Hallo-Interview

„Die Integration muss jetzt passieren“ ‒ Christian Stückl über die Theaterarbeit in München und Oberammergau

Kreativ im Chaos: Christian Stückl in seinem Büro im Neuen Volkstheater in München.
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Kreativ im Chaos: Christian Stückl in seinem Büro im Neuen Volkstheater in München.
  • Marie-Julie Hlawica
    VonMarie-Julie Hlawica
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Ob heuer die 2020 verlegten Passionsspiele in Oberammergau stattfinden, wird im März entschieden. Im Hallo-Interview verrät der Spielleiter und Intendant des Münchner Volkstheaters, warum er fest an die Premiere im Mai glaubt, wann er die Spielleitung abgibt und warum Integration so wichtig ist.

Herr Stückl, Sie proben in Oberammergau die Passionsspiele, leiten zeitgleich das Münchner Volkstheater. Schlafen Sie denn auch?

Aber ja, ich schlafe schon, auch ganz gut, aber wenig. Es ist viel zu tun in München, in Oberammergau, Proben überall, Gespräche mit dem Gemeinderat. Gestern etwa hätte ich um 10 Uhr heimgehen können, dann bin ich noch schnell ins Theater und am Schreibtisch eingeschlafen. Ich muss mich am Krawattl packen, mal Pause machen, dann geht es besser weiter. Aber ich kann überall und sofort einschlafen.

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Haben Sie als Spielleiter und Intendant alles im Blick? Corona-Inzidenzen, Krankenhausampel, Selbsttest...

In der Früh bin ich allweil ganz weg davon – da denke ich nicht an Corona. Dann geht’s los: In Oberammergau gab es erst zwei Judas-Darsteller, die beide Corona hatten, da konnten wir nur eingeschränkt proben. Dann krieg ich in der Früh einen Anruf, der Schnelltest einer Schauspielerin ist positiv, ihr PCR-Test, drei Stunden später negativ: Wir können doch am Abend spielen. Eigentlich reicht’s mir mit Corona.

Sie müssen ja auch Künstler und Kaufmann zugleich sein.

Die Einordnung ist schwierig. Ob man Künstler ist, können andere bewerten. Als Kaufmann versuch ich mein Bestes. Ich liebe das Kaufmännische nicht, aber ich bin, glaube ich, gar nicht so schlecht darin. Aber ich mache wahnsinnig gern Proben – deshalb empfinde ich, dass das der wichtigere Teil meiner Arbeit ist.

Steht die Finanzierung der Passionsspiele?

Wir wollten mehr als 25 Prozent Zuschauer, hatten 50, jetzt 75 und hoffen, dass wir schnell zum vollen Haus zurückkommen. Bei uns, mit 2G-Plus, Masken, eine gute Lüftung, keine Party, ist die Ansteckungs-Gefahr nicht sehr groß. Bei 65 Prozent Zuschauern sind wir im Break Even (wenn sich Kosten und Erlös decken, Anm. d. Red.).

Die Premiere am 14. Mai steht also fix?

Ich bin der festen Überzeugung: Wir spielen. Wir proben seit dem 6. Januar. Es gibt für mich keine Option, noch irgendwas umzustellen. Wir machen die Aufnahmen für den Bildband, Orchesterproben, arbeiten am Hygienekonzept und und und... Für mich ist 100-prozentig klar: Am 14. Mai ist die Passionsspiel-Premiere.

Haben Sie in den zwei Jahren nach der Absage 2020 Text oder Besetzung verändert?

Manche denken, ist ja bloß verschoben worden, man macht einfach da weiter, wo man aufgehört hat. Aber ich bastle jeden Tag, mach den Satz da, mach was dazu, stell um und muss die neuen Darsteller einfügen. Bei der Besetzung hat sich bei den Nebenrollen mehr verändert – etwa ein Drittel ist abgesprungen, manche können bloß noch am Abend mitspielen, weil sie arbeiten. Fast alle, die ich nachbesetzt habe, sind 2004, 2005, 2006 geboren, 15, 16, 17 Jahre alt. Ich finde es sehr spannend, dass jetzt schon die nächste Generation dabei ist.

Sie leiten jetzt zum vierten mal die Passionsspiele. Sind Sie 2034 zum 400-Jährigen der Spiele noch dabei?

Wenn du ein Stück machst, das nur alle zehn Jahre stattfindet, und du machst es, wie ich jetzt, das vierte Mal, das ist eh ein Geschenk. Ich plane nichts, ich wäre dann 72 Jahre alt. Viele sagen, sie können es sich nicht vorstellen, dass ich die Passionsspiele nimmer mach, wahrscheinlich kann ich es mir auch nicht vorstellen. Aber ich arbeite hier fast ausschließlich mit jungen Leuten zusammen, das Passionsspiel wird von den 30-Jährigen und jünger getragen. Ich hoffe, dass einer davon kommt und sagt: Jetzt mag ich das machen – ja, darauf freue ich mich. Ein junger Spielleiter bei einer Tradition, die 400 Jahre alt ist, ist wichtig. Ich glaube, ich habe in Oberammergau viel verändert und auf andere Wege gebracht. Aber dann muss jemand Neues kommen, vielleicht eben auch, ein Madl, das sagt, ich möchte es machen. Ich gebe die Spielleitung gerne weiter.

Was würden Sie selbst noch gerne ändern?

Bei der künstlerischen Arbeit, da kommst du nie irgendwo an. Das ist auch gut so. Denn sonst hast du das eine Werk geschaffen und machst nicht mehr weiter. Alles bleibt im Leben ein Versuch, aber den muss man beherzt angehen.

Ein Beispiel?

Die Integration. Wir müssen die Buam und Madl aus Afghanistan, Eriträer, die Italiener, alle, die bei uns wohnen, mit ins Spiel integrieren. Das Spielerecht bei den Passionsspielen besagt, dass man 20 Jahre hier leben muss, bevor man mitwirken darf. Das hat die Gemeinde mal beschlossen, das wird als Tradition verkauft. Aber wir können doch niemand abhalten, der bei uns mitspielen will! Es macht keinen Sinn, es ihnen erst nach 20 Jahren zu erlauben, wenn sie nicht mehr integriert werden wollen. Jetzt muss man sie fragen. Darum will ich mich kümmern, auch wenn ich 2030 kein Spielleiter wäre: dass Integration beim Passionsspiel möglich wird.

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Zur Person

1961 in Oberammergau geboren hat der gelernte Holzbildhauer früh seine Liebe zum Theater entdeckt, baute dort 1981 seine eigene Theatergruppe auf. 1987 wurde Christian Stückl in seinem Heimatort zum bisher jüngsten Spielleiter der weltbekannten Passionsspiele gewählt, die seit 1680 alle zehn Jahre stattfinden. 1990 übernahm Stückl dann die Regie der Leidensgeschichte Jesu mit rund 2400 Mitwirkenden, reformierte 2000 das Spiel, sodass neben Katholiken auch Protestanten mitwirken dürfen.

Als Assistent der Münchner Kammerspiele startete der Oberbayer 1991 durch, wurde mit seinen Regiearbeiten, ob an deutschen Bühnen oder bei den Salzburger Festspielen, bekannt. 2005 gab er die Idee zum Münchner Festival „Radikal jung“ und inszenierte 2006 mit André Heller die künstlerische Eröffnungsshow zur Fußball-WM in Berlin. Pandemiebedingt musste Stückl die Passionsspiele 2020 absagen, die in diesem Jahr vom 14. Mai bis 2. Oktober mit 110 Aufführungen stattfinden sollen. Neuheit diesmal: Die Jugendtage am 7.und 8. Mai, noch vor der offiziellen Premiere. 

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