Solidarität noch immer wichtig

Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Interview mit Hallo München

Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Hallo München-Interview.
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Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Hallo München-Interview.
  • Andreas Schwarzbauer
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Die neue Bevollmächtigte der IG Metall München, Sibylle Wankel, erklärt im Hallo-Interview die Aufgaben und Ziele ihrer Gewerkschaft und was sie besonders an München mag.

Die IG Metall München hat seit Jahresbeginn eine neue Chefin. Sibylle Wankel gab ihren Posten als Justiziarin im Vorstand in Frankfurt auf und wechselte als Bevollmächtigte nach München.

„Es ist eine ungewöhnliche Reihenfolge, aber mein Herz gehört der Arbeit mit den Menschen.“ Der Schritt ist eigentlich eine Heimkehr, denn die gebürtige Wuppertalerin startete ihre Karriere bei der IG Metall 1997 in München.

Dort arbeitete sie als Juristin und Tarifverantwortliche, ehe sie 2016 nach Frankfurt wechselte. Dennoch behielt sie ihren ersten Wohnsitz in Sendling-Westpark.

Was sie an München besonders schätzt, welche Ziele sie hat und welche Herausforderungen auf die Münchner IG Metall mit ihren rund 47 000 Mitgliedern zukommen, verrät die 56-Jährige von A bis Z.

Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) von A bis Z

Aufsichtsrat: Ich sitze derzeit noch im Aufsichtsrat von Daimler. Aber das werde ich auf Dauer nicht mit der Betreuung von BMW, einem unserer mitgliederstärksten Betriebe in München, vereinbaren können. Grundsätzlich sind solche Posten aber gut, um Einblicke in wirtschaftliche Zahlen zu bekommen. 

Bevollmächtigte: Ich berate Betriebsräte in strategischen und Mitglieder in rechtlichen Fragen. Ich organisiere Tarif­konflikte und führe das Team vor Ort. Zudem habe ich eine Art Außenministerfunktion und vertrete die IG Metall gegenüber Politik und Arbeitgebern. 

Corona ist eine Herausforderung. Es ist nicht einfach, Kontakt zu unseren Mitgliedern zu halten, weil wir in den Betrieben nicht mehr so präsent sein können. Das zeigen auch die Mitgliederzahlen. 

Diskriminierung in Betrieben ist kein Münchner Problem, aber es kommt auch nicht gerade selten vor. Für mich ist es wichtig, klare Kante zu zeigen.

Erfolge: Der Kampf um den Sozialtarifvertrag bei Infineon in Perlach hat mich persönlich sehr berührt. Wir konnten die Schließung des Werkes zwar nicht verhindern, aber hohe Abfindungen durchsetzen.

Froh bin ich über ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts, bei dem ich als Richterin mitwirkte: Das Gericht hat klargestellt, dass das Streikrecht nicht an der Grenze von Amazon halt­macht und Streikposten auf dem Firmenparkplatz zulässig sind. 

Gewerkschaftshaus an der Schwanthalerstraße: Es wird 2021 abgerissen und bis 2024 neu gebaut. Ich freue mich darauf, dass die Gewerkschaften dann wieder einen Ort haben, an dem sie zusammenkommen können. Das ist nicht mehr unbedingt üblich. 

Herausforderung: Der Großteil unserer Mitglieder kommt aus der Automobilindustrie. Wegen der Elektrifizierung und der Digitalisierung verändert sich dieser Bereich gerade grundlegend. 

IT ist die Industrie der Zukunft und wir wollen auch für diese hoch qualifizierten Beschäftigten attraktiv sein. Sie haben andere Themen wie flexible Arbeitszeiten und bezahlte Überstunden. Tarifverträge sind für sie nicht so interessant. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht die Beschäftigten an der Werkbank verlieren. 

Justiziarin: Seit 2016 habe ich als Justiziarin der IG Metall gearbeitet, aber ich habe die Auseinandersetzung mit den Menschen vermisst.

Kurzarbeit: Viele unserer Mitglieder waren 2020 in Kurzarbeit – teilweise mit null Prozent Arbeit. Zuletzt hat sich die Lage gebessert. Die Autoindustrie hat beispielsweise wieder gut angezogen. Auch die Münchner Betriebe der Luftfahrt­industrie sind aktuell stabil.

Langen Atem braucht man für die deutliche Erhöhung der Tarifbindung. Das heißt: Mehr Arbeitgeber sollen an Tarifverträge gebunden sein. Wenn Regelungen für manche Betriebe einer Branche gelten und für andere nicht, treibt das einen Spaltkeil in die Belegschaften. 

Männerdomäne: Anfangs, 1997, sind mir als Frau Vorurteile entgegengebracht worden. Das hat sich geändert. Inzwischen gibt es bei der IG Metall mehr Frauen. Etwa ein Fünftel unserer Mitglieder ist weiblich. 

Nachwuchs: Bei der Jugend läuft es sehr gut. Teilweise treten 100 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs bei. Eine starke Motivation ist sicherlich, dass unsere Tarifverträge eine unbefristete Übernahme von Azubis vorschreiben. 

Ordentlich war vor Corona unsere Mitgliederentwicklung. 2016 bis 2019 ist die IG Metall München um etwa 3000 Personen gewachsen. Mein Ziel ist es, das fortzusetzen. Das Potenzial ist in München mit seinen vielen Firmenzentralen da. 

Politik: Der Gegenwind aus der bayerischen Politik ist teilweise stark, weil wir sehr wirtschaftsnahe Politiker haben. Das ist mitunter gut für die Beschäftigungsquote, aber bei Verpflichtungen für die Arbeitgeber sind sie sehr zurückhaltend.

Quote: Bei der IG Metall besetzen wir 30 Prozent der Posten in den Gremien mit Frauen. Das funktioniert gut. In den Betriebsräten ist das etwas schwieriger. Ich würde mir dort mehr Förderung von Frauen wünschen.

Rückschritt: Als Rückschritt sehe ich meinen Wechsel nach München nicht. Im Gegenteil. Mich hat von Anfang an begeistert, gemeinsam mit den Menschen vor Ort ihre Arbeitsbedingungen zu gestalten. Und als Justiziarin konnte ich tarifpolitisch nicht viel beeinflussen. 

Solidarität ist für die meisten Menschen nicht der Grund, der IG Metall beizutreten, sondern weil sie davon einen ganz konkreten Vorteil haben. Aber wir können in den Betrieben nur etwas bewegen, wenn viele Kollegen zusammenstehen. 

Tarifverhandlungen: Man muss klar seine Positionen vertreten. Zu einem Tarifvertrag gehören aber zwei Unterschriften, daher muss man stets auch kompromissfähig bleiben. In der aktuellen Tarifrunde setzen die Arbeitgeber leider auf reine Blockade. Jede weitere Eskalation müssen sie sich daher selbst zuschreiben.“

Unmut: Mich ärgert es, wenn die Notwendigkeit von Gewerkschaften infrage gestellt wird, denn eigentlich sind sie im Interesse aller. 

Vorbild im Kampf für Arbeitnehmerrechte ist für mich Yilmaz Subatli. Er war 2005 stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Chipfertigung von Infineon in Perlach und hat vorbildlich und effizient den Widerstand in der Belegschaft gegen die Schließungspläne der Arbeitgeberseite organisiert. 

Wahlheimat ist München für mich. Die Verkehrs­anbindung ist toll, denn man kommt überall schnell hin – zumindest mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr. Das kulturelle Angebot ist sehr interessant. 

X-fach sind die Angestellten von BMW, MAN und MTU der IG Metall München beigetreten. Das sind unsere mitgliederstärksten Unternehmen.

Yoga mache ich nicht. Zur Entspannung lese ich gerne, jogge oder rudere auf dem Starnberger See.

Ziele: Mein oberstes Ziel ist es, die Stärke der IG Metall München auszubauen. Außerdem will ich in der Pandemie und der Transformation unserer Arbeitswelt möglichst viele Jobs erhalten. Ich möchte auch einen stärkeren Fokus auf den Klimaschutz richten. 

A. Schwarzbauer

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