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Regisseur Marcus H. Rosenmüller im Interview über seinen ersten Animationsfilm „Willkommen in Siegheilkirchen“

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Von: Sabina Kläsener

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Regisseur Marcus H. Rosenmüller.
Regisseur Marcus H. Rosenmüller. © dpa/Felix Hörhager

Der Regisseur liebt das Gewimmel und Geschnatter am Beckenrand – und tankt dort Kraft zwischen seinen Projekten. Nun kommt sein erster Animationsfilm ins Kino. Welche seiner Einschätzungen er mittlerweile revidieren musste, wie er seinen vollen Terminplan aushält, welches Talent ihm dafür gänzlich fehlt, lesen Sie hier.

Der Arbeitstitel des Films lautete „Rotzbub“. Wie viel Rotzbub steckt im Rosenmüller?

Nicht so viel wie in unserem Film, das auf keinen Fall. Ich war ein einigermaßen freundliches und glaube auch unkompliziertes Kind. Auch sehr integriert und kein künstlerischer Außenseiter. Ich war damals Mitglied in diversen Vereinen – wie Fußball und Fasching.

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Nicht ganz der Träumer wie Ihr Inspirationsgeber.

Nein, während Manfred Deix schon früh angefangen hat zu zeichnen, ist das ein Talent, das mir leider gänzlich fehlt.

Der Film spielt „irgendwann in den 60er-Jahren“, könnte aber auch von heute sein. War das auch der Anknüpfpunkt?

Es ist tatsächlich eine zeitlose und immer wieder aktuelle Geschichte. Wenn ich erkennen würde, so war es damals, und es hat keine Auswirkung auf das Heute, dann würde es mich nicht jucken. Aber es hat uns trotzdem überrascht, wie schrecklich aktuell alles wurde. Weil 2010 beziehungsweise 2012, als wir angefangen haben, waren viele Aspekte eher unterschwellig und noch nicht so ausgebrochen.

Zum Beispiel nach den Flüchtlingswellen und nach 2017, als die AfD in den Bundestag eingezogen ist.

Ja, zum einen das unsägliche Wiedererwachen der rechten Parteien, aber auch die schlimmen Aufdeckungen in der katholischen Kirche und deren Unfähigkeit zur Aufklärung.

Es lief in diesem Sinne – leider – für Sie.

Leider. Man wünscht es sich ja nicht, man denkt es nicht mal.

Es ist Ihr erster Animationsfilm. Vor ein paar Jahren haben Sie gesagt, es sei eine Herausforderung ohne Schauspieler. Ihre Bilanz: Animation...

...macht auch Spaß. Ich hoffe, es wird nicht der einzige Ausflug sein. Ich muss meine Einschätzung auch revidieren. Ich habe gemerkt, die Sprecher – österreichische Schauspielgrößen – beseelen die Figuren. Da macht selbst das Spiel mit der Stimme enorm viel aus. Eine Wechselwirkung.

Es ist wieder ein Film aus der Sicht eines Kindes. Ist das ein besonderer Blick auf die Welt?

Ich glaube schon, weil sie immer wieder die Gesetze, die gelten, hinterfragen, manchmal auch ganz naiv. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Sachen, mit denen wir uns schon abgefunden haben. Es ist das Alter der Entdeckungen, der Neugierde, das Erwachen der Sexualität, der Rebellion, gegen die Eltern, gegen die Gesellschaft. Wohin geht meine Reise? Es ist ja auch interessant, dass heute große Bewegungen für Veränderung von der Jugend angestoßen werden.

Als sie die Professur an der HFF angetreten haben, sagten Sie, dass Sie den Studenten helfen wollen, eine Haltung zu finden. Hat sich diese bei Ihnen gewandelt?

Ja. Früher hatte ich noch mehr Ansinnen, meine Moralvorstellung als alleingültig darzustellen. Heute finde ich es wichtig, mehr Verständnis für andere Wahrheiten nebeneinander als Diskussionsplattform gleichberechtigt darzustellen. Das ist durchaus etwas, das ich in zukünftigen Filmen noch stärker berücksichtigen möchte.

Schadet in der aktuellen Debattenkultur nicht.

Das merke ich eben auch, dass es nichts nutzt, seine eigene Sichtweise als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen, weil sie es vielleicht nicht ist. Sondern man eben lernen muss: Themen sind komplex, die Ängste sind verschieden und man sollte immer Verständnis für verschiedene Seiten aufbringen.

Wenn man sich Ihre Filmographie anschaut, gibt es keine Lücken. Wie entspannen Sie?

Es gibt Phasen, wo es mal zu viel wird, wo man sich denkt, jetzt spinn nicht, lass dir mehr Zeit. Ich lass mich leider auch oft von tollen Leuten überreden, beim Projekt dabei zu sein. Die Verführung ist immer groß, man weiß, man hat die Chance dabei zu sein oder nicht. Und dann gewinnt mein Ehrgeiz. Natürlich auch, weil Filmemachen einfach Spaß macht. Die Vorproduktion und die Anspannung, das Drehen sind immer das Nervenaufreibendste. Die Postproduktion ist eine Arbeit, bei der ich entspanne, bei der ich nicht mehr diesen Druck und Stress habe. Da habe ich schon das Gefühl, mich zu erholen.

Gibt es für Sie in München einen Ort, wo Sie Kraft tanken?

Ja, tatsächlich an der Isar und im Freibad. Ich liebe das Geräusch von sich unterhaltenden und spielenden Menschen, wo alle Generationen, Gewimmel, Geschnatter, gockelnde Männer zusammenkommen. Früher bin ich ins Freibad gefahren, um zu schlafen. Dann habe ich mich hingelegt und hatte das Gefühl, ich verpasse nichts im Leben und bin im Jetzt.

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Zur Person

Moderne Heimatfilme, Inszenierungen des Nockherberg-Singspiels und nun also Animation: Das Repertoire von Regisseur und Drehbuchautor Marcus H. Rosenmüller, geboren am 21. Juli 1973 in Tegernsee, ist groß. Spätestens seit 2006 und „Wer früher stirbt ist länger tot“ ist er nicht mehr aus der deutschen Filmszene wegzudenken. Seine Erfahrungen gibt er seit 2020 gemeinsam mit Julia von Heinz („Und morgen die ganze Welt“) als Leiter des Studiengangs

„Regie Kino- und Fernsehfilm“ an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), an der er selbst studierte, weiter. Mit „Willkommen in Siegheilkirchen“ kommt nun Rosenmüllers erster Animationsfilm in die Kinos.

Parallel arbeitet er an einem ganz besonderen Projekt: „Neue Geschichten vom Pumuckl“, diesmal mit Meister Eders Neffen, gespielt von Florian Brückner. Regisseur Rosenmüller verrät nur so viel: „Ich bin ein großer Fan und es ist eine große Aufgabe, weiterhin so schöne Geschichten wie wir sie in der Kindheit erleben durften, zu kreieren. Wir hauen uns rein!“ Die 13 neuen Folgen sollen Ende 2023 beim Streamingdienst RTL+ gezeigt werden.

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