Adnan Maral und Deniz Aykanat im Gespräch mit Hallo München

Deutschtürken oder Türkeideutsche?

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Deutschland und die Türkei: In Hallo sprechen Münchner Türken über ihre Wurzeln, ihre Kultur, ihre Sprache(n) und hartnäckige Vorurteile.

Um türkischstämmige Deutsche halten sich zahlreiche hartnäckige Klischees und Vorurteile – Um Licht ins Dunkle zu bringen, hat Hallo mit Adnan Maral und Deniz Aykanat über ihre Wurzeln gesprochen

Er entspricht genau den Vorstellung eines türkischstämmigen, sie genau nicht: Schauspieler und Autor Adnan Maral („Türkisch für Anfänger“) und SZ-Redakteurin und Kolumnistin Deniz Aykanat teilen eins – eine deutsche Kindheit mit türkischen Wurzeln. Maral (50) kam im Alter von zwei Jahren nach Deutschland. Aykanat (33) ist in München geboren, lebte die ersten Lebensjahre in der Türkei, bevor sie in Großhadern aufwuchs. 

Beide haben ihre Erfahrungen jetzt zu Papier gebracht, Maral als „Süper­opa“ (Blanvalet) und Aykanat als „Isartürkin“ (Diana Verlag). Witzig schildern sie ihre Erlebnisse im Münchner Alltag. Aykanat redet von Deutschtürken, weil man dann wisse, was gemeint sei. „Wenn man türkische Eltern hat, aber hier geboren ist und einen deutschen Pass hat, passt Türkeideutsche eigentlich besser.“ 

Zwei Hallo-Redakteurinnen haben sich an je unterschiedlichen Tagen mit den beiden Autoren getroffen, um über Wurzeln, Sprache und Vorurteile zu sprechen. Welche Aspekte Adnan Maral und Deniz Aykanat besonders betont haben, lesen Sie hier.

von Marie-Julie Hlawica und Sabina Kläsener

Zwischen den Sprachen

Maral: „Ich bin mit der türkischen und der deutschen Sprache aufgewachsen. Nach drei Schuljahren in einer rein türkischen Schule waren meine Noten und mein Deutsch so gut und ich durfte auf eine deutsche Schule wechseln. Aber da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass die anderen wollten, dass wir Türken nicht mehr Türkisch untereinander sprachen. Meine dunklen wilde Locken habe ich versucht zu glätten. Erst später habe ich erkannt, bei den Mädchen kamen die Locken besser an!“

Aykanat: „In der Türkei ärgere ich mich immer wahnsinnig über mein Türkisch, denn ich würde es gerne genauso gut beherrschen wie Deutsch. Aber ich kann mittlerweile akzeptieren, dass nun mal Deutsch meine Sprache ist. Wenn man unbedingt diese Kategorien braucht, bin ich vermutlich mehr deutsch. Auf der Bierbank kann ich alle Wiesnhits mitsingen, aber in der Meyhane kein einziges türkisches Volkslied.“

Erziehung

Maral: „Meine Eltern waren streng mit sich, aber haben uns Kindern die Freiheit gelassen, gesagt: Ihr könnt selbst alles ausprobieren. Wenn ihr in die Moschee wollt, geht in die Moschee. Wenn ihr Schweinefleisch essen wollt, esst Schweinefleisch.“

Deniz Aykanat ist SZ-Redakteurin und Kolumnistin. Sie ist in München geboren, verbrachte ihre ersten Lebensjahre aber in der Türkei.

Aykanat: „Ich bin nicht religiös erzogen worden. Meine Mutter war ursprünglich katholisch, ist aber längst aus der Kirche ausgetreten. Mein Vater ist Moslem, aber kein praktizierender. Ich war aber trotzdem im Kirchenchor, weil ich einfach gerne gesungen habe.“

Name

Maral: „Jeder möchte dazu gehören, das ist menschlich. Aber die Frage ist doch: Wieviel gebe ich auf und was bin ich mit meiner Identität. Ich kenne Kollegen, die haben ihren Namen geändert. Das wäre für mich komisch. Wir sind wer wir sind – ein Teil Deutschlands. Ich bin auch Deutschland.“

Aykanat: „Mein Vater hat sich Sorgen gemacht und mir geraten, den Nachnamen meines deutschen Mannes anzunehmen. Heute freut er sich, dass ich unseren Familiennamen behalten habe. Mein Sohn trägt allerdings den Namen meines Mannes. Bei aller Sorge haben meine Eltern meinem Bruder und mir vorgelebt: Wir sind eben die Aykanats.“

Vorurteile

Maral: „Früher war alles noch viel klischeehafter. Ich habe zu Filmemachern gesagt, dass es mich stört, immer nur Türken zu spielen. Die Antwort war: Dann können wir dir keine Rollen mehr anbieten. Heute ist vieles anders: Wir gehen zum iranischen Augenarzt, beim ,Alten Wirt‘ ist der Kroate Pächter. Die Kunst ist doch, keine Berührungsängste zu haben.“

Aykanat: „Ich selbst bin selten direkt mit Vorurteilen konfrontiert worden. Durch mein Aussehen bin ich quasi undercover unterwegs. Auf meinen Namen werde ich aber immer angesprochen. Ich nutze das Überraschungsmoment, um das vorherrschende Bild über Deutschtürken zu revidieren. Vielleicht kann ich so eine Brücke bauen.“

Identität

Maral: „Ich finde eine Gesellschaft tragisch, in der man nicht offen damit umgehen kann, wer und was man ist. Das ist doch ein Stück Identität, wenn man sagt, da sind meine Wurzeln. Die möchte ich nicht verleugnen. Die Menschen sollten reflektieren: was ist meine eigene Qualität. Und damit eine Zugehörigkeit definieren. “

Aykanat: „Der große Unterschied zwischen Deutschen und Türken ist der Stolz auf das Vaterland. Aber es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Türken, als man denkt, ihre Besessenheit von Autos zum Beispiel. Und wenn es Gegensätze gibt, dann können die sich auch gut ergänzen. Aber kurz vor dem Referendum 2017 war die Stimmung gegenüber Deutschtürken auf einem Tiefpunkt. Die seien ja alle innerlich zerrissen und hätten einen Loyalitätskonflikt gegenüber Deutschland. Einer meiner Chefs bei der Süddeutschen Zeitung fragte mich damals, ob ich nicht Lust hätte, über meine persönlichen Erfahrungen zu schreiben. Und da hat sich gezeigt: Eine deutsche und eine türkische Seite in sich zu tragen, kann auch positiv sein. Und sehr witzig.“

Beobachtung bei Besuch einer Wahlkampfveranstaltung in Oberhausen vor dem Referendum 2017

Adnan Maral ist Schauspieler. Er ist in der Türkei geboren, kam aber bereits im Alter von zwei Jahren nach Deutschland.

Aykanat: „Die Menschen wirkten sehr konservativ, viele Frauen trugen Kopftuch. Das war ein eher religiöses und patriotisches Publikum. Aber gleichzeitig waren das nicht die Klischee-Gastarbeiter, die gerade von der Fabrik herbei gekarrt wurden. Sie fuhren teure Autos, die Frauen waren top gestylt. Die Leute, die ich interviewte, konnten sich gut ausdrücken, wirkten gebildet. Es gab auch bei den Organisatoren Frauen, die den Ton angaben. Gleichzeitig gab es dann aber auch streng getrennte Eingänge für Männer und Frauen.“

Deutsch-türkische Beziehungen

Aykanat: „Die Lage hat sich zwar beruhigt, was auch daran liegt, dass Opposition und freie Presse in der Türkei ausgeschaltet sind. Aber auch bei den Deutschtürken gibt es immer noch zwei Lager. Der Graben ist tief.“

Aykanat: „Die These, dass Türken die neuen Italiener sind, ist natürlich provokant. Während der Flüchtlingskrise kam der Gedanke auf, dass sich Türken und Deutsche jetzt möglicherweise näher sind, weil man sich mit den Jahren besser kennt und weil plötzlich andere Migranten, zum Beispiel aus Syrien oder Afghanistan, stärker im Mittelpunkt der Debatten stehen. Doch dann kamen der Putschversuch und das Referendum in der Türkei. In München leben Türken und Deutsche aber gut zusammen, finde ich. Es vermischt sich hier mehr als in so mancher Stadt im Ruhrpott.“

Überraschungen

Aykanat: „Wenn mich Freunde in Istanbul, wo ich ein Jahr studiert habe, besucht haben, waren die überrascht, wie westlich diese Stadt teilweise ist. Die dachten, da laufen nur vollverschleierte Frauen herum.“

Weitere Projekte

Maral: „Ich mache mit meiner Mutter, die 78 Jahre alt ist, auf Tele5 die Serie ,Mama Maral und die fättesten Cröss-Cültürfilme‘. Dort erklärt sie ihre Sicht auf Filme wie „Night on Earth“ oder „Kebab Connection“. Sie hat es genossen, wir haben in Frankfurt gedreht und komplett deutsch gesprochen, so wie sie halt spricht.
Und gerade habe ich den ARD-Film „Servus Schwiegersohn“ abgedreht – da lässt sich Tolga Büyütürk, was so viel heißt wie der große Türke, Toni nennen und gibt als Türke den Bayern, weil er denkt, dass die Menschen keinen Türken akzeptieren.“

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