 Personen. Dort zugeteilt sind etwa 22 bis 24 Pfleger, die je in Schichten die Bewohner versorgen. Aber: Der Anteil dementer Bewohner liegt heute bereits bei 70 Prozent. Ideal wären sicher kleinere Wohngruppen mit bis zu zwölf stationären Bewohnern. Mit dem Ziel, als jeweils großes Haus nicht nur als Heim, sondern als Kompetenzzentrum für Altenpflege zu fungieren, in dem alle Bereiche abgedeckt werden: Beratung, Tag und Nachtpflege, Kurzzeitplätze, selbstständiges Wohnen, vollstationäre Pflege und Palliativ-Stationen.

Womit wir beim Personalmangel sind.
Zehn Prozent mehr Azubis lösen den Pflegekräftemangel nicht. Das Personal wird aufgeschlüsselt, das heißt, jedes unserer Häuser bekäme dann zwei Stellen mehr. Aber München erwartet in Zukunft ein höherer Pflegebedarf. Da wird eine halbe Stelle pro Station einfach geschluckt. Ich unterschreibe alles, wenn es um das Thema „Wir brauchen mehr Pflegepersonal“ geht.

„Wir müssen in der ambulanten Pflege anders denken“

Viele sorgen sich aber, dass die Mehrkosten nicht zu finanzieren sind.
Deshalb ist für mich eine steuerfinanzierte Pflegeumlage eine Lösung, die politisch festlegt, dass jeder eine Pflegeabgabe mit der Steuer zu leisten hat. So könnten auch politisch feste Standards in der Pflege festlegt werden. Abseits der individuellen Pflegeversicherung und des Privatvermögens.

Wäre dann ambulante Pflege zuhause nicht doch eine Lösung?
Wir müssen in der ambulanten Pflege anders denken. Bei uns wird bisher mit dem Gedanken „was wird wie abgerechnet“ gearbeitet. Die Kräfte sind in Eile, gehetzt, kommen nur für ihre Leistungen etwa „Anziehen, Tablettenausgabe, Umlagern“ und sind schnell wieder weg. In Holland gibt es schon ein anderes Modell in der ambulanten Pflege. Im Buurtzorg-Modell wird ein Zeitkontingent veranschlagt, keine Leistungspunkte. Das heißt: zwei Stunden Zeit, in der sich ein Pfleger kümmert, nicht nur Medikamente gibt. Sondern etwa mit der betreuten Person auch Nachbarn besucht oder den Metzger, damit der Patient auch sozial eingebunden ist.

„In Holland wird im ambulanten Dienst nach Zeit statt nach Leistung abgerechnet“

Sind Pflege-WGs eine denkbare Lösung der Zukunft?
Abgesehen von den Wohnungspreisen und dem angespannten Wohnungsmarkt ist es in der Single-Hauptstadt München für viele sicher nur schwer vorstellbar, sich plötzlich im Alter mit Wildfremden eine Wohnung zu teilen, ein Bad oder ein WC. Außerdem müssten sie eigenstrukturiert und selbständig funktionieren und die Bewohner wirklich rüstig sein. Schwierig denkbar, wenn etwa in einer kleineren WG ein Bewohner im Sterben liegt und zwei an Demenz erkrankte zusammen wohnen. Da käme so eine WG an ihre Grenzen.

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