A bis Z mit Klimaaktivistin Antonia Messerschmitt

Antonia Messerschmitt: „Wir schwänzen nicht, wir streiken“

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Sie ist Münchens Greta: Die Pasingerin Antonia Messerschmitt (19) bringt wöchentlich tausende Schüler zu Protesten auf die Straße.

Seit Monaten demonstrieren Schüler freitags für den Klimaschutz. In Hallo spricht die Münchner Organisatorin Antonia Messerschmidt (19) über ihre Ziele und das schwedische Vorbild Greta Thunberg.

Auch am Karfreitag werden auf den Straßen in der Innenstadt ab 11 Uhr wieder tausende Schüler ihre Banner ausrollen: „Fridays for Future“ macht keine Pause – auch nicht in den Ferien. Der Klimawandel pausiere schließlich auch nicht. 

Seit Monaten bleiben Münchner Schüler am Freitag dem Unterricht fern, um für das Klima zu demonstrieren (Hallo berichtete) – und folgen damit dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg. Die Kommunikation erfolgt über WhatsApp-Gruppen. Mitgliederzahl: 3000. 

Die Pasingerin Antonia Messerschmitt ist die offizielle Organisatorin der Münchner Protestbewegung. Im Interview verrät die 19-Jährige, was sie an Angela Merkel stört, wie ihre Eltern auf ihr Engagement reagieren und was sie und ihre Mitstreiter jetzt im Münchner Forderungspapier verlangen.

Sophia Oberhuber

„Fridays for Future“-Organisatorin Antonia Messerschmitt (19) von A bis Z

Alltag: Ich versuche auf allen Ebenen möglichst wenig zu konsumieren. Ich repariere Dinge und versuche, viel selbst zu machen. Ich esse kein Fleisch und verzichte größtenteils auf andere tierische Produkte. Ich bemühe mich, möglichst wenig Müll zu produzieren und verzichte auf Plastik. Auto fahre ich nicht, was teilweise stressig ist, weil ich draußen in Freising Forstwissenschaft studiere.

Bußgelder: Das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium hat Bußgelder angedroht. Im ersten Moment hatte ich Sorge, dass sich das jetzt durchsetzt. Als ich gemerkt habe, was da für ein Gegenwind aufkommt, war ich nur noch neugierig, wie sich das entwickelt.

CO2-Steuer ist eine der Forderungen von Fridays for Future. Wir müssen für das CO2, das wir ausstoßen, zahlen. Es ist wichtig, dass die Leute merken, wie viel sie zum Beispiel das Auto Fahren wirklich kostet.

Demos: Am 11. Dezember habe ich den Fridays for Future-Deutschland-Twitter-Account entdeckt. Innerhalb von 24 Stunden haben wir den ersten Streik organisiert. Danach hat sich ein Organisationsteam gebildet. Anfangs waren das zehn Leute, inzwischen sitzen bis zu 30 Menschen an einem Tisch.

Ernst genug genommen fühlen wir uns nicht. Es ist unverständlich, wie sich zum Beispiel Frau Merkel positiv über Streiks äußert, aber gleichzeitig keine sinnvolle Klimapolitik betreibt. Es ist, als würden sie sich selbst grün waschen wollen. Deshalb müssen wir weiter machen und auch Studenten, Berufstätige und Senioren mobilisieren.

Flüge sind in ihrer Klimaschädlichkeit so offensichtlich. Ich bin bisher vier Mal geflogen und habe nicht vor, das jemals wieder zu tun. Wenn mich jemand nach New York auf eine Klimakonferenz einladen würde, kann ich da wohl nicht kommen.

Greta Thunberg ist großartig, weil sie Dinge klar ausspricht. Getroffen habe ich sie leider noch nicht.

Hilfe beim Lernen erhalten Schüler bei „Fridays for Future“ zum Beispiel von Studenten. Wir bauen gerade Strukturen für Nachhilfe auf.

„Wir müssen anfangen zu handeln“

Instagram: Die sozialen Medien sind ein Faktor, warum der Protest so schnell so groß werden konnte.

Jubeln können wir erst, wenn unsere Forderungen umgesetzt sind: Wir fordern die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens und des 1,5 Grad-Ziels – also die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad zu begrenzen.

Klimawandel: Ich mag diesen Begriff nicht, weil er sich zu positiv anhört. Inzwischen benutze ich nur noch das Wort Klimakrise. Wir müssen anfangen zu handeln.

Lindner, Christian: Der Klimaschutz sei eine Sache für Profis, hat Christian Lindner als Reaktion auf unsere Demos gesagt. Da geben wir ihm Recht, denn die Wissenschaft weiß seit Jahren, dass wir etwas ändern müssen. Deshalb antworten wir: „Hey, dann macht doch mal, was die Profis euch schon seit Jahren sagen!“

München: Ich freue mich, dass die Münchner Bewegung so stark ist. Ich habe die Jugend hier bisher, zumindest in meiner ehemaligen Schule, dem Bertolt-Brecht-Gymnasium, nicht als besonders politisch wahrgenommen.

Noch in Arbeit ist ein Münchner Forderungspapier. Innerhalb der kommenden Wochen wollen wir damit an den Oberbürgermeister herantreten. Es muss sich etwas am Verkehr ändern und die Stadt ist für Radfahrer zu gefährlich. Eine komplett verkehrsfreie Zone innerhalb des mittleren Rings fände ich zum Beispiel sehr schön.

Organisation: Die Demos muss ich im Voraus anmelden. Ich kommuniziere dann vor Ort mit Polizei, Ordnern und Demonstranten.

Pausen: Ich arbeite wöchentlich rund 50 Stunden für Fridays for Future. Ich bin Delegierte der Ortsgruppe München. Es ist anstrengend, aber es ist wichtig. Daraus ziehe ich die Kraft. Ich nehme mir aber Zeit für mich wie zu Kochen oder den Judo-Nachwuchs zu trainieren.

Querulanten: Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft und das ist unfassbar viel wert. Es ist ganz normal, dass nicht alle einer Meinung sind. Auch wenn man aus meiner Sicht beim Klimathema keine andere Meinung haben kann, denn wir wollen alle eine Zukunft haben.

„Ich habe Angst vor der Zukunft“

Richtungsweisend sind hoffentlich unsere Proteste. Ich merke, dass sich der gesellschaftliche Diskurs verändert hat. Ich hoffe, dass das nicht nur ein Trend ist.

Schule schwänzen: Gerade scheint es keine andere Möglichkeit zu geben, Aufmerksamkeit zu erregen. Wir schwänzen aber nicht, wir streiken. Die Schüler verzichten freiwillig auf das Wissen, das sie im Unterricht bekommen könnten. Die Klimathematik ist ihnen wichtiger.

Traurig finde ich, dass sich immer noch wenig tut. Ich habe Angst vor der Zukunft. Den Generationen vor mir waren leider andere Dinge wichtiger.

Unterstützung: Meine Eltern waren nach einiger Zeit skeptisch, weil ich mein Studium dafür schleifen lasse. Inzwischen sind sie selber auf fast jeder Demo dabei. In manchen Familien sorgt die Teilnahme aber für Konflikte.

Vertreter: In der Politik läuft falsch, dass zu wenig für die Menschen und zu viel für die Profitinteressen der Konzerne gemacht wird. Dafür haben wir unsere Vertreter in der Politik nicht gewählt.

Wahlrecht: Ich halte eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre für sinnvoll. Es ist unfair, wenn Jugendliche bei der Entscheidung über ihre eigene Zukunft ausgeschlossen werden.

Xmal habe ich schon gesagt, dass die Politiker und Menschen der ganzen Welt endlich aufhören müssen zu reden und anfangen müssen zu handeln. Ich werde nicht müde, das immer wieder zu sagen.

Youngsters: Kinder und Jugendliche engagieren sich, weil das Problem durch Greta greifbar wurde.

Zukunft: Ich will in 20 Jahren noch eine Zukunft haben und bin jung genug, um die Klimakrise in all ihren Ausmaßen erleben zu müssen. Darauf habe ich offen gestanden keine Lust.

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