Schicksalsschläge, Familie und die Kirche

„Man muss Glaube und Kirche trennen“ ‒ Schauspielerin Michaela May im Hallo-Interview

Das positive Denken von der Mutter und den Humor von der Großmutter: Michaela May.
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Das positive Denken von der Mutter und den Humor von der Großmutter: Michaela May.
  • Claudia Theurer
    VonClaudia Theurer
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Am 18. März wird Michaela May 70 Jahre alt, jetzt erschien ihre Autobiographie „Hinter dem Lächeln“. Wie die Schauspielerin traurige Schicksalsschläge ihrer Familie verarbeitet hat, warum die #me too-Debatte für sie eine ganz besondere Bedeutung hat und was sie an der Kirche kritisiert, verrät die Isarvorstädterin hier.

Hallo München verlost vier Exemplare der Biographie „Hinter dem Lächeln“.

Frau May, Sie standen schon mit zwölf Jahren in „Onkel Toms Hütte“ zusammen mit O.W. Fischer vor der Kamera. War Ihnen klar, mit welcher Größe Sie es da zu tun hatten?

Natürlich nicht. Es war mir auch egal. Als Kind sind ganz andere Kriterien entscheidend, als damals für meine Eltern, die voller Ehrfurcht waren, als sie hörten, dass O.W. Fischer meinen Vater spielen sollte. Für mich war er einfach nur ein komischer Vogel, der auf der Fahrt vom Hotel zum Drehort in Jogginghosen und Zipfelmütze neben mir im Auto saß und Sprechübungen machte.

Sie sind seit 1962 ohne Unterbrechung auf Bühne und Leinwand zu sehen. Wird man da nicht irgendwann mal müde?

Im Gegenteil. Der Beruf ist wie eine Droge. Man kann nicht aufhören, will immer noch weitermachen. Außerdem: Was gibt es Schöneres, als so viele Leben zu erleben, immer wieder neue Menschen und auch Länder kennenzulernen?!

Von wem haben Sie am meisten gelernt fürs Leben aber auch als Schauspielerin?

Von meiner Mutter mit Sicherheit fürs Leben. Sie hat mir beigebracht, stets positiv zu denken, neugierig zu bleiben und eher das Gute und nicht das Schlechte zu sehen. Von meiner Großmutter habe ich den Humor geerbt und vielleicht auch, das Leben leicht zu nehmen. Als Schauspielerin lernt man mit jeder Rolle dazu. Aber natürlich gab es Kollegen, die mich in der Zusammenarbeit mehr geprägt haben als andere; zum Beispiel die große Therese Giehse, oder Edgar Selge, der mehr als zehn Jahre mein Partner im „Polizeiruf 110“ war.

Sie haben in über 300 Filme mitgewirkt. Gibt es noch eine Traumrolle?

 Nein. Ich freue mich über jede neue Rolle, in die ich mich „hineinträumen“ kann. Und je älter ich werde, desto interessanter werden die Rollen.

Mitten in der Wüste Afrikas erfuhren Sie von Ihrer Mutter, dass der damals noch unbekannte Helmut Dietl Sie für die Rolle der Susi in „Münchner Geschichten“ besetzen wollte. Ahnten Sie damals schon, dass die Serie Kult wird?

Weder, dass sie so erfolgreich, noch, dass sie Kult werden würde. Aber dass es außergewöhnlich gute Drehbücher waren, erkannte ich sofort. Es war die erste Serie, mit einer neuen, ganz speziellen Sicht auf die bayerische Jugend, fernab von Volkstümelei in Lederhosen.

Mit 17 wurden Sie von einem Regisseur, den Sie nicht nennen, begrapscht. Damals wie heute ein Unding. Höchste Zeit für die #me too-Debatte?

Sie war längst überfällig und wir Frauen können froh sein, dass es sie gibt. Sie hat dazu beigetragen, dass das Problem der sexuellen Belästigung in die Öffentlichkeit gerückt ist und die Gesellschaft sensibler gemacht hat gegen jeglichen Machtmissbrauch.

Sie hatten drei Geschwister, die sich alle das Leben genommen haben. Zweifelt man da nicht an der „Institution“ Familie?

An der Familie habe ich nie gezweifelt. Sie war und ist für mich die Quelle meiner Kraft.

Sie haben so eine positive Ausstrahlung. Bei der Lektüre Ihres Buches dachte ich immer, wo nimmt die Frau nur die Kraft her?

Eben aus dem Familienverbund. Auch der mit meinen Eltern gemeinsam gefasste Entschluss, die schrecklichen Erlebnisse der Vergangenheit ruhen zu lassen.

Gemeinsam mit ihren Geschwistern Karl, Hans und Gundi lächelt May (2. v.r.) in die Kamera.

Nach dem Suizid Ihrer Geschwister durften diese keine kirchliche Bestattung erfahren. Hat sich seitdem Ihre Haltung gegenüber der katholischen Kirche verändert?

Nach dem Tod meiner Mutter bin ich aus der Kirche ausgetreten. Vorher wollte ich ihr das nicht antun, weil sie im Glauben soviel Halt gefunden hat.

Was halten Sie derzeit von der katholischen Kirche?

Man muss Glauben und Kirche trennen. Die Institution Kirche hat für mich all ihre Chancen verwirkt. Das Patriarchat, ihre Haltung zur Stellung der Frau, der Zölibat, die sexuellen Übergriffe… Was ich am Schlimmsten finde, ist, dass die Kirche die Wahrheit predigt, aber die Unwahrheit vorlebt.

Sie sind ja Schirmherrin der Mukoviszidose e.V., engagieren sich für die SOS-Kinderdörfer und die Welthungerhilfe, außerdem unterstützen sie mit Elmar Wepper den Verein RETLA (Alter). Was meinen Sie, bewirken zu können?

Ich will kranken und sozial benachteiligten Kindern helfen, mich für Gerechtigkeit bei der Verteilung von Nahrungsmitteln in der Welt engagieren und ältere Menschen aus ihrer Einsamkeit holen. Mit meinem Engagement versuche ich, all dies Missstände ein Stück weit zu verbessern.

Wie haben Sie die Corona-Zeit erlebt?

Indem ich dieses Buch geschrieben habe. Nach einem Jahr der Pandemie konnte man ja wenigstens wieder drehen, wogegen das Theaterspielen anfänglich überhaupt nicht und auch jetzt immer noch mit großen Einschränkungen möglich ist.

Hallo München verlost vier Exemplare der Biographie „Hinter dem Lächeln“.

2003 haben Sie Ihren jetzigen Mann kennengelernt und geheiratet. Was ist das Geheimnis einer guten Beziehung?

Es gibt kein Geheimnis. Ich glaube, es ist einfach nur bedingungslose Liebe, ohne den Anspruch, den anderen verändern zu wollen, sich zu respektieren, miteinander zu reden und immer wieder zu überraschen.

Sie schreiben, das Leben ist ein großer Suppentopf. Wie ist das zu verstehen?

Ich vergleiche unsere Gesellschaft mit einem großen Suppentopf. Die Suppe hat unendlich viele Ingredienzien von denen wir alle leben. Solange ich auf der Welt bin, ernähre ich mich davon und gebe auch etwas zurück. Irgendwann werden wir gehen und lassen im besten Fall für die Nachwelt etwas Essentielles zurück.

Ab wann beginnt die Altersweisheit?

Gegenfrage: Ab wann beginnt das Alter?

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Wegen der Pandemie stellt sich die Frage nach einem großen Fest nicht. Ich werde mit meinem Mann ans Meer fahren, in die Sonne, nach Italien. Das ist zumindest der Plan. Aber wer weiß…

Zur Person

Michaela May wurde am 18. März 1952 als Gertraud Mittermayr in München geboren. Ihren Namen wechselte sie 1967 wegen der leichteren Aussprache und um Verwechslungen vorzubeugen. Ihr erste Rolle hatte sie mit zwölf Jahren in „Onkel Toms Hütte“ an der Seite von O.W. Fischer. 1974 etablierte sich May mit der ­Kultserie „Münchner Geschichten“ in der Rolle der Susi als erfolgreiche Schauspielerin. 1980 heiratete die Münchnerin den Rechtsanwalt Jack Schiffer, mit dem sie zwei Töchter (und mittlerweile drei Enkelkinder) hat. 2003 hat sie ihren jetzigen Mann, den Regisseur Bernd Schadewald, kennengelernt und geheiratet. Wie sie ihren Geburtstag feiert? „Wegen der Pandemie stellt sich die Frage nach einem großen Fest nicht. Ich werde mit meinem Mann ans Meer fahren, nach Italien.“

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